Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-17 · Heft 47 (17.11.1874) · p. Seite 794

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 47 (17.11.1874)
Date
1874-11-17
Page
Seite 794 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226960-3227008--33078-3256079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

auch enthielten, bei dem Außerordentlichen Respecte der Kinder vor 'den Ellern den folgenden Geschlechtern sehr theuer und würden, wenn der Zufall sie nicht zerstörte, was freilich" mit der Zeit in den meisten Fällen geschahlange als ein heiliges Bermächtniß aufbewahrt. 'So war - die „Zwoe" meines Urgroßvaters, die auch eine Geschichte für sich hatte, in meine Hände gelangt.' Ich sehe es aus 'der Ferne, der Leser lächelt. Was kann wohl ein solcher Handwerksmann aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts niedergeschrieben haben , was in unserer erleuchteten und vielwissenden Gegenwart noch des Lesens oder gar des Beschreibens werth wäre? Gemach, die Zeiten verändern sich und die Sitten in ihnen/ wie das Sprüchwort sagt, aber die Menschen verändern sich nicht und die Wahrheit auch nicht. Diese verkündet uns unter Anderm, daß sie durchaus nicht an den Mund der Gelehrten und Gebildeten gebunden sei, daß sie ihre Wohnstätte nicht selten in der Brust eines tüchtigen, aber ungelehrten oder ungebildeten Mannes aufgeschlagen, der sich mit besonnenem Blicke.im Leben umgeschaut und dessen Erscheinungen mit scharfsichtigem Geiste in sich ausgenommen. Das Auge des Gelehrten ist nicht selten blöve vor allem Studium, und das Auge des Gebildeten getrübt vor seiner Einbildung. Der Leser mag selbst uriheilen. Bevor ich/zur Hauptsache kommewill ich einige jener Aussprüche, von ihrem Jargon befreit, aber ohne Veränderung - des Sinnes, hierherstellen. Es heißt da: „Meine Söhne und Enkel sollen keinerlei Ehrenamt annehmen, denn es bringt nur /Neid und Verdruß von den Genossen, Aergernisse von den Vorgesetzten und Undank von denen, zu deren Nutzen es geübt-wird." Nun, .da der „Befehl" nur an die Söhne und Enkel ergangen, glaubte ich als Urenkel frei davon zu sein und habe mancherlei Ehrenamt übernommen; schließlich fand ich stets, daß mein Urgroßvater vollständig recht gehabt, und zwar gerade darum, weil ich den auferlegten Pflichten gewissenhaft zu genügen suchte. Der Funken, den ich etwa angesacht, wurde stets von einer dicken Schicht Asche des Mißwollens, des Haders und der Jntrigue alsbald zugedeckt, und mit dem bloßen Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu' haben, wollte es nicht ausreichen. Noch höher hob sich der Meister im Folgenden : „Wenn Du einen guten Gedanken hast, verbreite ihn soviel Du kannst, aber suche ihn nicht auszuführen;. dies überlasse Anderen, ihnen wird es gelingen." - Ich gestehe, diesen Satz verstand ich lange nicht, bis das Leben-mich ihn verstehen lehrte. Der Erfinder, der Entdecker, der Urheber Zeines guten Gedankens^ trifft sofort bei der Ausführung seines Planes auf die größten Hindernisse. Die Menschen können es nicht leiden, daß ein Anderer eine Entdeckung 'gemacht, einen Gedanken gefunden haben soll und sie-nicht. In den meisten Fällen scheitert die'Ausführung. Ist'der-Gedanke aber verbreitet und bekannt geworden,■! ist er bereits; weit von seiner ursprünglichen Quelle entfernt, dann wird'derjenige, welcher an die' Ausführung! geht, oder damit beauftragt wird, von hundert Händen unterstützt und von tausend Armen in die Höhe gehoben. ■ ■ - - /• ■ Ein anderer Ausspruch, und es sei der letzte, den ich anführe, reicht mehr in das innere Seelenleben-hinein/ er lautet : „Wenn Du - in einer Stunde der äußereren Ruhe, aber inneren Bewegung -in die Kammern Deines Herzens einkehrst, so frage Dich nur: bist Du ein guter Sohn? oder wenn Du schon am Grabe Deiner Eltern gestanden: bist Du ein guter Sohn gewesen? Kannst Du dies mit ganzem und aufrichtigem Herzen bejahen , so frage nicht weiter; stoßen Dir unglücklicherweise Zweifel auf, dann forsche weiter und recht ängstlich, denn es steht nicht gut um Dich auch in allen andern Verhältnissen des Lebens.", ' 1 ' Ich will die Wahrheit dieses Satzes nicht weiter ausführen. Viele werden Dieses oder Jenes dagegen einwenden, und aus ihrer Erfahrung ihn bestreiten wollen, ich kann mich nur mit ihm einverstanden erklchcen. Gerade in der Natur des Verhältniffes von Kindern zu Ellern liegen Elemente, welche die Pflichterfüllung in ihrem ganzen Umfange und in allen ihren Nuäncirungen für Kinder schwierig machen und daher einen entschieden sittlichen Charakter fordern. Es giebt da viel Geheimnißvolles in der Seele, und CoNflikte bleiben selten aus. Jedenfalls empfehle auch ich diesen Ausspruch meines Urgroßvaters allen meinen Lesern. - Und nun zu meiner Erzählung. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. In einem Aufsatz „Ueber die Kunst der Ässhrer und Babylonier" (Ausland 1873, Nr. 45) heißt es: „Die Chaldäer haben schon sehr früh die Kunst gelernt, Ziegel und Backsteine zu machen, und sind, in Babylon namentlich, darin zu einer Vollkommenheit gekommen, die selbst in neuerer Zeit nicht wieder erreicht worden ist. Die assyrischen Ziegel stehen sehr denjenigen Nebuchadnezars nach. Neue Entdeckungen bestätigen vollends die Angabe der Bibel über diesen Punkt; wir können noch nach 3000 Jahren das Erdpech Nachweisen, welches die Ziegel verband, gerade wie es das 11 Capitel der Genesis erzählt." — In der That heißt es 1 Mos. 11, 3. bei dem Thurmbau von' Babel: „Da sprachen sie, Einer zum Andern: Wohlan! wir wollen Ziegel streichen und brennen durch Brand, und so war ihnen die Ziegel statt Steines, und das Erdharz war ihnen statt Mörtels."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.