Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1879)
- Date
- 1879-01-07
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 selten beliebt, beide zu vermischen, und unter dem Scheine der erstcrcn die Karten für die letztere auszuspielen oder umgekehrt. Die sociale Frage hat es gegeben, seitdem die menschliche Gesellschaft besteht, und an ihrer Lösung arbeitet diese im ganzen Verlaufe ihrer Entwicklung. Die Frage des Communismus und Socialismus aber stieg nur in vereinzelten Zeiten als Blasen aus dem Pfuhle völlig verworrener poli-< tischer und socialer Verhältnisse und Ideen auf. Jene geht; an der Hand der Entwicklung zur Seite der Gesellschaft, die sie fördert und von der sie gefördert wird, diese, die socia-; listische, will die Gesellschaft Umstürzen, auf den Kopf stellen ' und sie in Fundament und Wesen in ihr Gegentheil wandeln. > Die von der „Neuen Evangelischen Kirchenzeitung" aufge-: worfene Frage ging dem Pastor Rudolf Todt zu Berenthin,! wie er sagt, „durch's Herz". Die Antwort, die er gicbt, ist! bezeichnend. Wer die socialen Anschauungen des Neuei^ Testamentes darstellcn wollte, müßte sorgfältig sowohl die: Nationalökonomie als auch den Socialismus studiren; dazu aber hätten die Professoren der Theologie keine Lust und die praktischen Geistlichen keine Zeit oder keine Anregung; He ' theologische Presse aber beschäftigte sich zu viel mit den kirchlichen und politischen Angelegenheiten. Also, um die Anj schauungen der einfachen und ungeschulicn Derfasier der neutestamentlichen Schriften zu erkennen und zu verstehen, bedarf: es erst des Umweges durch das Labyrinth der Nationalökonomie j und durch die Jrrpfade des Socialismus! Die ncutestamentlichen Autoren haben so geschrieben, daß man ihre Anschauungen^ nur erst aussinden kann, wenn man Roscher, Roßbach, Lasalle,: Marx u. s. w., ja die socialistischen Journale gründlich studirt j hat. Der Widerspruch hierin liegt zu Tage — aber auch die j Erklärung. Wer in den neutestamentlichen Schriften die! socialistischen Grundsätze und Forderungen und die Wider-! legung der Rationalöconomen finden will, der muß freilich, vorher die Nationalökonomie und den Socialismus studirt j haben! Herr Todt charakterisirt sich so auf der ersten Seite seiner Schrift selbst am besten. Wir haben eine andere Ansicht. Wir glauben, daß gerade ein so altes und einfaches Schristthum, das mit Systemen und Philosophemen gar keinen Zusammenhang hat, lediglich aus sich selbst studirt, durchforscht, erkannt und erklärt sein ivill, und daß das Hereinziehen und Hineintragcn von Begriffen, Definitionen und Problemen, die erst siebzehn Jahrhunderte später erstanden sind, von vornherein verbürgt, daß aus solchem Gebühren nur ein Zerrbild entstehen tvürde. Wir unsrerseits haben vielmehr immer geglaubt, daß eine umfassende Darstellung der socialen Anschauungen des Reuen Testamentes darum nicht gegeben worden, weil solche im Grunde nicht vorhanden, weil der Stifter des Christenthums „sein Reich nicht von dieser Welt" erklärte, weil er seiner Religion nur die Tendenz gegeben, auf das Seelenheil des Individuums als solches zu wirken, jedes Individuums unter seinen individuellen Verhältnissen, und tveil darum das Christenthum von vornherein stets die politische und sociale Gesellschaft so nahm, wie sie tvar, was denn auch die Geschichte bis zum heutigen Tage bestätigt hat. Das Judenthum war hierin ganz anders gestellt, indem es bei seinem Beginn schon eine Volksgesellschaft zu organisiren, inunerfort an diesem Volke zu leben hatte, und selbst in der Zerstreuung die Juden in eigenthümlichen politischen und socialen Verhältnissen existirten, die erst in der neuesten Zeit beseitigt wurden — Herr Todt war anderer Meinung, studirte die Nationalöconomie und die deutschen Socialisten — Franzosen und Engländer ließ er bei Seite — nahm dann das Neue Testament vor und war so glücklich, die Grundsätze und Forderungen des deutschen Socialismus in den Schriften des Neuen Testaments zu entdecken, ivorauf er diese Entdeckung in einem dickleibigen Buche bekannt machte: „Der radicale deutsche Socialismus und die christliche Gesellschaft". Damit begnügte sich der Verfasser nicht, sondern er gründete auch den christlich-socialen Verein und der Verfasser erwartet von diesem Vereine einen „erfreulichen Beweis, daß er keinen Phantomen nachgejagt habe". Er schrieb dies in der Vorrede zur zweiten Auflage im Februar 1878. Welche Nolle dieser Verein seitdem gespielt und welche Erfolge er gehabt, ist bekannt. Der Beweis, den Herr Todt von ihm erwartete, ist nicht sehr „erfreulich" ausgefallen. Wir gestehen offen, daß wenn Todt nichts weiter als den Beweis zu. liefern versucht hätte, daß das Neue Testament die Grundsätze des Socialismus enthalte und lehre, wir es nicht als zu unserer Aufgabe gehörend betrachtet hätten, uns mit seinem Werke zu beschäftigen. Esist die Sache der christlichen Theologen, die Ansichten Todt's zu bestätigen oder zu widerlegen. Aber Herr Todt konnte nicht von der Art lassen und betrachtete es daher auf seinem Kreuzzuge zum Socialisnms als seine erste Aufgabe, Judenthum und Juden todtzuschlagcn. Auch dies bewog uns noch nicht, uns mit ihm zu beschäftigen, auch nicht, daß er uns persönlich-vor sein Forum zieht — denn wer vermöchte es, in diesen Tagen allen deutschen Judenfressern entgegenzutreten. Indes; bezeugt doch das Erscheinen der zweiten Auflage der Todt'schen Schrift und der vorübergehende Lärm, den Herr Stöcker auf Grund dieses Buches hervorgerufen, daß es nicht ohne Verbreitung geblieben nd daß sich die darin entwickelten Ansichten doch einigermaßen festsctzen könnten. Wir fühlen uns deshalb verpflichtet, auf ie Auslassungen des Herrn Todt etwas näher einzugehen.