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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-12-08 · Heft 50 (8.12.1874) · p. Seite 845

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 50 (8.12.1874)
Date
1874-12-08
Page
Seite 845 (sequence 15)
Language
German
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Hchr'medMeß;- heirathete ünd ein wohlhabender Getreideyändler wurde. Mich-seinen einzigen Sohn-^bestimmte er- Medicin zu liudiren. Aber es kam anders.: Die französischen Kriege-zehrten das Vermögen meines Vaters auf, senkten ihn in ein frühzeitiges Grab, und zwangen. mich, >in das französische Heer als Gehülfe eines Bataillons-Chirurgeneinzutreten.Als-die geschlagenen Franzosen über den Rhein zurückflutheten, blieb ich wieder in meiner Heimath zurück- und vegetire seitdem als Dorf-Chirurg, bis ich'nunmehr alt und gram geworden.- Doch ist meine Praxis nicht übel und ganz einträglich. - Ichhabe einen guten Ruf und Las Bauernvolk beehrt mich mit seinem Vertrauen. Bon diesem Destamente hatte mein Vater eine Abschrift; ach, seine theuren 'Schriftzüge glichen denen seines Vaters auf ein Haar. Ich bin also der Neffe Ihrer Großmutter und — will Sie-retten." Er sprach dies so einfach und ruhig' in seinem - Tone wie in seinen Worten. Kaum ,' daß ein flüchtiges Lächeln um die schmalen Lippen bemerklich ward. -Aber-aus seinen tiefen, dunkeln Augen leuchtete ein Strahl der Innigkeit und Treue, wie ich ihm kaum noch begegnet, außer in den Blicken meines verewigten Vaters. Einfach waren Wort und Ton, aber sie -klangen mir wie Sphärenmusik, wie ein Ruf der Erlösung aus den Höhen des Himmels. Ich richtete mich schnell auf meinem Strohlager auf und streckte die gefesselten Hände ihm entgegen. Er aber flüsterte mirzu: „Um Gottes Willen still! Leg' Dich wieder nieder, Knabe, es ist noch viel zu thun!" Ich gehorchte ihm, aber meine brennenden Augen hingen an seinen Lippen. Ach, die Jugend hat das Leben so lieb, und, liegt es auch verdüstert vor ihr, ihre stets lebendige Phantasie bevölkert es schnell wieder mit lachenden Bildern der Zukunft! . '--Nach ' einer Pause sprach mein Vetter in -langsamer, besonnener Weise: „Ich bin den Preußen durch keinen Eid, durch keine -Zugehörigkeit verpflichtet: Die Kriegsgerichte haben bereits ihr blutiges Spiel begonnen zum allgemeinen Abscheu: Ihnen Opfer vorzuenthalten, ist nur Verdienst. ' Dich, meinen- Vetter, den jugendlichen - Enthusiasten, der - aber wahrscheinlich seine- 'Lust am Revolutioniren für immer verloren hat, Dich den Schranken dieser blutgierigen Akänner zu entziehen, halte ich für ein gutes Werk. So hörenun sorgfältig: zu. ' Ich: werde die Bande mm Deine.-Hände soloäern,. daß Du sie bei-der ersten Bewegung - abstreifen kannst. ' Das Gemäuer -dieses Stalles - ist sehr verfallend Dort in der dunkeln Ecke fehlt es ganz — ich habe schon das erste Mal, als ich bei Dir war, die Beschaffenheit Deines Gefängnisses genau untersucht, und eS sind nur einige morsche Bretter darüber befestigt'. > Diese' werre ich losmachen und wieder davorstellen,, daß, wenn Iemend in. meiner ^Abwesenheit; .hierherkommt > er es nicht; bemerke. Dann werde ich fortgehew'-^7 den - anderen Verwundeten, habeichschon besucht, er liegt im Sterben,— mit der Wache sprechen, und meines Weges vorwärts schreiten. Eine kurze Sttecke'und ich' bin im Walde. Dann werde ich: in einem Bogen diese Hütte umgehen und mich im Walde auf der anderen .Seite, aufstellen, um Dich zu erwarten. Du wirst also eine gute Viertelstunde hier ruhig liegen bleiben. Dann stehst Du auf, wirfst^ die Stricke von Deinen Händenhier neben Deinem Strohlager, nimmst die' Bretter weg, stellst sie' aber, wenn Du hindurchgeschlüpft, wiederauf, um so läng wie möglich den Vorgang zu verbergen. Hierauf gehst Du geradezu vorwärtszum- Walde. Geh' vorsichtig, denn es giebt tiefe Löcher auf der Lichtung, und ein Fall ' würde Dich1 bei Deiner Schwäche nicht wieder aufstehen lasten.' Unter Len ersten Bäumen des Forstessteht eine einzelne uralte große Eiche; Hinter dieser findest Du mich.- Mach' Alles so geräuschlos wie möglich. Deine Kopfwunde wird Dich nicht .hindern/'-dennsie ist -doch nur eigentlich eine große Hautritze. Still, still, keinen Dank, nachher hast Du Zeit dazu." - ■ -i Hiermit stand er auf, steckte.mir das Etui wieder in die Brusttasche und küßte mich auf die- Stirn. Mit leichter Mühe knotete er mir die Stricke auf, löste dann die Bretter von der Mauer in der Ecke, und ging ruhig zur Thüre hinaus. Ich hörte ihn noch mit der Wache. sprechen, und dann fortgehen. Seine Schritte verhallten bald. Brennende Ungeduld überkam mich, aber ich hielt mich ruhig-und zählte die Sekunden ab,- um die Viertelstunde zu treffen , die er mir noch zuverweilen geboten. Eben glaubte ich, daß sie genügend verronnen sei, und wollte mich von meinem Läger erhebenals die Thüre. sich: öffnete, und die Wache mit einem Officier der Ronde eintratt Ich begriff die Gefahr, in der ich schwebte,ünd stellte mich schlafend. Der Officier trat heran, betrachtete Mich, blickte auf . meine gebundenen Hände, dann in dem Ställe umher,- und sprachdann zur-Wache: „Na, dieser-Hund von einem-Freischärler-schläft auch noch. Es wird. - aber ein 'Erwachen voll Schrecken geben. In zwei Stunden bin ich mit dem Postenwieder hier, und dann geht es mit diesem Verräther und dem anderen, wenn ihn bis dahin der Teufel nicht schon geholt, nach dem Lager bei Rastatt. Schade, daß ihn dort eine Kugel aus ehrlicher Soldatenflinte erwartet. Gehenkt müßten sie alle werden! Nun, Müller, haltet ordentlich Wache!" Mit'diesen Worten verließensie den Stall, und meine Seele jauchzte auf, - denn mich hatte die Befürchtung erschreckt, sie wären gekommen, um mich äbzuholen. Jetzt-zögerte ich keinen Augenblick mehr,-schnell war ich draußen, und leise, aber eilendsschrittich durch die Nacht nach dem Walde. - Es ging Alles-gut, und als ich hinter die Eiche trat, stand schon der alte Chirurg, mich zu empfangen. „Wir haben jetzt," sprach er,, „noch.- einen 'zweistündigen, Marsch.. vor uns. , Erquicke Dich daher.zuvor. damit..Dir. die Kräfte Jnicht ausgehen.^Hiermit holte, er eine Feldflasche hervor und ein Backwerk. Heißhungrig wie.ich war, genoß ich das Dargebotene schnell, und dannsetzten wir uns-mitten durch den Wald in Marsch, v ‘ v kv^ - (Fortsetzung ' folgt!) ( |

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