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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-12-01 · Heft 49 (1.12.1874) · p. Seite 825

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 49 (1.12.1874)
Date
1874-12-01
Page
Seite 825 (sequence 11)
Language
German
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825 ich unter den ersten nicht fehlte. Vielleicht; kann; ich sagen, daß meine Rede an diesem Abend die Palme errang, vielleicht/ weil meimHerz wahrhaft für das Volk schlugt und> meine Worte daher unmittelbar in dasselbe eindrangen. Der Jubel wollte nicht enden,.und ich genoß seitdem eines besondern Rufes. Das Ende war die Wahl eines Ausschusses, der über die errungenen Volksfreiheiten wachen und besonders auf die Wahlen zur National- Versammlung einwirken sollte. Man nannte meinen Namen unter den ersten, die dazu erkoren wurden. Dann noch eine Reihe von Hochs, die Fackeln wurden vor ver Rednerbühne zusammengeworfen, und zur auflodernden Flamme ein Gaudeamus aus Hunderten von Kehlen gesungen. Es machte einen unverlöschlichen Eindruck. Die Flamme beleuchtete die grandiosen Ruinen des Schloffes und. ihr Schein drang durch die hohlen Fenster in die. dunkeln Säle und verfallenen Gemächer hinein. Diese Zeugen einer verfallenen Größe, welche ein freigewordenes Volk in seinem Aufjubeln über den Sturz der Gewalthaber sehen mußten, schienen in ihrer Trümmerhaftigkeit, in den verzerrten Zügen und Umrissen einer ehemaligen Schönheit und Majestät, die Zukunft zu verbürgen, der sie nicht zu widerstehen, der sie einen Widerstand zu leisten nicht vermöchten. Aber die Nacht war dunkel geworden, der Himmel hatte sich mit schweren Wolken umzogen; der Wind machte sich auf, trieb aus den letzten Resten des Feuers eine Funkenwolke heraus und verlöschte es dann gänzlich.. Dichte Finsterniß lagerte sich über der Erde, der Sturm umraste die Wände des Schlosses, die zu wanken und einstürzen zu wollen schienen, mit Mühe kam man über die Steinhaufen und Trümmer hinweg, und da nun auch ein heftiger Regen herabzurauschen begann, eilte Alles auseinander und nach Hause. War dies eine Vorbedeutung? Doch augenblicklichen Ungemachs vergißt man schnell, und zu Hause angelangt, sagte man sich, es ist Großes geschehen, wir haben Großes vollbracht! Es ist nicht meine Absicht, hier die Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 zu schildern. Kommt es mir doch nur darauf an, den Weg zu zeichnen, auf welchem ich zu dem Ziele gelangte, das mir in jener Bauernhütte bevorstand. Als Ausschuß der Heidelberger Studentenschaft eilten wir'nach Frankfurt, und drangen -selbst in das Vorparlament ein. Wir standen auf Seilen Hecker's, vermochten aber den verhangnißvollen Gang dieser Versammlung nicht zu ändern.'' Wir wiederholten später diese Fahrt Lei jeder Gelegenheit, die uns dies zu . erfordern schien, nachdem wir uns von Zeit zu Zeit in neuen Volksversammlungen die Kraft und das Mandat dazu geholt hatten. Wir schlossen uns der Linken in der Nationalversammlung an und waren zu deren Dienst bereit. Bei der ersten Gelegenheit. stellte mich mein Freund seinem Verwandten, dem Abgeordneten Adolph v. Trütschler, vor, diesem hochbegabten Manne, der mit einem feurigen Geiste große praktische Gewandheit vereinigte. Eine solche Natur zog mich unwiderstehlich an, und auch er beehrte mich mit seinem Vertrauen. Mir hatten mancherlei Aufträge für ihn auszuführen und thaten es mit Geschick, wodurch wir nur immer fester-an die, Partei des „Donnersberges", wie sie von ihrem Versammlungsorte hieß, gefesselt wurden. Aber die Sache der Freiheit, wie wir sie in unserer Unerfahrenheit verstanden, ging schnell abwärts; wir mußten sie mit Aufftänden und Barrikaden stützen, und erfuhren da schon, daß die deutschen Arbeiter wenig von dem Feuer der Tapferkeit und Selbstaufopferung besitzen, welche dazu gehören, um derartigen Versuchen Sieg und Nachdruck zu-erringen. Das eigentliche Bürgerthum hatte bereits die aufgepflanzten Fahnen verlassen. Ich muß gestehen, auch mich hatten die scheußlichen Mordthaten, an Lychnowskh, Auerswald und Latour verübt, mit Widerwillen erfüllt, und ich begann mich zu fragen, da, wie die Dinge standen, die Revolution sich nur auf den guten Willen und die Kampfeslust der untersten Volksmasse stützen konnte , ob nach dem Siege selbst die Führer des Volkes im Stande sein würden, es zu beherrschen und von Greuelthaten zurückzuhalten, welche die heiligste Sache wieder stürzen mußten. Ich begann mich zurückzuziehen und mit dem Winterhalbjahre meinen Studien wieder obzuliegen. Die Zahl der Studenten hatte sich bedeutend vermindert; sorgsame Eltern riefen ihre' Söhne zurück und sandten sie nach anderen Universitäten, wo sie ver Gefahr, in den Strudel hineingerissen zu werden, weniger ausgesetzt waren. Aber noch einmal erwachte ein reges Leben. Die Reichsverfassung war beendet. Es galt jetzt, ob sie von allen deutschen Staaten anerkannt und eingeführt werde, oder nicht? Diese Frage richtete sich wieder an die ganze Nation, ohne Unterschied der Klassen, fast ohne Unterschied der Parteien. Auch mich ergriff sie mit wunderbarer Kraft. Sie erschien mir als die Hauptfrage meines eigenen Lebens, als der Ankergrund auch meiner Zukunft Allgemein war damals die Ansicht, daß entweder die Verwirklichung der Reichsverfassung oder der alte Absolutismus wieder, und zwar von schwärzester Farbe, eintreten werde. Daß sich mitten hindurch zwischen der rochen Monarchie und der rochen Republik eine dritte Gestalt mit kräftigem Fleisch und Blut entwickeln könne, das glaubte Niemand, davon hatte man, wenigstens in Süddeutschland, keine Ahnung. Hier hieß es nur: jetzt gilt es, wer zurückweicht ist ein Verräther. Auch ich dachte und fühlte so, der heißblütige achtzehnjährige Jüngling. Ich selbst frug mich, und jeder Blick, der mich traf, schien mich zu fragen: hast Du nur um den Beifall und Jubelruf der Menge gebuhlt, als Du sie mit Deinen-Reden aufwiegeltest, oder war es eine wahre und volle Ueberzeugung, die Dir' das glühende Wort auf die Lippen drängte? Ich konnte nicht zurück. In Haufen zogen wir nach Frankfurt, wir hätte ich mich davon trennen sollen? Nirgends war das Volk mehr aufgeregt als in der Pfalz und in Baden. Hier kam es zu einem förmlichen Aufstande, vor welchem der Großherzog entfloh, denn auch das Heer war zum Volke übergetreten. Die Nationalversammlung hatte die doppelte Pflicht, hier einzutreten, theils um den Auf- 49*

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