Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1879)
- Date
- 1879-01-07
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 Die rHueU t ÜeschiinLung'). Vortrag, gehalten am 8. Deceinber 1878 im israelitischen Familienver'ein zu Stuttgart von Äletl. Dr Josef N»ff. Meine Herren! Als mich der geehrte Ausschuß Ihres Vereins mit dem schmeichelhaften Aufträge betraute, den diesjährigen Cyclus populärer Vorträge über Themen von allgemeinem oder specifisch-jüdischem Interesse zu eröffnen, fiel meine Wahl aus das Ihnen bekannt gegebene Thema. Die große Zahl der um mich Versammelten beweist mir, daß meine Wahl eine glückliche gewesen und das; das Interesse, das ich meinem Thema vindicire, auch Ihrerseits demselben zuerkannt wird. Nicht ohne einiges Bedenken gehe ich an meine Aufgabe, einen so delieaten Gegenstand in öffentlicher Versammlung zu besprechen. Ich werde Dinge zu nennen, Krankheiten zu besprechen haben, die sonst nur im medicinischen Hörsaal oder im ärztlichen Ordinationszimmer ihr Bürgerrecht haben. Doch alle diese delieaten Details beziehen sich auf einen Act, dessen Ausführung oder Unterlassung nicht dem Ermessen des Arztes, sondern dem der Laien anheimgegeben ist und deshalb erscheint es mir nicht blos gestattet, sondern geradezu geboten, dem Laien die Mittel an die Hand zu geben zur Bildung eines selbstständigen Urtheils über den Werth oder die Schädlichkeit dieses Actes, über die dabei mit unterlaufenden Gefahren odervöllige Gefahrlosigkeit derselben. Selbstredend hat die Besprechung meines Thcinas keinen Werth für den Strenggläubigen, der die Beschneidung als religiöses Dogma änsieht. Für diesen ist jede rationelle Begründung von Ueberfluß, beinahe sündhaft. Ihm genügt's, zu wissen, daß es in der heiligen Schrift Gen. Kap.! 7 V. 11 heißt: „Ihr sollt die Vorhaut an Eurem Fleische beschneiden, dasselbe soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und Euch." 2) Ich spreche für die große Mehrzahl Derjenigen, die den nicht aus freier Wahl überkommenen Glauben jetzt nach selbstständig gewordenem Urtheil nicht für weniger wcrthvoll, ja vielleicht für werthvoller, weil ihrer Denkweise weniger Gewalt anthuend, halten als alle übrigen herrschenden Glaubensbekenntnisse. Diesen nun ivill ich beweisen, daß die conditio sine <l»m non, der jüdische Väter ihre neugebornen Söhne unterwerfen müssen, für diese nicht nur nicht schädlich, sondern geradezu von eminentem Nutzen ist. Leider sehe ich mich vor Allein gezwungen, die Ihnen Allen wahrscheinlich bekannte Thatsache zu constatiren, daß die Beschneidung kein specisisch jüdisches, sondern ein aus Gesundheitsrücksichten bei den meisten Orientvölkern eingeführtes Gesetz ist. Ich citire als Beweis hierfür Delormc, Dietionnire de JMedccine: Dieser Gebrauch steigt bis ins höchste Alterthum hinaus; er war bei den ägyptischen Priestern eingeführt, die ihn für ein Mittel der Reinlichkeit, woraus sie so streng hielten, ansahen. Von ihnen ging er wahrscheinlich als ein religiöses Dogma zu den Hebräern und Muselmännern über. Dianfindet ihn auch bei den Bewohnern mehrerer Gegenden Afrikas, wo der Mahomedanismus nicht hingedrungen ist." .Ich sagte „leider", denn die Einführung eines solchen Brauches wäre eine That, unseres Moses Werth, gewesen, unseres Moses, dessen Dekalog noch heute und für immerdar der Grundpfeiler aller bürgerlichen Ordnung ist und bleiben wird * *). Zum genaueren Verständnis; des meinem Vortrage zum Titel gegebenen Actes gestatten Sie mir nur einige Bemerkungen über die Anatomie des uns hier beschäftigenden Organs. Dieses trägt an seinem vorder« Ende eine über dieses hinaus-, ragende Hülle, die aus einem äußeren und einen: inneren Blatte besteht und an ihrer Spitze eine Oeffnung hat, die der äußeren Harnröhrenöffnung entspricht. Das äußere Blatt dieser Hülle ist eine Fortsetzung der übrigen äußeren Haut, von der sie sich durch nichts unterscheidet, während das innere Blatt aus einer zarten, einer sogenannten Schleimhaut besteht. (Sine Analogie finden Sie an unseren Augenlidern. Diese Hülle nun ist die sogenannte Vorhaut. Der natürliche Zweck dieser Haut ist eine Schutzvorrichtung zu bilden für das äußerst empfindliche Organ, das sie einhüllt;!vir finden bei allen männlichen Säugethieren eine ähnliche, aus einer Fortsetzung der äußeren Haut gebildete Schutzvorrichtung, z. B. beim Pferd, Hund u. s. w. Vergessen dürfen Sie hierbei nicht, daß die Natur bei Schaffung ihrer Ercaturen für den Menschen sich kein eigenes System construirt bat. Sie schuf alle nackt und gab jedem Organ den ihm nöthigcn natürlichen Schutz. 0 Indem wir unsere fiemiblid/en Leserinnen ersuchen, diesen Artikel zu überschlagen, bemerken wir, daß cs sich in diesem, übrigens durchaus decent gehaltenen Portrage nicht um, den dogmatischem behalt und Schwerpunkt des besprochenen Actes, sondern nur um den medicinischen handelt. ' Die Redaction. 2) Wir können dem nicht ganz beistimmen. Auch dem „Strenggläubigen" ist cs erfreulich, den Werth einer religiösen Institution, w unantastbar sie an sich ist, auch wissenschaftlich begründet zu ü'hen. Redaction. 3) Zur Klarlegung dieser kurzen historischen Notiz bemerken wir, das; die Beschneidung keine mosaische Jnstiintion war, sondern ans Abraham zurückreicht, also eine Eigenthüinlichkeit des hebräischen Stammes war. Ilm so weniger kann dieselbe von den ägyptischen; Priestern hergeleitet werden, bei welchen sie — nicht aber bei dem ägnptischen Volke — im lyebranck stand. Stellen, wie l Mos. 34;!Jof. 5, <j; l Sam. ls, 25; Ezech. Kap. :.2 zeigen, dast nicht blos bie Kanaaniter, sondern auch die Assvrer, Phönicier, Aegypter :c.! durch die Nichtbeschneidung, also als einen (Gegensatz zu den Israeliten bildeten. Die Mohamed.rner nahmen erst ans dem Judenthum die Beschneidung an, wie schon ans dem Umstande erhellt, das; bei ihnen dieser Act erst an dem i 3jährigen Knaben vollzogen wird, wie dies bei Jsmaek. den sie ihren Stammvater nennen, der Fall gewesen. S. übrigens unsere ausführliche Darstellung in unserem Bibelcommentar zu i Mos. 17, io. Ncdac ti on.