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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-12-15 · Heft 51 (15.12.1874) · p. Seite 853

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 51 (15.12.1874)
Date
1874-12-15
Page
Seite 853 (sequence 3)
Language
German
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.Berlin, 6. December. Die jüdische Gemeinde in Lerlin. - Wir erhalten von. Berlin folgende zwei Corresponvenzen: Berlin, 3. December. Am 1. d. fanden die Neuwahlen für die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde statt. Es ergab sich eine wohlthuende Betheiligung. Das Wetter war abscheulich; das Wahllocal war für die ungeheure Stadt nur eines (Oranienburgerstraße 30). Dennoch fanden sich von 5846 Wahlberechtigten 1719 ein, also ungefähr dreißig Procent, wahrend vor drei Jahren nur zwanzig Procent wählten, und bei den jüngsten Stadtverordnetenwahlen nur zehn Procent der Wahlberechtigten an der Urne erschienen. Zu den Wählern trugen alle Schichten der jüdischen Bevölkerung Berlins ihr Contingent bei, die Wissenschaft und die Finanz, Kaufmann, Fabrikant, Handwerk und Gewerbsmann. Nun lag diesmal durchaus kein besonders aufregender Gegenstand vor. Die echte Theilnahme an dem Bestände der Gemeinde sprach sich hiermit deutlich und in erfreulicher Weise aus. F. Berlin, 4. December. , Sie wissen, daß ich ein eifriger Anhänger der Gemeindeeinheil bin und mich überzeugt halte, daß wir ohne dieselbe in eine völlige Verwahrlosung Hineintreiben würden. Und zwar glaube ich dies nicht um der Orthodoxie und nicht um des Jndisferentismus willen, sondern aus einem einfachen örtlichen Grunde, wie ich gleich angeben werde. Sie haben aus dem Rechenschaftsbericht des Gemeindevorstandes das Wichtigste mitgetheilt. Jedermann kann sich daraus über die Tüchtigkeit unserer Organisation und die Trefflichkeit unserer Verwaltung unterrichten. Gegen die Centralisirung der Mittel und der Verwaltung läßt sich also nichts sagen. Aber die Stadt ist enorm groß und wird immer größer; die jüdische Bevölkerung, wenn sie auch in einem gewissen Stadttheile am stärksten vertreten ist, hat sich doch zahlreich über die meisten Stadttheile ausgebreitet. Aus diesen wird der Besuch der bestehenden Synagogen und nochmehr der Religionsschule dnrch die Kinder äußerst beschwerlich, ja unmöglich, und selbst das Armenwesen laßt sich unter wiesen Bedingungen nur sehr ungenügend durchführen. Eine Decentralifation der.'Gemeindeanstalten gehört deshalb zu den dringendsten Bedürfnissen. Wir müssen in jedem großen Stadttheile eine Synagoge und eine Religionsschule haben. Dies erfordert das religiöse Bedürfniß, dies die Gerechtigkeit, aber.auch die Klugheit. Man kann nicht erwarten, daß die Leute Jahraus Jahrein ihre bedeutenden Beiträge zahlen werden, ohne daß sie, dafür in billiger Weise die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse erhalten. Dies ist es, was der reiflichen Erwägung des Vorstandes und der Repräsentanten empfohlen werden muß. .Hier liegt kein Parteischwindel und keine Streitsucht zu Grunde, die in der That in der jüdischen- Masse Berlins keinen Boden haben, sondern ein' gesunder, religiöser Sinn, der wahrlich ernste Pflege verdient, ein Gesetz der Nothwendigkeit. Me Leute wären schließlich gezwungen, auf Separation zu agitiren, und dies würde der Gesammtheit, wie den einzelnen Theilen, zu großem Schaden gereichen. Es haben, sich hierüber schon gewichtige Stimmen hören lassen. Vor der jüngsten Repräsentantenwahl wurde folgender Aufruf verbreitet, der. gewiß ernste Beachtung verdient. Berlin, 26. November 1874. „Bei der am Dienstag, den 1. December, stattsindenden Repräsentantenwahl in der hiesigen jüdischen Gemeinde bietet sich eine ebenso günstige als wichtige Gelegenheit dar, auch Ihrerseits dahin mitzuwirken, daß dem so lange und tiefgefühlten Bedürfnisse einer Synagoge und einer Gemeinde-Religionsschule auch für die Bewohner der Louisenstadt endlich abgeholfen werde. Rufen Sie Sich in's Gedächtniß zurück, wie schwer unseren. Greisen und Frauen der-Besuch der Gemeinde-Synagogen, an den hohen Festtagen und anderen Veranlassungen durch die weite Entfernung wird und welche Art der Erbauung uns die größtentheils aus Speculation und Gewinnsucht etablirten Privatsynagogen gewähren, ferner, daß es uns unmöglich wird, bei den nur im Centrum der Stadt befindlichen Religionsschulen unsere Kinder im Glauben der Väter unterrichten zu lassen, und Sie werden gewiß sagen: gleiche Pflichten, gleiche Rechte! Wir zahlen die gleichen Gemeindebeiträge, wir wollen auch die gleichen Vergünstigungen an Erbauungs- und Lehrmitteln haben, wie die Bewohner der Königstadt! , Nur im Schooß der Repräsentanten-Versammlung kann die' endliche Erfüllung dieses unseres sehnlichen, von der Gerechtigkeit und Nothwendigkeit eingegebenen Wunsches angebahnt und durchgesetzt werden, und deshalb können wir jetzt nichts Zweckmäßigeres thun, als solche Männer zu unseren Repräsentanten zu wählen, welche mit warmen Interesse für unsere Gemeindeverhältnisse ausgerüstet, ganz besonders die endliche Gewährung einer Synagoge in der Louisenstadt aus Gemeindemitteln zu erreichen bemüht sind. Wir empfehlen Ihnen deshalb dringend die Wahl der umstehend bezeichnten Männer, von denen sich die mit fetter Schrift gedruckten ausdrücklich verpflichtet haben, die gewünschten Ziele verwirklichen zu helfen, und bitten Sie in Ihrem eigenen Interesse zur Wahl zu gehen und bei allen Ihnen befreundeten und bekannten Gemeindewählern auf die regste Betheiligung hinzuarbeiten. Uns spaltet nicht religiöse Parteifärbung — ob liberal, ob * orthodox — wir haben nur die Parole: Synagoge u n d G e - meinde-Religionsschule in der Louisenstadt! Helfen Sie also auch Ihrerseits, durch rechtzeitiges. Erscheinen an der Wahlurne und Ausfüllen von 26 Namen auf der Wahlliste dieses Ziel zu erreichen. Der Vorstand des Vereins für die jüd. Bewohner der Loüisenstadt."

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