Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 818 (sequence 4)
- Language
- German
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das Kastenwesen, bekämpfte das Eigenthum und die Ehe. Mer er nahm das Erbübel und die Seelenwanderung aus dem Brahmanismus herüber, und da er einen Gegensatz aufgestellt, der für die Menschen unhallbar war, mußte er ihn bald wieder mildern, - und zwischen Auserlesenen , die das Bettlerthnm und den Coelibat aufrecht erhielten und den „Dabeistehenden, Sichnähernden", d. i. dem großen Haufen der Menschen unterscheiden. Bald auch konnte er diesem eine faßbare Göttervorstellung nicht vorenthalten und mußte ihn wieder einen Cultus, in welchem Buddha selbst die Hauptrolle spielte, zugestehen. In Folge dessen vermischte . sich der Buddhismus wieder massenhaft mit dem Brahmanismus. Ganz anders das Christenthum. Es verblieb, so lange es innerhalb der jüdischen Nation verharrte, ganz auf dem Boden des Bestehenden und nahm als Gegensatz nur eine Reformirung desselben, ein Zurückdrängen des Gesetzes vor der sittlichen Enthaltung, und als Grundlage hierfür das Hinauslegen des menschlichen Zweckes in einen jenseitigen Idealismus an. (Man lese über „das Christenthum Christi" den Abschnitt Hartmanns.) Auch hierin vom Judenthume zurückgewiesen, ging die christliche Secte zu den andern Völkern hinaus und wurde hier zu einer neuen Religion, indem sie eine Verschmelzung jüb. Grundlehren, ihrer eigenen hyperidealen. Vorstellungen und' bedeutender Elemente der heidnischen Geisteswelt vornahm, wodurch diese neue Religion geeignet ward, von den andern Völkern angenommen zu werden. Mohammed war,' genau genommen, ebenso ein Apostel des Judenthüms, wie die christlichen Apostel, nur daß er nicht als Jude geboren und an die alten' Propheten sich anschließend, sich als Prophet ausstellte, und als solcher über die Urschrift und die Tradition unbedingter Herr sein wollte. Auch er hielt den Boden des Judenthüms als seinen eigenen fest, sogar fester als das Ehristenthum (M. polemisirt gegen die Juden, nicht aber gegen das Judenthum, dagegen sehr heftig gegen das Christenthum), verschmolz jedoch mit den herübergenommenen Lehren und Gesetzen die Vorstellungen seiner heimischen Nationen, so den Gegensatz zu der alten Götterlehre des Sabäismüs mildernd, um ihn für die morgenländifchen Nationen geeignet zu machen. Vergleichen wir nun endlich die Reformation, so verblieb diese gewiß auf dem Boden des Christenthums, indem sie deffen Dogmen noch schärfer ausprägte und strenger sormulirte; aber sie zerstörte die Autorität der Kirche, verwarf die Tradition und machte die freie Forschung des Schriftwortes zu ihrem Princip, was, wie Hartmann ausführt, die Selbstzersetzung des Christenthums bewirkte. Dies Alles sind geschichtliche Facten, bezeugt und anerkannt. Es ergiebt sich daraus Folgendes. Der, vollständige Gegensatz und die Consequenz des Judenthums macht besten Stärke aus, seinen Bestand und die Befähigung zu behalten, von seinem Inhalte immer wieder der übrigen Menschheit abzugeben, aber auch seine Schwäche, unmittelbar auf die Völker überzugehen , die in einer neuen Religion zugleich eine Befriedigung ihres bisherigen Geisteslebens benöthigen. Die Verschmelzung des Gegensatzes mit' den Elementen des Geistes der Völker macht die Stärke der übrigen Religionen aus, in schnellem Gange sich Millionen Anhänger zu schaffen, aber auch ihre Schwäche, ihren Inhalt bald zum Gegenstände tausendfacher Conflicte gemacht, ihre Anhänger in die mannichfaltigsten Seelen zerfallen, und sich so der allmählichen Zersetzung unterworfen zu sehen. Das Einheilsbestreben der katholischen Kirche ergab sich daher geschichtlich aus der ungeheuren Sectenbildung im ChristenthuMe schon in dessen ersten Jahrhunderten — wie dies ja dem Islam ebenso erging — und aus dem Bewußtsein, daß ohne solche Einheit das Christenthum schnell dem Verfall und Untergang zueilen müsse — ein Gedanke, der jetzt viele Individuen bei dieser Kirche, selbst nach dem Unfehlbarkeilsdogma zurückhält — und doch konnte es die Spaltung in zwei große katholische Kirchen und die Reformation nicht verhindern, weil der menschliche Geist solchem künstlichen Dögmenbau und solcher erzwungenen Einheit gegenüber sich nicht bezwingen läßt. Dasselbe Moment in allen diesen Religionen stempelt sie aber auch nur zu großen Entwickelungsphasen der religiösen Idee innerhalb der Menschheit, die sich abkreisen. Ihr Fond an solchem Inhalt, der eine ewige Grundidee der Menschennatur ausmacht, ist zu gering, um nicht in der Entwickelung nach einem verhältnißmäßig kurzen Aufschwung einem Niedergang anheimzufallen. Nur Vas Judenthum, wie erwiesen , und seine ganze geschichtliche Erscheinung darthut, macht hiervon eine Ausnahme. Und wie erhalten sich diese Religionen? Einige von ihnen haben sich eine weite Verbreitung mit dem Schwerte in der Faust erobert, wie der Islam und zum Theil auch das Christenthumoie andern nur durch die Macht der Ueberzeugung, wie der Buddhismus. Trotzdem war auch die erstere Art der Ausbreitung und der längere Bestand nur dadurch mößlich , daß die betreffende Religion dem Geiste der Völker und der Zeit entsprach. Dann aber kommt die Wucht des Bestehenden, die Autorität des Überlieferten, die Erziehung von der Mutterbrust an, die Gewöhnung, welche das Leben und die Sitte beherrscht, die Beschränktheit des Geistes, welche den Bann der einmal gewonnenen Vorstellungen nicht zu durchbrechen vermag und die in allen Nöthen ihre Zuflucht zu den überkommenen Trost- und Hülfsmitteln nimmt, diese alle, unterstützt durch die Verschlingung der persönlichen Interessen, durch reiche Institutionen und das größere oder geringere Gewicht der Macht aber, sichern einer bestehenden Religion eine lange Dauer, selbst wenn ihr Inhalt geistig bekämpft und fast erschöpft worden ist. Cicero sagt bekanntlich, daß die Auguren sich nicht begegnen könnten, ohne einander zuzulächeln. Sie selbst also waren über den Aberglauben, aus den Eingeweiden der Opferthiere, dem Fluge der Vögel u. s. w. den Willen der Götter-und die Zukunft zu erkennen, längst hinweg. Dennoch bestand das Heidenthum noch lange Jahrhunderte, während die große Reihe der griechischen Denker, die das Heidenthum bekämpften, schon ebenso viele Jahrhunderte vor - Cicero,