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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-24 · Heft 48 (24.11.1874) · p. Seite 811

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 48 (24.11.1874)
Date
1874-11-24
Page
Seite 811 (sequence 13)
Language
German
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MMckiVUWMKNWWWB^^^MW^WDWMhWW 8ii wort. Bei so aufgeregten.Gemüthern war es natürlich, daß sich unter den Schülern des Gymnasiums bereits Parteien bildeten; ist doch jede einzelne Welle ein- Ocean im Kleinen. Es befanden sich unter uns viele Söhne des Adels, besonders des /reichbegüterten Landadels , die Söhne der höhern Beamten und der Prediger. Alle diese mit geringer Ausnahme bildeten das aristokratische Element, und als sich der Feuergeist des Freisinns unter, uns ausbreitete und immer kühner aufloderte, zogen sich diese zurück, verbannten den Anflug des liberalen Geistes, dem auch sie sich zugewandt hatten, völlig aus ihrer Mitte, und waren die ersten; die einen geschlossenen Verein zu Stande brachten. Diesem gegenüber verbanden wir Anderen uns ebenfalls, und obschon wir in unseren Ansichten sehr auseinandergingen, sprachen wir doch, mit großem Pathos von der Notwendigkeit, daß die große liberale Partei der drohenden Gefahr gegenüber Zusammenhalten müsse. Es fanden offenbare und geheime Compromisse statt, erhebende Scenen, welche uns außerordentlich vergnügten und uns immer sicherer machten, dereinst das Heil der Welt zu erwirken. Selbstverständlich blieben unsere Versammlungen, Sitzungen, Reden und desfallsige Kneipereien nicht unbemerkt. Aber es erging unsren Herren Lehrern nicht besser als uns; auch sie waren sehr getheilter Ansichten; auch sie waren heftige Parteigänger und sahen sich daher gern nach Unterstützung und Anhang 'unter ihren Schülern um. So ging es eine Weile, und die Lehrer sorgten nur für das Eine, daß unsere Streitigkeiten nicht zu Duellen und Schlägereien ausarten mögen. Als aber die liberale Partei durch die Vereinigung der Fractionen immer stärker wurde, denuncirten uns unsere Gegner bei der Regierung, welche im höchsten Grade der Entrüstung den altersschwachen Director pensionirte, die liberal gesinnten Lehrer maßregelte, die wohlgesinnten belohnte, uns aber bei Strafe der Relegation jede Versammlung zu mehr als drei Personen, ja jede gesellschaftliche - Vereinigung strengstens verbot. Es versteht sich, wir wurde« hierüber empört, wir schworen Rache und Untergang den Tyrannen, wir wurden nur um so mehr in unseren Ansichten und Vorsichten bestärkt, gehorchten zwar, fanden aber Mittel und Wege genug , um mit einander zu communiciren; ja die Heimlichkeit gab unsrem Treiben erst den rechten Reiz. Ich selbst spielt^ keine ganz geringe Rolle; frühzeitig verspürte ich eine gewandte Suade an mir und setzte diese Fähigkeit bei jeder möglichen Gelegenheit in Bewegung. Ich hatte eine lebhafte Phantasie, dagegen gestehe ich jetzt gern ein, damals freilich nicht, daß es mir an Schärfe der Gedanken und an praktischer Gewandtheit fehlte. Ich schloß mich daher ganz besonders einem Mitschüler an, der diese Gaben in hohen: Grade besaß, einem von Trützschler, dem Abkömmling einer großen und reichen Adelsfamilie, von der jedoch nur ein Nebenzweig in unsrem Lande ansässig war, während ihr Hauptstamm im Königreich Sachsen saß. Dieser hochbegabte Jüngling, der an mir wieder die natürliche Beredsamkeit bewunderte, und mich daher seinen Aron nannte, während er sich etwas für den Moses hielt, war der Volkssache sehr ergeben, und gerade darum, daß er seinen Adel verleugnete, unter uns als ein wahrer Heros verehrt. Mit diesem schloß ich den innigsten Freundschaftsbund, und wir versprachen uns, , auch unsere Studien gemeinsam auf der Universität zu betreiben. u? Doch noch Eins muß ich hervorheben. Wenn in meinem väterlichen Hause ein solcher freisinniger Geist herrschte, so lag die Wurzel davon allerbings in der Ueberzeugung., die mein Vater, ein fester, unerschütterlicher Charakter; in seinem Geiste trug; aber doch in keinem geringen Maße auch in unsrer Eigenschaft als Juden. Ich mag hier nicht auf die Erörterung eingehen, wie in den Juden durch alle Zeiten ihres merkwürdigen Stammes hindurch von Unterschieden der Stände, von Adel und Vorrechten niemals eine Spur vorhanden gewesen. Wenn Gelehrsamkeit und Reichthum den Personen ein besonderes Ansehen verliehen, so war doch die erstereeben nur eine persönliche Eigenschaft, und was den letztern betraf, so wechselte er so unaufhörlich, schwand bald aus den Händen eines früher» Inhabers und ging in die eines Emporkömmlings über, daß an irgend eine geschloffene Phalanx nicht zu denken war. Aber wir Juden halten Ursache genug, mit den bestehenden Zuständen sehr unzufrieden zu sein. Merkwürdiger Weise hatte man zwar in bürgerlicher Beziehung so manche Schranke für die Juden.bereits niedergerissen, aber gerade die Intelligenten unter ihnen in der strengsten Ausschließung zurückgehalten. Mein Vater hatte dies bitter genug empfunden. In sonderbarster Weise hielt man daran fest, die christliche Mathematik., Sprachkunde oder Kalligraphie vor der Berührung mit der kleinen Zahl jüdischer Lehrer auf's Strengste zu schützen. Juden, die studirt hatten, mit Ausnahme der Aerzte, hatten gar keine Aussicht. Es war also von selbst gegeben, daß sie ihr Heil nur von einer völligen Umwandlung des Regierungssystems erwarten konnten. Man muß nun nicht glauben, daß unter allen diesen zerstreuenden Momenten meine Studien litten. Wer. von Jugend auf an eine regelmäßige Thätigkeit gewöhnt worden, der giebt diese auch nicht unter den heftigsten Stürmen, inneren wie äußeren, auf. Darin liegt ein unendlicher Segen; denn diese regelmäßige Thätigkeit hält uns mitten in den schwersten-Leiden, und Schmerzen aufrecht, giebt uns Fassung' uni) Ziele zurück und schützt uns vor dem Versinken in wüste Leidenschaften. Daher waren später auch die Politik treibenden Müßiggänger die gefährlichsten und ausschweifendsten Subjecte, die der guten Sache mehr schadeten, als alle ernsten Männer ihr nützen konnten. Ich war daher kaum 17 Jahre alt, als . ich. meine Abiturientenprüfung .mit Auszeichnung bestand; und mein Vater einwilligte, daß ich mit meinem Trützschler nach Heidelberg zum Studium der Rechte ging. lFortfetzüngfolgt.)

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