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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-24 · Heft 48 (24.11.1874) · p. Seite 810

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 48 (24.11.1874)
Date
1874-11-24
Page
Seite 810 (sequence 12)
Language
German
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810 Licht der Welt in einer der mitteldeutschen Residenzen. -Mein Vater war ein Lehrer der französischen und englischen- Sprachenicht an einer Schule angestellt, denn wo durfte damalsein Jude, und wäre er ein Meister seines Faches gewesen, , den Anspruch exheben, an einer öffentlichen. Schule das Lehramt zu versehen, und wenn auch sein Fach mit-der herrschenden Religion fo viel zu schaffen hatte, wie etwa die griechische Classicität mit dem Christenthume— sondern auf Privatunterricht angewiesen. Unser Unterhalt war dahex nur kärglich, denn was zahlte man damals, für^ Privatunterricht! - Mein Vater genügte den Bedüxfnissen seiner Familie nur dadurch, daß er in geschickter Weise mehrere gleichgeartete und auf gleicher Stufe stehende Schüler cpmhinirte, und weil er in dem bewährten. Rufe eines ausgezeichneten Kenners dieser Sprachen stand,, in denen jeder Gebildete wenigstens Unterricht nehmen mußte, mit welchem Erfolge, darauf kam es weniger an. Man., kann.-sich aber schon denken, daß bei diesen Verhältnissen und bei dem wohlbegründeten Selbstbewußtsein meines Vaters just keine conservative Luft in meinem Elternhause wehete. Mit dieser Julirevolution, in Frankreich war. auch in Deutschland. eine unerwartete Umwandlung, des Geistes eingetreten. Es waren nur einige kleinere deutsche Staaten, in welchen damals eine revolutionäre Bewegung, stattgefunden hatte, aber . überall war die Schale, die man für so festgeschlossen gehalten, plötzlich aufgesprungen: , der alte, patriarchalische. Geist war mit einem Male verschwunden und hatte einem Freisinn Platz gemacht, der sich desto mehr in sich sättigte und vollsog , jemehr die Regierungen ihm widerstrebten, ihn verdammten und bei der geringsten Aeußerung unnachsichtig bestraften. .Nur in N. und N. war man, als ich eben in die Wiege gelegt ward, bis zum Throne herangestürmt und hatte den einen Fürsten gezwungen, seinem Bruder den Platz zu räumen, den anderen seinen Sohn zum Mitregenten anzunehmen, d. h. ihm die Negierung zu überlassen. Aber überall hatte man die patriarchalische Ehrfurcht vor der Hand verloren, welche das Scepter führte, und die man demüthig küßte, auch wenn sie das goldene Scepter in eine eiserne Ruthe umwandelte. Man verabscheute den Absolutismus, auch wenn er das Beste des.Volkes beabsichtigte und freigebig Wohlthaten aus streute. Man wollte freisinnige. Grundsätze, man verlangte Theilnahme des Volkes und Selbstverwaltung, man forderte eine Verfassung nach dem. Muster der französischen Charte , und bald noch , mehr als diese. In dieser. Luft wuchs ich auf, und man kann sich denken, daß ich, sobald ich der Dinge um mich her bewußt ward, sie nur durch die . Gläser anschaute, die mir von Kindesbeinen an vor die Augen gesetzt worden. Es waren Vergrößerungsbrillen , durch welche auch die kleinsten Gegenstände in großen Umrissen erschienen, ganz besonders aber das eigene auswachsende Ich. Mein Vater verwandte auf meine Erziehung, als' die seines-ältesten Sohnes, viel Zeit, und Sorgfalt. : Ich wurde frühzeitig. und, in vielen Dingen unterrichtet, und eine glückliche Begabung ließ 'mich Alles schnell auffaffen und. vorzeitig - vergehen undbeurtheilen. Ich kam auf das Gymnasium . meiner- Vaterstadt und gehörte zu den besten Schülern deffelben,, Man wird begreifen, daß ich meiner schnellen Fortschritte bewußt und, ich will es offen sagen, auf meine Fähigkeiten und. Kenntnisse nicht wenig eingebildet ward.. Es war aber auch, damals gyr nicht anders möglich. Immer stärker entfaltete sich der liberale Geist; immer abgeschlossener und feindlicher wurden die Regierungen; immer härter und doch unzulänglicher ihre Maßregeln. Es. , war in den vierziger Jahren, wo der im wirklichen Leben abgedämmte Geist in die ausschweifendsten Theorien hinüberschwoll. Nicht mehr die politischen Verhältnisse allein bewegten die Geister, Der Schrei der. untern Klaffen über Noth und Bedrückung machte sich verlautbar, und überschwängliche Geister gingen daran, die Grundlagen der ganzen Gesellschaft umschmelzen und aus .diesem so gewonnenen Erze ganz neue Gestaltung erschaffen zu wollen. Es war die Zeit der socialistischen Theorien, und die deutsche Jugend sog diese französischen Phantasien. um so mehrauf , i je verkehrter und gefährlicher sie waren,. Die Väter hatten daran Schuld. .Da sie selbst an ihrer eigenen Thatkraft verzweifelten, redete sie der Jugend ein, daß sie berufen sei, die Welt umzugestalten und all' diese neuen Ideen in die Wirklichkeit' einzuführen. Der Eigendünkel der Jugend ward hierdurch übermäßig genährt. Hiermit will ick nicht gesagt haben, daß mein Vater dem Socialismus gehuldigt hätte. Er erklärte vielmehr diese Theorie für die verkehrteste, die je'ein Menschengehirn ausgeheckt, die aber um so gefährlicher sei, je größer ihre Tollheit; denn Lüge und Unsinn fänden bei der Menge um so mehr.Anklang , je gröber sie sind, den Wünschen der Menschen aber schmeicheln. Sein Glaubensbekenntniß war vielmehr: Machet die Menschen nur frei, und überlasset ihnen das Uebrige; die Interessen sind in der Gesellschaft so vertheilt, daß wenn alle Klaffen frei sich bewegen können,, keine die andere zu bewältigen vermag, und deshalb Recht und Wahrheit von allen übrigen Klaffen derjenigen gegenüber vertreten werden, welche eine andere ausbeulen wollte. Hiermit war aber die Jugend nicht einverstanden. Sie hatte Yen Glauben an die Autorität der Väter verloren und erkannte die Vergangenheit des Menschengeschlechts nur als eine Reihe trauriger Zustände an. Sie hielt sich des-, halb für berufen,. eine vollständige Umkehr, zu bewirken: denn wozu; hätte sie sonst diese Erkenntniß erlangt? Ein jeder begabte und seiner Begabung sich bewußte Jüngling setzte sich daher hin, um ein neues System der menschlichen Gesellschaft auszusinnen, und wer ein solches zu Stande gebracht hatte, hielt es unfehlbar für das richtige. Halb verstandene Worte, aufgefangene Begriffe spielten dabei ihre mysteriöse Rolle und dienten beständigen. Wortkämpfen zu stets bereiten Waffen; Aufhebung des Credits und Erweiterung des Credits, und alle derartige Stichwörter flogen hin und her unter den Jünglingen, die so viel davon verstanden wie der Blinde von der Farbe, nach dem gebräuchlichen Sprich-

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