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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-12-01 · Heft 49 (1.12.1874) · p. Seite 816

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 49 (1.12.1874)
Date
1874-12-01
Page
Seite 816 (sequence 2)
Language
German
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die Gemüther des Volkes und die Bestialität, welche der gottesleugnerische Socialismus erwiesen hat, sind dem Philosophen die Beweise, daß das Volk der erziehenden Kraft der Religion nicht entbehren könne, denn „ihm kommt mit der Religion die einzige Gestalt abhanden, in welcher ihm der Idealismus zugänglich ist." (S. 2). Man wird zugestehen, daß dies eine sehr äußerliche und nur fast zufällige Begründung abgiebt. Was ist Religion? Wie das Wort „Natur" einerseits für die Gesammtheit der körperlichen Wesen, andererseits für die eigenthümliche Beschaffenheit jedes einzelnen Wesens gebraucht wird: so bedeutet Religion die religiöse Ueberzeugung einer Gesammtheit, und dann auch die eigenthümliche religiöse Anschauung eines Individuums. Hierbei wird es nun stattfinden, daß während eine Religion in der ihr angehörigen Gesammtheit mächtig lebt, sie dennoch in einer Anzahl Individuen todt, abgestorben und durch eine andere religiöse Anschauung verdrängt ist. Denn eine Religion lebt in einer Masse so lange, als diese von ihr beherrscht wird, ihren Cultus übt, in allen ihren Nöthen Zuflucht zu ihr nimmt, für sie Opfer bringt, sie ihren Kindern überliefern will, sich für sie begeistert. Da kommt es denn auch nicht auf die Zahl der Individuen an, in welchen diese Religion abgestorben ist. Es kann kommen, daß die eine Hälfte ihrer Bekenner sich von ihr abgewendet hat, während die andere Hälfte noch für sie glüht. Man muß sich daher sehr in Acht nehmen, eine Religion für todt zu erklären, während die Thatsachen lehren, daß sie noch eine gewaltige Masse lebenskräftig beherrscht. Es ist dies leichtfertig, und Leichtfertigkeit geziemt einem Philosophen nicht. Wem Allem hat man nicht schon die Todeserklärung ausgestellt? Die christlichen Theologen bis auf Rsnan wiederholen seit Jahrhunderten den Ruf: . Das Iudenthum und die Juden sind todt, Leichen, Mumien — und sehen sich täglich bewogen, Juden und Iudenthum der Gegenwart zu bekämpfen, ihren Einfluß, ihre wachsende Herrschaft zu denunciren. Von zahllosen Christen hört man seil langer Zeit: Der Islam ist todt, und es bedarf nur eines kräftigen Stoßes, um den noch immer conservirten Leichnam desselben umzustürzen und in Staub zu verwandeln und dennoch beherrscht -er Islam noch mehrere hundert Millionen Menschen und macht riesige Fortschritte in China, Indien und Innerafrika, während solche dem Christenthume durchaus mißlingen. Es ist noch nicht lange her, daß man in Norddeutschland das Papstthum und den ganzen römischen Katholicismus für todt und verwest hielt und ausgab, und Hartmann thut dies noch, und doch muß man jetzt mit ihm einen großen Cultuskampf bestehen,-und dies ist doch nicht gut mit einem todten Löwen möglich. Jetzt hört man täglich von einer Anzahl Freidenker in Deutschland, Frankreich und Belgien: das Christenthum ist todt, abgestorben, ausgeleert — und doch führt es noch, in vielen Millionen Menschen ein kräftiges Leben, giebt ihnen Anschauung und Vorstellung, leitet, ihr Leben und ihre Sitten,, erhebt sie zum Kampfe selbst gegen, den Staat, .also gegen ihre weltlichen Interessen — und dies sieht Hartmann selbst als ein besonderes Zeichen für das Leben des Christenthums an — nöthigt die Maaten, seine Institutionen mit großen Geldopfern zu erhalten und schafft 'solche da, wo Staat und Kirche getrennt sind, wie in Nordamerika! Wir glauben nicht, daß man' alle diese Erscheinungen nur für blos äußerlich ausgeben wird, die gar keinen Ankergrund im innern Leben des Volkes hätten. Eher hält sich doch Hartmann nur an äußerliche Erscheinungen, wenn er den-Culturkampf mit der katholischen Kirche jetzt, nachdem die Romantik Friedrich Wilhelm IV. und das Regime des preußischen Unterrichtsministers Mühler vorüber ist, für ausgebrochen und zu entscheidender Vernichtung entweder der einen oder der andern kämpfenden Partei erklärt. Dieser Culturkampf währt bereits seit Jahrhunderten, wird noch Jahrhunderte währen, und noch vielen geschichtlichen Zwischenfällen ausgesetzt sein. Wir, als unparteiische Beobachter, erkennen vielmehr in der Art, wie er jetzt geführt wird, daß .eine Entscheidung noch lange ausbleiben werde, daß der. Staat jetzt noch ebenso wenig die katholische Kirche überwinden und vernichten kann, wie die Kirche den Staat; hierzu sind beide zu lebenskräftig. Es wird daher noch mancher Waffenstillstand eintreten. Es scheint uns, als ob die Herren Kritiker und Philosophen sich hierbei nur in einem Zirkel bewegen. Strauß sprach in seinem Buche von „wir" und erklärte, daß er von „wir" spreche, weil er wisse, daß hinter ihm eine große Menge Menschen stehe, die seiner Ansicht seien und für welche er sie ausspreche. Hartmann sagt (S. 6), daß er sich nur an solche Leser wende, welche die Kritik der Grunddogmen des positiven Christenthums bereits hinter sich haben. Beide geben also zu, daß es außer dem „wir" und den „solchen Lesern" noch große Massen gixbt, welche der Ansicht dieser beiden ehrenwerthen Autoren nicht sind. Dennoch erklären sie die positiven Religionen für todt, das Christenthum für eingesargt, den Protestantismus für seinen „Todtengräber". Haben sie ein Recht dazu? Sie konnten diese Todeserklärung nur für den Kreis ihrer Anhänger abgeben, und wäre die Zahl dieser noch so groß, für die zahllose Menge ihrer Gegner kann sie nicht gelten. Hartmann sagt, daß die Religion dem Volke unentbehrlich sei, und will für dieses eine neue Religion, sei es „umbildcn" oder „neubilden". Aber dieses Volk lebt nach seinem eignen Zugeständniß noch in den Grunddogmen des positiven Christenthums, denn sonst brauchte er „solche Leser, die sie hinter sich haben", nicht auszuscheiden. Er mußte also nur für diese nacheiner solchen neuen Religion suchen, und diese sind es ja gerade, welche nach seiner Meinung der Religion nicht mehr bedürfen, sondern sich mit seinem-Philosophen^, „Pessimismus und Monismus", begnügen sollen. Unter unsren Lesern giebt es sicherlich einige, sowohl unter den Juden, als auch unter d e n christlichen Theologendie uns mit ihrer Aufmerksamkeit beehren, welche sich wunderndaß wir hier für das Christenthum und fein, noch immer kräftiges. Bestehen-: eintreten. Wir wollen nicht behauptendaß dieseine edle

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