Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 826 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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stand nicht; in eine focialistische-Richtung.gerathen zu lasten, Heils um ihn zum Vortheil der Reichsverfassnng zu benutzen. Sie sandte drei ihrer Mitglieder als Reichscommissarien dahin> .nämlich Raveaux, Erbe und= Trütschler. . Letzterer forderte seinen Verwandten und mich auf,. ihn als. Sekretäre und Adjutanten zu begleiten, und ich folgte ihm. So war ich bald mitten in den Aufstand und den darauf folgenden Kampf verwickelt, und zwar in einer fieberhaften Thätigkeit, die uns gar nicht zur'Besinnung kommen, ließ. Jeder Augenblick forderte die höchste geistige und körperliche Anstrengung. Aber schnell verschwand jeder Traum vor dem Anblick der bleichen Wirklichkeit , jede Hoffnung auf Erfolg vor dem traurigen Bilde, das sich vor uns entwickelte. Nur kurze Zeit, und wir wußten: wir mußten entweder kämpfen und wahrscheinlich untergehen, oder als Feiglinge die Sache verrathen, die wir doch selbst, ein Jeder in seiner Weise, Heraufbeschworen hatten. Das preußische Heer mit den Mecklenburgern, Hessen und Thüringern zog mit ungeheurer Uebermacht heran, brachte die Pfalz schnell zur Unterwerfung und brach in Baden ein. Ein verhältnißmäßig kleines Corps kriegerischer Mannschaft, umgeben von ungeübten Freischärlern und wüstem Gesindel, das war es, was wir dem übermächtigen Feinde entgegenzusetzen hatten. Dabei hatten wir den Verräther hinter dem Rücken. Der Bürgerstand der großen Städte war des revolutionären Spieles, das er selbst begonnen hatte, schnell überdrüssig, sehnte sich nach den Preußen, und haßte die Führer des Aufstandes, die er vor Kurzem herbeigerufen und vergöttert.Hatte. Dennoch kämpften wir, und nicht wenige heldenmäßig. Ohne eigentlichen Feldherrn und Führer vermochten wir dennoch die Pläne des Feindes zu vereiteln und nach blutigen Gefechten uns immer wieder zurückzuziehen. Es war um Morgen des 29. Juni, als wir , Trütschler und ich, voll Todesmuthes in die Schlachtlinie an der Murg rückten. Von dem Verwandten des Erstem waren wir längst getrennt; er hatte nach kurzer, glänzender Rolle die Gefangenschaft in Mannheim, dessen Bürger ihn selbst von der Flucht zurückgeholt und unter, den schändlichsten Mißhandlungen an den Preußen ausgeliefert halten , und bald auch den Tod nach dem Urtheile des Kriegsgerichts gefunden. So klein bereits unser Heer war, kämpfte es gegen den vielfach .überlegenen Feind, nicht ohne allen Erfolg. Warfen wir doch selbst einen Augenblick das preußische Centrum. zurück und - hätten es fast auseinandergefprengt. Aber der Uebermacht mußten wir unterliegen, denn auch die Bayern und Württemberger hatten die preußische Heeresmacht verstärk, - und von drei Seiten wurden wir von ehernen Armen umfaßt. Ach, um die Mittagsstunde hatte ich meinem Freunde die Augen zuzudrücken: eine Kugel hatte sein treues Herz durchbohrt. Gegen Abend mußten wir fliehen, denn auch die Straße nach Kehl mußte bald angeschnitten werden. Ich befand mich iu .der Mitte eines Trupps von einigen Hundert wohlbewaffneten Männern. Wir waren von unsrem Corps abgedrängt worden und wandten unsnach dem Dorfe Oberweyer» ungefähr -eine Stunde, unterhalb Rastatts. Unter - uns befanden sich einige Bauern dieses Dorfes. Als eine kurze Rast -aufeiner Lichtung des Waldes gehalten wurde, traten die Führer unseres Haufens, wenigstens die sich zu solchen.aufgeworfen, mit diesen:Bauern zusammen, und verabredeten einen teuflischen Plan. Man wußte schon, daß ein Detachement eines preußischen Landwehrregiments nach Oberweyer ziehen werde, und verabredete nun, sich in den Häusern des Dorfes zu verbergen, und sobald die Soldaten ihre Gewehre zusammengestellt und sich gelagert hätten, sie zu überfallen und sämmtlich niederzumetzeln. Es; war durchaus ein Plan blutdürstiger Rache, denn einen Vortheil konnte man sich. kaum davon versprechen, und an das Schicksal, welches das Dorf, auch wenn der Plan geglückt, treffen mußte , dachte man gar nicht. Ich trat in den Haufen, und Widerrieth diesen Entwurf. Aber kaum hatte ich zu reden begonnen, als ich mit Schelten und Schreien zum Schweigen gebracht wurde. - Aber ich wollte meine Hand zu solch' unnützem Blutvergießen, nicht bieten, und als der Trupp sich wieder in Marsch gesetzt hatte, nahm ich die Gelegenheit wahr, mich unvermerkt von ihm zu trennen, und mich in den Wald-zu werfen. Ich hatte nur zu recht geurtheilt. Mit außerordentlicher List wurde, wie ich später erfuhr, der Streich ausgeführt; -über hundert Männer büßten ihr Leben ein; aber hinzugekommene Hülfe befreite die Landwehr, streckte einen großen Theil der Freischärler nieder und zündete das Dorf an, das gänzlich ein Raub der Flammen wurde. Bald hatte ich in dem ziemlich dichten Walde bei der immer mehr hereinbrechenden Dunkelheit jede Richtung -verloren. Ich irrte umher, bald eine Höhe hinan, bald hinunter, durch dichtes Unterholz, dessen Dornen mich zerrissen, durch Sumpf und Morast, die mich durchnäßten. Dabei war die Luft äußerst schwül, und aufsteigende Wolken verkündeten ein nahes Unwetter. Die Anstrengungen des Kampfes und des Marsches, der Mangel an Nahrung, besonders auch die geistige Niedergeschlagenheit, -da - sich mir die Gewißheit aufdrängte, daß Alles verloren sei, auch meine Zukunft — dies Alles hatte mich schwach und matt gemacht, daß ich kaum vorwärts konnte. Nur -der nie ersterbende Selbsterhaltungstrieb erhielt mich noch aufrecht, und drängte mich, womöglich die Grenze zu -erreichen und den verfolgenden Preußen zu entgehen. Als ich mich dennoch in das hohe GraS fallen lasten und nicht weiter gehen. wollte, bemerkte ich zwischen den Bäumen einen Pfad, den ich -betrat, und der mich bald aus dem Forste hinausführte. Aber als ich den ersten Schritt hinausthat, riefen mich mehrere rauhe Stimmen an: „Halt da! -Stille gestanden!" Noch hatte-ich nicht Zeit zu überlegen, ob gehorchen oder nicht, als zwei Kugeln auf mich herpfiffen, die eine traf-mit einem starkenStoße auf meine Brust, die andere streifte mir den Kopf— ich sank bewußtlos nieder. Als ich-wieder erwachte, befand ich mich in dem Stelle der einsamen Waldhütte auf dem Strohbündel. Ich wußte - bald, - wd..