Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 824 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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geschätzte-Blatte unerwähnt Llieb. Derselbe hat nämlich den im Frühjahre l. I. von der Berliner Akademie der-Wissenschaften für die beste Arbeit über ein philosophisch-historisch-linguistisches Thema ertheilten Bopp'.schen Preis errungen; hierbei wurde Zs e u i l Das Testament. Bon L. Sehr. 4. - Es war also im Spätherbst 1847, daß ich und Trütschler in Heidelberg anlangten und in die juristische Facultät infcribirt wurden. Wir -warfen uns tüchtig auf die Studien und hielten uns von den unter den Studenten gebräuchlichen Verbindungen fern. . Die politische Gesinnung, nach , der wir schon auf der Schule gestrebt und die uns antrieb, durch wissenschaftliche Befähigung uns zu dem geschickt zu machen,' wozu wir uns in der Zukunft berufen glaubten, zu einer politischen Laufbahn, ließ uns diese Studentenverbindungen als einen thörichten Ueberrest alter Zeiten und Formen verachten. Auch hierin sollte die junge Freiheit, so meinten wir, die.verrotteten Bande sprengen. Dies verhinderte jedoch nicht, daß wir allmälig auf Jünglinge gleicher Ansichten trafen, mit ihnen Bekanntschaft machten und Zusammenkünfte hielten. Ehe wir es merkten, hatte sich im Laufe des Winters ein Kreis, gebildet, der. über politische und sociale Fragen, sowie über die Tagesereignisse, die dazu Stoff genug lieferten, discutirte. Bald schwoll dieser Kreis zu Versammlungen an, welche regelmäßig wurden. Wir hatten dabei den Tact, keinen eigentlichen Verein zu bilden, keine Statuten aufzustellen, keine Mitglieder aufzunehmen, und keinen Vorstand einzusetzen. Wann und -wo wir zusammenkommen wollten, wurde einfach verabredet und den Gleichgesinnten mitgetheilt. . Dadurch hielten wir auch Menschen von uns ab, deren Meinungen den unsrigen entgegengesetzt wären, und unsere Verhandlungen waren daher eigentlich, nichts weiter als Reden und heftige Auslassungen, die sammtlich nach einem Striche der Windrose liefen, und mehr Wortkampf als Streit der Ansichten boten. Dennoch blieben wir nicht unbemerkt;, es. mochte sich doch wohl hin und wieder einer der zahlreichen Denuncianten eingeschlichen haben, durch welche die damaligen Regierungen den unbärtigen Studenten die Ehre anthaten, sie--sorgfältig zu überwachen. Mehrere von uns, darunter mein Freund und, ich, wurden vor den Rector geladen; er hielt uns eine lange und bittere Rede, in welcher er. uns allen möglichen Unfug vorwarf und alle mögliche Strafe androhte; und uns auf's Strengste verbot, Irgend eine politische Rede zu halten, oder auch nur ein politisches Gespräch , selbst nur auf unseren Zimmern. Selbst das Letztere erklärte er für einen Verrath an der. Wissenschaft, an Staat - und Vaterland, welchen . wir unsere Zukunft schuldeten^ Als wir den/Herrn Rector verließen/lachten wir aus vollem^Halse, -denn wir glaubten; unserm bravem Ascoli. die Genugthuung -zu rTheil/ daß" dessen sämmtliche: Werke über. wissenschaftliche'Linguistik von derselben Akademie. gekrönt wurden. Bor kaum 8 Jahrzehenden wollte dieselbe Akademie keinen' Juden zu ihrem Mitglieds habend vl e t o n. der gute und gelehrte Mann sei nur so aufgeregt gewesen, weil wir ihn in seiner Ruhe gestört hätten. Aber selbigen-Tages erschien ein Rescript-der großherzoglichen Regierung,, welches-all! vie Vorwürfe, Strafandrohungen und Verbote, mit 'denen -uns der Herr Rector magnificus bedacht hatte, wiederholte und; einschärfte. Es war also dieselbe Furcht, und dieselbe.'Maßregelung wie auf der Schule, und die sogenannte.akademische Freiheit erwies sich von dem Schulzwang um-nichts verschieden. So-viel wußten wir auch schon, daß, was die großherzoglich badische Regierung gegen uns schleuderte, im heimathlichen Staate nur verdoppelten Nachdruck finden würde. Wir beugten uns also dem Zwange, aber nur um so erbitterteruns als Opfer der Tyrannei bedauernd und bewundernd zugleich, und mit um.so festerm Entschlüße, dieses Joch zu zerbrechen, sobald eine Aussicht dazu sich eröffnen würde. Gerade; diese Unterdrückung jugendlicher Spielereien brachte uns eine um so schönere Meinung '.von unserer Bedeutung bei und war''wohl die nächste.Ursache, daß beim Ausbruch der Revolution die, Studenten aller Universitäten sofort eine politische Rolle übernahmen und spielten. Die Märzrevolution von 1848 brach los. Von allen Seiten liefen die übertriebensten Berichte ein, aber was sich an diesen nach und nach alswahr und als . Erfolg herausstellte, war groß genug/ um die kühnsten Hoffnungen in, den jugendlichen Geistern zu erwecken. Konnte man nicht überall seine 'Revolution machen, weil es cmr Platze nichts umzustürzen und keinen Widerstand zu überwinden gab, so mußte man.doch seine Demonstration haben, und galt es auch nur, die Bewegung der Hauptstadt zu unterstützen und die Uebereinstimmung des ganzen Volkes darzuthun. In Heidelberg waren wir bald fertig. Es wurde eine allgemeine Studentenversammlung auf einem der großen Höfe der Schloßruine angesagt: vom Volke'konnte sich dazu, als Zuschauer -einfinden wer da wollte. Gegen Abend ordnete sich ein Fackelzug wie von selbst; -derselbe stieg den Berg zum Schlosse hinan und die Fackelträger stellten sich längs der Mauern des-Hofes auf. In der Mitte des Vierecks wurde schnell aus Steinen und Trümmern eine Plattform zur Rednerbühne, errichtet. Man brauchte nicht lange zu warten.- Der Moment ergriff die jugendlichen Geister. Ein Redner nach dem andern stürzte sich auf die Plattform und wetteiferte mit feinem Vorgänger in den feurigsten Ergüssen für Freiheit und das einige Deutschland. Jede hochklingende Phrase wurde von ^en Studenten und noch mehr-von der versammelten-Volksmasse mit dem rauschendsten Beifall - belohnt. Man -kann sich denken, daß