Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-24 · Heft 48 (24.11.1874) · p. Seite 807

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 48 (24.11.1874)
Date
1874-11-24
Page
Seite 807 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226960-3227009--33092-3256094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

807 Ln Betracht zieht, destoweniger "darf' das Interesse des Individuums' -.vor - dem Heile der Gesammtheit irgend berücksichtigt' werdend Es wäre doch ein grausames Loos, Wenn der große Theil der russischen Juden, der seine Wehrpflicht erfüllt, den Staat gegen die ganze jüdische» Gesammtheit harte und drückende Maßregeln , wegen der Schuld des kleineren Theiles, der sich dieser Pflicht entzieht, ergreifen sähe. Wir wünschen also, daß die kaiserliche Regierung vor Allem den Weg beschreite, um zu einer zweifellosen Kenntniß der wirklichen Sachlage zu gelangen. Aus Rußland, im November. Die russischen Zeitungen beschäftigen sich einmal wieder sehr viel, sägen wir allzuviel, mit dew "Juden und schreiben der kaiserl. Regierung eine Menge neuer Maßregeln betreffs der Juden zu. Hierbei nehmen es die Herren Zeitungscorrespondenten und Redactionen nicht immer mit der Wahrheit sehr genau. Nicht selten schieben sie ihre eigenen Ansichten und Wünsche unter, oder lassen diese als Fühler in der Luft umherflattern. So sollen die Juden in Rußland einer neuen Volkszählung unterworfen, die obligatorische Civilehe ganz allein für sie eingeführt, die Matrikelführung für die Juden besondern Beamten übergeben und endlich die Freizügigkeit wiederum etwas erweitert, von einigen Beschränkungen befreit werden. Niemand kann der Regierung die strengste Sicherung der Recrutenaushebung verdenken, und reformatorische Einrichtungen werden immer zu billigen sein, wenn auch bedauert werden muß, daß sieglos für' die Juden, also immer wieder als Ausnahmegesetze' erscheinen. Allein niemals, werden bloße Restriktiv-Maßregeln zu einem erwünschten Ziele führen, und unter allen positiven Heilmitteln ist die Freizügigkeit das entschieden wirksamste, unentbehrlichste. Bei jenen kommt es immer darauf an,. in wie weit die Beamten sie auch durchführen, bei dieser wirkt einfach, das Bedürfniß. Alle Erfahrung hat übrigens gelehrt, daß e8 eine eitle Furcht ist, durch die Freizügigkeit würden die Gegenden von Juden überschwemmt werden, welche bis jetzt von ihnen nicht bewohnt werden durften. Es fand dies bis jetzt nirgends statt: Norwegen, Spanien, Tyrol, Süditalien, Mexico und Südamerika geben dafür den Beweis. Ueberall fanden sich daselbst nur äußerst spärlich Juden ein, obgleich sie ihnen bereits seit Jahrzehnten offen stehen. Bei dem Umfang des russischen Reiches würden sich auch die einwandernden Juden sehr vertheilen. Dies würde aber nur der Fall sein, wenn Vre vielen Beschränkungen wegfielen. — Neuerdings schweben daher auch viele Gerüchte in der Luft. Baron Günzburg in Petersburg soll dem Ministerium ein Project eingereicht und einige Aussichten für däffelbe erlangt haben, wonach den jüd. Gemeinden selbst die Recrutirung nach der auf sie fallenden Zahl übergeben werden solle.' Dies wäre wieder das System, das unter Kaiser Nicolaus bestand und so überaus traurige Folgen hätte: Wahrscheinlich'ist Las Project ganz anders geartet. Neulichst brächte mandas unsinnige Gerücht -auf , große Wäldbränve in Polen. wärendurch eine Anzahl Juden bewirkt worden-- welche sichdaM kleiner Knaben ^bedient hätten:» - Solcheplumpe »Erfindungen sollen Vie-Judnr immer wieder ■ im schlechtesten Lichte» zeigen und in Verruf' bringen^ — Eine Correspondenz der „Berl. Nat. Ztg." führt die jüngst in der medicinischen Akademie'zu Petersburg stattgefnndenen Studentenunruhen auf den Profeffor Cyon zurück, der ein Jude sei und die jüdischen Akademiker entschieden begünstige. »'Seine Strenge bei den Prüfungen und eine von ihm ausgegangene Schrift -gegen andere Professoren» seien die Ursachen jener Unruhen. Man sieht dieser Mittheilung der „Nat. Ztg." sehr bald die Einseitigkeit ab. Ein Professor jüdischer Religion wird sich wohl hüten, durch besondere wahrnehmbare Begünstigungen seiner Glaubensgenossen seine Stellung verdientermaßen zu erschüttern. Die vermeintliche Nachsicht gegen jüdische- und Strenge gegen christliche Studenten deutet'überklar auf die Absichtlichkeit und den Ursprung solcher Anschuldigung. Das Uebrige wird der eingeleiteten Untersuchung zu überlassen sein. Die Zeit ist vorüber, wo man das Recht stets auf Seiten der revoltirenden Studenten finden wollte. Wir sind weit davon entfernt, das Unrecht irgendwie zu leugnen oder nur zu beschönigenwenn es von Juden geübt wird; aber die Sache muß eben erwiesen und. nicht durch falsche Angaben verdunkelt sein. Amerika. New-Aork, 30. Oktober. Der „Hebrew-Leäder" enthält folgende, interessante Notiz: Kein Element unter den in Amerika eingewanderten Juden hat sich M jetzt so frisch, so lebenskräftig erhalten, wie das deutsche, und keine Sprache'wird — außer der Landessprache — von unseren Glaubensgenossen so allgemein und so eifrig gepflegt, wie eben die deutsche. Unsere Brüder, die sich hier zusammenfinden, stammen aus aller Herren Länder und kommen aus allen Ecken und Enden; es giebt demnach keine einzige jüdische Gemeinde in New-Aork, die ihren Gottesrdienst und ihre Predigt in französischer, italienischer, ungarischer oder fonft einer Sprache eingeführt hatte; obgleich alle diese Nationalitäten dermaßen vertreten sind, daß sie sehr ansehnliche und selbstständige Gemeinden bilden könnten. Ja, unter den sechsunddreißig jüdischen Congregationen, die hier existiren, giebt es factisch nur drei bis vier, deren Gottesdienst, Predigt und Religionsunterricht ausschließlich in englischer Sprache abgehalten werden, und wir glauben nicht zu irren , wenn wir behaupten, daß es selbst^ in diesen' einigen Gemeinden auch wenigstens eine bedeutende Minorität gäbe, , die eine deutsche Predigt — wenigstens eben so gut verstünde, als die englische. Von der ^großen Anzahl rrmn--nn giebt es unseres Wissens gar keine, die in einer anderen alseiM'4eni Deutschen wenigstens nächst verwandten Sprache ihre Vorträge f. w. halten sollten. Wenn wir nun von dem Vereins- und' Gemeindeleben auf das Privatrebetifwnb oiif bie 3fnbimt>ueri' fcf^Iiegen fotten — und hier zu Lande, wo alles öffentliche Leben einsichfreiaus dem Bedürfniß - 48

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.