Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-24 · Heft 48 (24.11.1874) · p. Seite 809

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 48 (24.11.1874)
Date
1874-11-24
Page
Seite 809 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226960-3227009--33094-3256096
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wie ein Alp. Meine Glieder -waren kalt und erstarrt, und doch' fühlte ich in meinem Innern eine Fiebergluth, und ein starker Durst plagte mich. Ich lag auf einem Strohbündel, und eine alte zerrissene Decke war über mich gebreitet. Meine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht, und ich gewahrte bei dem geringen Schein, welchen eine kleine schwählende Oellampe, die an einem Pfosten hing, verbreitete, daß ich in einem Stalle lag, der zu irgend einer geringen Bauernhütte gehören mochte. Verfallene Wände, halbvermoderte Balken, kleine Oeffnungen, durch welche der Wind heftig hineinblies und die Lampe zu verlöschen drohte. Doch war es drückend schwül in dem Raume, den wohl bis vor Kurzem einige Stücke Vieh zur Behausung gehabt. Und dieser Wind, der auf die Ecken dieses schwächlichen Bauwerks stieß, als ob er es Hinwegblasen wolle, schwoll von Zeit zu Zeit zu einem lobenden Sturme an, durch welchen man dann und wann den rollenden Donner eines abziehenden Gewitters vernahm, wie denn auch von Zeit zu Zeit das bläulich gelbe Licht eines Blitzes durch die Dunkelheit fuhr. Die Hütte und der Stall mußten mitten im Walde liegen; denn von rings her hörte ich das Rauschen der Bäume , das Raffeln des Windes in den Kronen der Föhren, das Knistern abgebrochener Aeste und den dumpfen Fall eines niedergeschmetterten Stammes. Es war ein furchtbares Toben draußen, ein wilder Kampf der Elemente, der das elende Werk von Menschenhänden jeden Augenblick zusammenzustürzen drohte. Es bedurfte langer Zeit , bevor ich aller dieser Umstände mir bewußt wurde. Doch ich hatte noch mehr zu bemerken. Der allerdings nicht große Stall war leer, und nur ich lag in einer Ecke auf dem Bündel feuchten, halbvermoderten Strohes. Kein lebendes Wesen darin als Mäuse und Ratten, die bald über meine Füße hinwegliefen. Ich strengte mich an, mich, zu bewegen — und da ward ich inne, daß meine'Hände gebunden waren, so eng aneinandergeschlossen , daß durch die größten Anstrengungen ich sie aus den Banden nicht zu befreien vermochte. Ein-jäher Schreck durchfuhr mich und brachte meine volle Besinnung schnell wieder zurück. Ich wußte jetzt, wo und was ich war. Ich war ein Gefangener; der Gefangene eines unerbittlichen Feindes, den der Widerstand des aufgestandenen Volkes auf's Höchste gereizt hatte. Ich war gefangen worden, als ich -mich von einem Häufen getrennt hatte, der einen wahrhaft verrätherischen Ueberfall beabsichtigte, einzeln im Walde verirrt, aber mit den Waffen in der Hand, und von dem Orte kommend, wo so Schreckliches geplant und gewiß auch schon ausgeführt worden. Mein Schicksal konnte nicht zweifelhaft seinder nächste Morgen mußte es bringen — entweder füsilirt oder doch zu lebenslänglicher ader zwanzigjähriger Festüngsstrafeverurtheilt, unter das niedrigste Gesindel, unter die Bäugefangenen, Mörder und Räuber gestoßen. Und ich war doch noch so jung; kaum das neunzehnte Lebensjahr hatte ich überschritten. Und zu Haust weilten meine Eltern ohne alle Ahnung meines Geschickes und wodurch ich es über mich heraufbeschworen- , noch voll der Hoffnungen, die sie auf meine Zukunft setzten, berechtigt hierzu durch die schnellen Fortschritte, die ich auf Schule und.Universität gemacht, meine Anlagen, meinen Fleiß, mein sittliches Verhalten; und mit meinen Ettern meine Geschwister und —ich vermochte es kaum auszudenken; wilde Verzweiflung erfüllte mein Herz und schüttelte fieberhaft Kopf und Glieder. Es fuhr wie ein Stich durch das Gehirn: ich war'am Kopfe verwundet und verbunden. Und dennoch hatte man mich gebunden zurückgelaffen: So viel lag ihnen an meiner Gefangenschaft. Da vernahm ich denn auch mitten durch den Sturm und -den Donner die Schritte eines bewaffneten Mannes vor dör Stallthüre; er mochte unwirsch und verdrossen hin- und herschreiten , denn seine Waffen klirrten bei jedem Fußtritt . . . Ich lag. hier doch unter einem schützenden Dache üNd der niederrauschende Regen traf mich nicht. Dennochwas hatte ich darum gegeben , wenn ich draußen'gewesen in der wilden Nacht, Im feuchten Walde, unter Blitz und Donner, von dem rasenden Sturme niedergeworfen , von-"dem strömenden Regen durchnäßt — aber frei, nach der schirmenden Grenze eilend, -die so nahe war und mich sicher, -geborgen i hätte! . .' - > Wie war ich hierhergekommen? was hatte ich Mit Krieg und Waffen zu thun? wofür war ich in den Kampf gezogen, und nun ein Gefangener, der die letzte Kugel zu erwarten hat? . . . Es war eine lange ^Geschichte. In jener schreckensvollen Nacht, auf die ein noch furchtbarerer Morgen folgen sollte, dachte ich freilich nicht daran. Nur die lange Furcht und der schneidende Gedanke an Meine Eltern wogten mir durch das Herz und warfen mich in eine dumpfe Betäubung zurück.' Aber da ich dies niederfchreibe, muß ich erzählen; wie es mit mir bis dahin gekommen. Vielleicht; daß irgend ein Jüngling, den eine Idee fanatisch ergriffen; meine Worte liest, und fich warnen läßt. Ein Schritt ist so leicht gethan; dann aber führt er in der nothwendigen Aufeinanderfolge immer weiter, und Du kannst nicht zurück, weil Du Deine Ehre damit verbunden , und weil Dir''Dein Gewissen sagt, daß Du eine Sache nicht verlassen darfst, der Du Dich mit freier Entschließung zugesellt, auch wenn Du sie alsverlöten, als unmittelbar zum Untergang führend, erkennst. Erst der erfahrene Mann sieht ein, daß der Idee oft mehr gedient wird, wenn man, da zur Zeit ihre Ansführung noch unmöglich, jetzt den wahnsinnigen Versuch aufgiebt und eine bessere Gestaltung der Dinge abwartet. Die Wogen weichen vom harten Felsgestein zurück, aber sie kehren wieder und wieder, bis sie es unterwaschen und droben die Elemente es verwittert haben. - , . ■ 3. ■ - - : Ich war ein Kind der Revolution. Am letzten Tage jener Julikämpfe, die in Paris718 3 0 gekämpft wurden, und welche das Princip der Legitimität vom Throne stießen, erblickte ich das . * 48*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.