Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1874)
- Date
- 1874-11-17
- Page
- Seite 793 (sequence 11)
- Language
- German
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verbürge nicht,, daß. sie^gerade. die werthvollstensindder Grad-, - Messer Ländert sich gar oft, und was : einmal vernichtet ist , läßt sich..selten. wieder 'Herstellen.. Doch öffne ichdieses Fach nur selten, und meine Gedanken weilen nicht häufig bei ihnen überhaupt. Nur wer große Affecte in seiner Vergangenheit durchlebte, die . ihn zur Zeit gänzlich beherrschten und zu bestimmten Handlungen verleiteten, steht unter dem Panneder seine Seele oft vahin zurückzukehren zwingt. Dennoch befindet sich unter jenen Papieren einesein recht vergilbtes und unscheinbares, welches ich um keinen Preis zerstören yder nur aus den Händen geben möchte. Ja, ich habe die Schwäche gehabt, eine einfache, aber dauerhafte Hülle für dasselbemachen zu lasten. Es ist kein Adelsdiplom, worauf meine Familie niemals einen Anspruch zu. machen gehabt hätte; auch kein Besitztitel auf liegende Gründe, welche etwa uns gewaltsam entrissen worden, und auf die wir unser-Recht noch einmal geltend machen, könnten — solche besaßen meine. Vorfahren nie,, und , das Häuschen in der kleinen Stadt, welches der Urheber dieses Blattes bewohnte, ist längst verfallen und verschwunden — ich suchte es eines Tages, da ich in jenes Städtchen gekommen, auf, aber fand es nicht mehr. Das Blatt ist ein grobes, grünliches Stück Papier, deshalb um so dauerhafter, und die Handschrift in dem jüdischen Current groß und.derb aufgetragene Buchstaben mit. vielen, auch unnöthigen Strichen, sehr leserlich erhalten, sehr charakteristisch, aber der Schreiber war doch ungeübt , in dieser Kunst. Es wäre mir,lieb, mein Leser, wenn Du etwas neugierig frügest: nun, was enthält denn dieses Blatt,. daß es Dir so wichtig erscheint, Du so einen großen Werth darauf legst? Lieb, weil das Interesse, daß der Leser meinen Worten gewährt, mir überaus theuer ist. Ich könnte einfach bemerken, daß dieses Blatt schon von meinem Vater und meinem Großvater hochgehalten worden, daß es^eine^Art Familiengut sei, welches eben so gut meinen Nachkommen wie mir gehört- Aber, das genügt nicht. Es hat einen besonderen Werth für mich, es hat in einer schwierigen Lage meines Lebens in ganz eigenthümlicher Art eine Wendung herbeigeführt, die für mich erlösend und entscheidend ward. Man erwarte nichts Außerordentliches, aber es war doch etwas Außergewöhnliches. Da erklärt sich schon meine Werthschätzung, meine Sorgfalt und die kräftige Hülle, in die ich es geschlagen. Und was enthält es denn? Der Urheber war ein.einfacher Handwerker, der sich aus dem Böhmerlande, wo damals .in den zahlreich und dichtgedrängt bewohnten Ghetti die Juden auch für ihre Handwerksbedürfniffe selhst sorgten, wenigstens für viele derselben. Dieser mein Ur- - großväter zog als Jüngling .aus der von Feinden halb zerstörten, und ganz ausgeplünderten Stadt, wanderte. unter denmannichfaltigsten Erlebnissen und Bedrängnissen in Polen umher, pilgerte von da durch Preußen und' die Mark viele Jahre hindurch, ließ sich bald hier, bald dort nieder, wurde immer wieder durch Umstände oder Menschen vertrieben, bisher sich in die kleine mitteldeutsche Stadt verlor, wo er eiue> Heimath, Weib , unp Kinder/. ein.Arbeitsames, und entbehrungsreiches Leben,. den Tod und ein 'Grab, fand. Seine Enkel verließen das Städtchen und zerstreuten sich nach, den verschiedensten Gegendendes deutschen Vaterlandes, seine Urenkel, das Geschlecht mach mir , gingen noch darüber hinaus — sie werden noch kaum wissen, wo dieser ihr Urahn geboren, selbst nicht, wo er gestorben ist. Aber seine Erbschaft soll ihnen darum doch nicht entgehen. Wie die Familienlegende erzählt,. war er ein kräftiger, entschlossener und charaktervoller .Mannn, zwar nicht von den feinsten Manieren, wie sie in seinem Stande zu seiner Zeit, vielleicht.auch in der unsrigen gar nicht vorhanden waren, doch von sicherem Tact und ungewöhnlicher Geistesgewandtheit. Durch Zufälle des Krieges und desl Friedens, erzählt man, war er mehrere Male mit Fürsten und großen Herren in augenblickliche Berührung gekommen, einmal sogar in einem weltgeschichtlichen Momente am Abend voreiner großen Schlacht mit dem fürstlichen Feldherrn;— immer aber verstand er es, sich aus der Gefahr oder -der Verlegenheit, durch ein kluges.Benehmen und ein schlaues Wort herauszuziehen, selbst nicht, ohne augenblicklichen Vortheil. Sogar daS ihm sehr bestrittene Recht, sich in dem Städtchen niederzulassen und sein ehrliches Handwerk, die Schuhmacherei, zu betreiben — die Zunft wollte den fremden und nun gar den' jüdischen Meister nicht dulden, und stand dabei auf dem Rechtsboden ihrer Privilegien und Zunftartikel —, hat er auf diese Weise unmittelbar von dem Fürsten des Landes erhalten--meinem willkührljchen und brutalen, wenn auch geistesstarken Herrn,: der ihn eine .Viertelstunde .vorher mit der. Hetzpeitsche und dem Hufe seines Rosses bedroht hatte. Was der Mann' sonst werth mar, erkennt man genugsam aus seinem selbstbeschriebenen Papiere. , . In jener Zeit war es nicht häufig, daß ein jüdischer Familienvater längere oder kürzere Zeit vor seinem Tode ein Testament machte, eine „Zwoe" hinterließ, wie man es nannte. Die ungeheure Mehrzahl der Juden war arm, sehr arm, und .fristete ihr Dasein nur durch große Emsigkeit und .Enthaltsamkeit, sowie durch die Kunst, aus dem Kleinsten, noch' etwas Nutzbares, zu machen, und mit sehr geringen Mitteln, noch etwas zu verdienen. Ueber solche Hinterlassenschaft braucht man keine Verfügung zu treffen; die reicheren aber , hatten nur.selten Veranlassung,. Mer ihren Besitz anders als wie es Sitte und Gesetz mit'sich brachte, zu.disponirem .Was sagt mam.nuu dazu, daß es unserm ehr-- : lichen vielerfahrenen Schuhmacher doch einfiel, eine . „Zwoe? 'Niederzuschreiben mnd zu hinterlegen? :Jndeß. fand man .auch darin , nicht, eine Aufzählung der. von-ihm zu hinterlassenden Güter sammt deren Vertheilung solcher Mühe war das verfallene Häuschen und. das.chlscheK!(Hausgera1he nicht., werth die „Zwoe" begann vielmehr mit. einigen Umrissen seines: Lebenslaufes und schloß hieran eine Reihe; von Sprüchen,; die er als theuer erworbene Erfahrungen/seines i Lebens seinen Sühnen und i Enkeln>zu befolgen emfahl.i vSolche Testamente.waren, .was. sie 47* '