Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine XJVil.'Ul Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 biS -i'/a Bogen. Preis Vierteljährig t Thlr. Inserate werde» mit 2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitung« - Expeditionen ' nehmen Bcst-.-1U.ngen an. I» redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. £. Philippson in Bonn; hinsichtlich des Bezugs und der Inserate an Saumqärtnrr's Suchhaudlnilg inLeipzig. Inserate, welche bis vonurr«- tag cingehen, finden inderiarauffolgeuden Nummer Berücksichtigung. 38. Jahrgang. Leipzig, den 1. December 1874. JW 49. Inhalt. Leitende Artikel: Bemerkungen über Eduard von Hartmann: Die Selbstzersetzung des Christenthums und die Religion der .Ankunft. Berlin, 1874. I. u.!I. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Graudenz. Oldenburg, Aus Württemberg, Bonn. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Aus Oesterreich. —Frankreich: Paris. — Niederlande: Mastricht. — Italien: Aus Mittelitalien.— Feuilleton: Das Testament. 4. £edmdo ßCxh&A. - .T Bonn, den 25. November. SemerKungen über Eduard von Hartmann: Die' Selbstzersetzung des Christenthums und die Religion der Zukunft. Berlin, 1874. 1. Nichts ist gewöhnlicher, als daß die historische Kritik die geschichtlichen Grundlagen, die philosophische Kritik den Lehrinhalt einer Religion prüft, durchforscht, beurtheilt, annimmt oder verwirft. Das ist aber neu', daß derselbe Kritiker sich ■ hinsetzt, etweder um eine neue Religion zu gründen, oder deren zukünftigen Inhalt im Voraus anzugeben und zu bestimmen. Jedes philosophische System, jede Metaphysik enthält eine Lehre vom Uebersinnlichen, eine Weltanschauung, eine Art von Religionssystem. Was da die Philosophie zu leisten vermag, das erweist die-Geschichte der Philosopheme von den ersten griechischen Philosophen an. Außer Plato und Aristoteles, die das Glück gehabt Haben, dem Mittelalter unentbehrlich zu sein — aber'was für ein Plato und Aristoteles im Mittelalter! — vermochte kein Philosophem der alten wie der neueren Zeit einen unmittelbaren und dauernden Einfluß über mehr als ein Jahrhundert und auf mehr als einen engen Kreis zu gewinnen. Daß aber ein Philosoph und. Kritiker, noch dazu mehr Kritiker als Philosoph, eine ^Religion machen oder bestimmen will, das^gehört nur der modernsten Zeit zu. Diesen Versuch machte David Strauß, indem er statt des Christenthums, das er für tobt im Bewußtsein der modernen Menschen erklärte, die Anbetung des Universums als solches empfahl; diesen Versuch macht auch Hartmann, der bekannte Verfasser der „Philosophie des Unbewußten"- welcher das Christenthum erst recht für „todt, aüsgeleert" erklärt, indem er die. Elemente feststellt, ans welchen die Religion der Zukunft bestehen soll, eine Verschmelzung des Iudenthums und des Buddhismus!!! Es ist wahr, Hartmanns Schrift bezeugt weit mehr Scharfe der Gedanken, Präcision des Ausdrucks, und hält sich viel mehr an die Geschichte des Christenthums, als das bekannte Werk von Strauß, das gegen Hartmann fast wie seichtes Geschwätz sich ausnimmt, und schließlich über die Kritik der neutestamentlichen Schriften nicht hinauskommt. Dagegen weht aus Strauß' Buch doch noch Leben und Empfindung heraus, und der unvermittelt gebliebene Kanipf des kritischen Verstandes mit den warmen Gefühlen des Herzens tritt überall zu Tage, während bei Hartmann eine Eiseskälte herrscht, und dem Leser nach einiger Befriedigung feines kritischen Gelüstes nichts als Frostschauer übrig bleibt. Wozu denn aber überhaupt noch eine Religion? Genügt es denn nicht, daß die Philosophen ihre Systeme aufstellen und die Menschen sich ihnen fügen — heute Kant, morgen Hegel, dann.Herbart, dann Schopenhauer und schließlich Hartmann? Halt, ruft uns der letztere selbst zu, die Religion ist dem Volke unentbehrlich. Wir erwarten, daß der Philosoph diesen Satz begründet. Aber' wie unphilosophisch thut er dies. Die Gewalt, welche die katholische Kirche in.dem jetzigen Kampfe Mr