Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1874)
- Date
- 1874-12-15
- Page
- Seite 852 (sequence 2)
- Language
- German
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anzueignenhat sich in zahllosen Beispielen wiederholt; man kann sagen, der ganze Stamm der Juden fror und hungerte ein halbes Jahrhundert, .um sich , auf das Niveau der modernem Bildung zu bringen. Heut zu Tage erweisen alle statistischen ^Tabellen, daß die Juden fünfmal mehr Schüler in die höheren Lehranstalten senden, als auf ihr Zahlenverhältniß entfallen. Wie sehr es zu ihrem Heile gereichte, daß sie diesen Jnstincten folgten, zeigt ihnen jeder Blick-auf den Zustand ihrer Stammesgenossen in den asiatischen und afrikanischen Ländern, zum Theil auch noch in. Rußland. Was wäre aus ihnen geworden, wenn sie in den civilisirten Ländern Europa's und Amerika's auf ihrer früheren Bildungsstufe geblieben wären! Die Ziele,:-die sie hierin erreicht haben,, verdanken sie sich selbst: man brauchte nichts, als ihnen die Fesseln abzunehmen, in die man sie geschlagen hatte. Anders auf dem politischen Gebiete. Hier vermochten sie selbst nichts, als ihr Recht durch das Wort geltend zu machen, nachdem der Staat liberal geworden und das Recht Überhaupt anerkannte. Auch da noch stellten und stellen sich ihnen alle noch nicht ganz überwundenen Mächte der Vergangenheit feindlich gegenüber, um ihnen nicht einzuräumen, was das Recht fordert, oder wieder zu entreißen, was das Recht ihnen gewährt hat. Der Liberalismus mußte sich erst'den Staat und die Gesellschaft erobert haben, bevor die Juden eine Verwirklichung ihres Rechtes erfahren konnten. Die Geschichte der modernen Staaten giebt hierfür die eklatantesten Belege. In der Matur jeder Bewegung liegt es aberdaß sie, jemehr sie an Kraft gewinnt, und nur dann vermag sie etwas zu leisten, desto leichter über das Ziel hinaustreibt. Der anschwellende Strom füllt nicht blos das leergewordene Bett, sondern übersteigt auch ein Ufer und überschwemmt die Fluren. Er muß geregelt und. zu einem geordneten Laufe eingehalten werden. Der Liberalismus hat immer die Gefahr mit sich gebracht, zum Radicalismus zu entarten, gerade wie jede Reaction bis zur Knechtschaft und Stupidität treibt. Was ist denn aber der Unterschied zwischen Liberalismus und Radicalismus? Das gefammte menschliche Leben wird nicht von einem Grundsätze getragen und beherrscht. Es offenbaren sich in ihm mehrfache Principien, die ihre Befriedigung fordern, ja ganz entgegengesetzte, dir in der Wirksamkeit eine Ausgleichung verlangen. Wie der Mensch ebensoviel Hang zum Glauben, wie zum Zweifel, ebensoviel Neigung für Tradition, wie für Kritik hat; wie er die Liebe zur Heimath und dennoch wieder zur Wanderung, das ganze Geschlecht sich immer weiter in die unbekannte Ferne auszudehnen und zu zerstreuen, dann aber wieder sich ansässig zu machen und zur Gemeinde und zum Staate zu vereinigen, in sich trägt —' so auf allen Gebieten des Lebens. Denn der Mensch ist zur Lösung vieler Aufgaben berufen, hat ebenso in sich selbst zu wirken, wie nach außen zu gehen, in engeren, wie immer weiteren Kreisen zu leben, von ihnen Pflichten^auf sich zü' nehmen und sie zu erfüllen. Vor Allem aber tritt hier ein Gegensatz'darin auf, daß O dev Mensch ebenso ^zuyl Individualismus, wie zum innigsten Gemeinleben durch seine Natur selbst bestimmt jfh ^Er ist,.' Individuum, mit eigenthümlichen.Anlagen, Wenthümlicher, Ausbildung und darum eigenthümlichen Bedürfnissenaber er is?1auch^nach allen-Beziehungen hin zur Gemeinsamkeit, angewiesen, und.chiese ist eben der Gegensatz zur Individualität. 'Hier erkennen wir nun den Unterschied zwischen dem Liberalismus und dem Rädicalismus. Jedererkennt die. Berechtigung'der verschiedenen Principien und Elemente an und "will sie m das angemessene Gleichgewicht bringen, in welchem jedem Arincip und Element so viele Freiheit und Verwendung eingeräumt ist, als ihm seinem,Werthe nach und ohne Beschädigung des Anderen zukömmt. Der- Radicalismus erkennt aber nur e i n Princip an, und will esdürch- und ausgeführt haben, sei es auch mit Unterdrückung alles dessen, was diesem aus dem Wesen des Menschen und aus den realen . Verhältnissen entgegensteht; er spricht dem letzteren rund weg die Berechtigung ab, und wendet a l ll e Mittel an, um - dessen Existenz, zu beseitigen. Wir sehen leicht ein, daß das Werk des Liberalismus der Idee nach viel schwieriger als des Radicalismus ist, hinsichtlich der Wirksamkeit aber leichter. Das richtige Maß zwischen entgegengesetzten Principien und, Elementen zu finden, ' ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, aber die realen Verhältnisse bieten sich immer leichter , für ein Compromiß dar, als wenn die einen gegen die anderen um ihr Lanzes Dasein zu kämpfen haben. Der Verlauf der Dinge drängt daher wen Liberalismus, wenn er sich nicht ungetreu werden will, leicht, in den überfluthenden Strom des Radicalismus hinein. Wenn der Feudalismus, der Particularismus, der Ultramontanismus und Pietismus mit atzen ihnen noch zu Gebote stehenden Mitteln der liberalen Entwickelung in einem Kampfe auf Leben und Tod entgegentreten, dann wird diese nur allzuleicht in den Radicalismus Hineingetrieben, und gern giebt sie dann die weniger bedeutenden Posten auf, um in den wesentlichen Momenten, den Feind . zurückzuschlagen und zu überwinden. - Wenn z. B. die Kirche alle ihre Macht concentrirt, um den liberalen Staat sich wieder zu unterwerfen, d. h. seine liberalen Principien und Einrichtungen zu vernichten, dann wird der Liberalismus, .sich "dem Radicalismus in die Arme werfen und alle bestehenden religiösen Institutionen beseitigen, wollen. Man übersehe nicht, daß in den Vertretern des Liberalismus nicht immer eine volle Consequenz zu finden ist. Liberal, in der Politik, ja sehr national-liberal, sind sie in religiösen Dingen oft sehr radical und erweisen in diesen ihre unbedingte Freisinnigkeit. Unh darum, weil Judenihum und Juden gegenwärtig in der Culturbewegung und im Liberalismus die Bedingungen ihres Daseins finden, Bedingungen-, die ihrer Natur auch, entsprechen — müssen sie mit Festigkeit dev Versuchung widerstehen, die sie in den Strudel des Radicalisnms hineinreißen will! Dazu gehört vor Allem Charakter. Ziehen wir dies näher in Betracht. , ,