Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1874)
- Date
- 1874-12-15
- Page
- Seite 857 (sequence 7)
- Language
- German
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HinscheiLens'des Herrn Joseph Altmann, geistlichen Mitgliedes des Großh. Oberraths der Israeliten, willigten wir in den Wunsch -der Hinterbliebenen, daß außer durch den hiesigen Bezirks-- und ... Conferenzrabbiner, Hrn. Willftätter, und den Stadt- und Conferenz- - rabbiner Herrn vr. "Friedmann in MannheM, noch von auswärtigen Rabbinern auf dem Friedhöfe Trauerreden gehalten - werden. ■ - ' - . Hätten wir ahnen können, daß Herr lw. Lehmann aus Mainz, an dem von vornherein so Vieles zu beanstanden war, die Kanzel betreten und an geweihter Stätte, auch bei dieser traurigen Veranlassung, seinen intoleranten, friedestörenden und ultraorthodoxen Gesinnungen Worte verleihen wurde, wir hätten wahrlich durch , solche politische Auswüchse unsere Gebethalle nicht entweihen lassen.. - Herr Rabbiner Willftätter sprach mir bekannter Meisterschaft mit edlen Worten, in richtiger Würdigung seiner hiesigen Stellung und seines persönlichen Verhältnisses zu dem Dahingeschiedenen, meist von den Privatlugenden desselben, während Herr vr. Friedmann, als mehrjähriger College im Oberrath und intimer Freunds des Verblichenen,- dessen öffentlichen Charakter zum Thema wählte. Es sei ihm, sagte der Redner, im Hinblick auf die hiesigen religiösen Parteiungen peinlich davon zu 'reden, aber noch peinlicher darüber zu schweigen, da Jedem die Frage auf dem Herzen liege: wie sich der Verklärte in seiner zweiundzwanzigjährigen Stellung in der höchsten israel. Religionsbehörde des Landes, zu den schwebenden, brennenden Zeitfragen verhalten! Ein Schweigen hierüber käme einer'beleidigenden Umgehung gleich. In meisterhaft vollendeter Form, mit erstaunlicher Gedankenfülle, stets an der geeigneten Stelle, von seiner bekannten rabbinifchen Gelehrsamkeit unterstützt, schilderte der Redner mit innigster Freundeswärme den Verblichenen,. nach einem sinnigen rabbinischen Spruche, einerseits als eine „Sonnenseele",, da er ein eigenes Licht, ein selbstständiges Uriheil und kritischen Blick besaß, andererseits aber als eine „Mondseele", wegen seiner Sanftmuth, - Bescheidenheit, Milde und Friedensliebe. — Der ' Weg/ den der Verewigte gewandelt, sei stets die „goldene^, that- - sächlich aber dornenvolle Mittelstraße gewesen, gleichweit entfernt von dem Feuer des Fanatismus, wie von dem Schnee der Gleichgültigkeet; als ein echter Priester sei der Verblichene stets -bestrebt gewesen, durch vermittelnde Thätigkeit den Gemeinden des Landes/ soweit es in seiner Kraft lag,- als höchstes Gut, als Las „Siegel alles Segens", den Frieden zu erhalten. Trennung in der Gemeinde sei ihm stelA ein schreckliches Wort gewesen. Hieran anknüpfend, forderte der Redner nicht die eine oder andere Partei, sondern dieganze Gemeinde Karlsruhe, ' zum Frieden auf. Die erste Amnestie von der wir Kcnntniß ' haben, sei in der Bibel vorgeschrieben, und diese sollte eintreten - nach dem Tode des Hohenpriesters; auch hier sei ein Hoherpriester .'plötzlich unerwartet - in die Arme des Todes gesunken, mtif fo möchten die' Parteien, in dem Allen gemeinfameri Schmerze, ihre Gemeinsamkeit-wieder finden und einander an dieser Bahre Amnestie und Versöhnung-geloben. In feinem, edlem Tacte unterließ der Redner jede Erwähnung der hier obschwebenden Streitpunkte, er forderte keine Partei zu unbedingter Unterwerfung unter die andere auf, ermahnte vielmehr Alle zur Wiederherstellung des Friedens und der Einheit in der Gemeinde. Die Wirkung dieser, hier nur in den äußersten Umrissen gezeichnete Rede war eine wvhlthuende, und wenn derselben gegenüber ein Einwurf .gestattet ist, so wäre es der, daß die Worte allzusehr dem warmen, schmerzerfüllten Freundesherzen entsprossen, da Manches hervorgehvben wurde, dem wir unsere Zustinkmungnicht geben können. Niemand aber konnte ahnen, daß dieser Rede, zumal an dieser Stätte, eine Replik folgen könnte. Aber gerade diese Wirkung der Rede versetzte Herrn l)r. Lehmann in Aufruhr; er lärmte, tobte und schlug mit den Fäusten aus die Kanzel nach Art des Schiller'schen Kapuziners; er könnte, so sagte er, nicht zugeben, daß der Verklärte eine Sonnenseele gewesen, ein eigenes Licht, ein selbstständiges Urtheil und gar einen kritischen Blick besessen, denn auch die Sonne habe kein eigenes Licht aus sich selbst, und Moses, der eine Sonnenseele gewesen, habe die Thora nicht seinem kritischen Blicke, sondern Gott zu verdanken! Mit tumultuarischer Heftigkeit bestritt er, daß der Verblichene ein Mann des justo milieu gewesen, er habe vielmehrseinem, des Redners extremsten Orthodoxismus angehört. Das Streben nach Versöhnung zwischen dem heiligen Erbe der Väter mit den berechtigten Forderungen der Zeit, dÄs I)r. Friedmann empfohlen, sei durchaus verwerflich; der Friede sei kein höchstes Gut, sondern nur ein Gefäß, für dessen Erringung auch nicht die Mergeringste Concession zu macheu^sei. Kampf, Kampf und Kampf sei das Losungswort des Verklärten gewesen und verbleibe auch das der.Partei des Redners. ■ Ein peinigendes Gefühl hatte sich während dieser .Rede der Versammlung bemächtigt, und es scheint Herr vr. Lehmann hat nachträglich wegen seines Gebahrens Scham empfunden, da er in dem von ihm besorgten Abdrucke seiner Rede im „Israeliten" die meisten Kraftstellen selbst unterschlagen hat, aber er und seine Geistesverwandten setzen den Exceß gegen Herrn Dr. Friedmann in ihrer Presse fort und fort. Der scharfsichtige Herr vr. Lehmann will nach der Rede des Herrn vr. Friedmann bemerkt haben, wie die Söhne. des Dähingeschiedenen in Kummer und Entrüstung erwartungsvoll auf ihn schauten. Wir wissen jedoch, daß der älteste Sohn des Verblichenen, Herr Stiftsrübbiner vr. Allmann in Hannover,'in einem besonder» Schreiben, Namens seiner Mutter und Geschwister, Herrn vr. Friedmann herzlichen Dank ausspricht für die am Grabe seines theuren Vaters gesprochenen sinnigen, warmen, gedankenreichen und eindringlich^ Worte. Herr Alt-' mann preist es als einen Trost bei dem herben Verluste, daß