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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-12-01 · Heft 49 (1.12.1874) · p. Seite 817

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 49 (1.12.1874)
Date
1874-12-01
Page
Seite 817 (sequence 3)
Language
German
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Rache fei,~ da. man uns durchaus nicht so glimpflich zu behandeln pflegt.- Aber es giebt wesentliche Punkte, in welchen Judenthum und' Christenthum übereinstimmen, weil eben das Christenthum sie dem Judenthume entnommen hat. Diese wesentlichen Momente wollen wir nicht in thörichter Verblendung preisgeben, und stimmen wir in denjenigen Punkten mit den Gegnern des Christenthums überein, welche uns vom letzteren scheiden, so wollen wir doch nicht unser Eigenthum aufgeben, blos weil das Christenthum bekämpft wird. Auf diese wesentlichen Momente werden wir zurückkommen. H. . Nichts ist. interessanter als die Geschichte der Religionen. Sie kann nicht wie die politische Geschichte, zu bloßen Daten veräußerlicht werden; sie muß selbst bei oberflächlicher Betrachtung sich in die Volksseele, in das Bewußtsein und das geistige Gut ganzer Zeitepochen versenken und bietet oft die ganze Culturgeschichte eines Volkes oder einer Periode. Wie sind die Religionen entstanden? und wie Haben sie sich erhalten? Diese Fragen erschöpfend zu beantworten, ist hier nicht der Ort, aber einige. Bemerkungen wollen wir darüber machen. Hartmann sagt (S. 17): „Pei allen Religionsentstehungen (sie!) ist es sehr phantastisch und unwissenschaftlich zugegangen." Unwissenschaftlich, ja 7— dagegen schöpferisch gar sehr! Wir haben viele Entdeckungen und Erfindungen von den segensreichsten Folgen, bei denen es sehr „unwissenschaftlich zugegangen", ja,welche von der „Wissenschaft" geradezu verworfen und abgeleugnet wurden,-bis sie sich trotz, der Wissenschaft Bahn gebrochen und diese nun hinterdrein sie gut heißen, erklären und fördern mußte. Selbst die Buchdruckerkunst und das Schießpulver waren keine wissenschaftlichen Entdeckungen, und z. B. die Anwendung des .Dampfes als bewegende Kraft wurde von einer berühmten Akademie verlacht und zum großen Schaden ihres Landes zurückgewiesen. Wir -verkennen wahrlich den hohen Werth der Wissenschaft, nicht, aber wir wollten nur hervorheben, daß es durchaus noch kein Vorwurf ist, wenn es bei dem Ursprung einer Religion nicht „wissenschaftlich" zugegangen ist. Die Wissenschaft wendet sich nur an den scharf ausgebildeten Verstand; aber der Menschengeist ist glücklicher Weise größer und reicher als der ausgebildete - Verstand allein. . Die bewegende Kraft für das Menschengeschlecht, kann daher nicht allein in der Wissenschaft enthalten sein, und wo diese dieses Amt beansprucht, kann die Wirkung nur eine einseitige und darum gefährliche und sogar schädliche sein. Gerade die Wissenschaft ist der Entwickelung durch Individuen am-meisten unterzogen, und ihr Standpunkt, .wie die in ihrgeltenden Meinungen, sind daher dem Wechsel mehr unterworfen-, als.-irgend ein anderes Erzeugniß des. Menschen. Es ist nur: hie Mathematik allein, welche eine absolute Wahrheit beanspruchen kann, und was sie als wahr erkannt hat, gilt für alle Menschen und, alle Zeiten. ES ist dies eine Beschränktheit des MenfchengeisteS, aber sie ist tatsächlich vorhanden, und im Grunde liegt in dieser Beschränktheit die demMenschengeiste gegebene Freiheit auf allen andern Gebieten. Also zugegeben, daß es bei dem Ursprung der Religionen nicht „wissenschaftlich" zugegangen, so ist dies doch auch zu begränzen. Härtmann sagt selbst, daß jede Religion eine Weltanschauung enthält, aufstellt und dem Geiste einprägt. Dies vermag sie doch nur, indem sie einen Gedanken, eine großartige Vorstellung zu ihrer Grundlage hat, und diesen Gedanken, diese Vorstellung cynsequent inihren Theilen und durch ihre Theile ausführt und durcharbeitet. Wie sehr nun auch Phantasie und Empfindung bei der Geburt dieses großen, grundlegenden Gedankens mitgewirkt haben mögen, das gerade Gegentheil von Wisienschaft ist doch auch bei dem Entstehen der welthistorischen Religionen nicht vorhanden gewesen,. denn Gedanke und consequente Durchführung desselben sind auch Eigenschaften der Wissenschaft. Genug, ist die Religion keine Wissenschaft, so ist die Wissenschaft auch keine Religion, und es nimmt sich deshalb curios aus, wenn ein Mann der Wissenschaft, ein Philosoph, ein Kritiker sich hinsetzt, um eine Religion „umzubilden oder neuzubilden", mit welcher Vorfrage sich Hartmann zuerst beschäftigt. Wie find die Religionen entstanden? Wenn wir die antiken Mythologien, deren Ursprung in die graueste Vorzeit hinaufreicht, ausnehmen, so sind alle Religionen aus und im Gegensatz zu den bestehenden entstanden. Kommen sie hierin überein, so tritt doch alsbald eine Verschiedenheit der Weitergestaltung auf. Denn mit alleiniger Ausnahme des Judenthums haben sie alle ihren Gegensatz zu den bestehenden Religionen doch auf dem Boden derselben aufgerichtet, und diesen Gegensatz wiederum durch die Aufnahme von Elementen aus der Geistescultur der Völker, unter denen sie Verbreitung finden wollten und fanden, sehr mödificirt. Das Judenthum allein, sagen wir, war ein vollständiger Gegensatz zu allen Religionen der alten Welt, nahm nichts von diesen zu seiner Grundlage herüber und ist in diesem Gegensatz unerschütterlich bis zum heutigen Tage geblieben. Dieses letztere ist ihm dadurch möglich geworden, weil es in seiner geschichtlichen Erscheinung sich nicht auf andere Völker ausbreiten wollte. Vergebens hat. man versucht, ihm wenigstens zu insinuiren, aus dem Egypterthume einige Elemente herübergenommen zu haben. Der Monotheismus und die Geistigkeit Gottes , steht der egyptischen Götterlehre, der mosaische Cultus in allen seinen Details dem egyptischen, die Gleichheit und Freiheit der. Individuen dem Kastenwesen und der Unfreiheit der Egypter so streng, gegenüber, daß eine Verwandtschaft gar nicht aufzufinden. Diese Principien unterlagen im Judenthume keinem Wandel, wenn auch dessen Formen in langen Zeiträumen und unter Einwirkung der geschichtlichen Verhältnisse. sich veränderten.'Am nächsten in dieser Gegensetzlichkeit zum Bestehenden ist ihm der Buddhismus in seinem Ursprünge. Dieser trat. dem. Brahmanismus scharf gegenüber, . löste dessen Götterlehre zum „Nichts^ auf, vernichtete, seinen Cultus, zerstörte ' '■ * ' " 49*

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