Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1874)
- Date
- 1874-11-10
- Page
- Seite 775 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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alle von Wiener Israeliten her. Es ist also immer noch, das alte Verhältniß, das diesmal um so mehr betont werden muß, weil der Verein an Mitteln schwach ist, wahrend die Anforderungen steigen. Wir sind fest überzeugt, daß die Wiener in ihrer Theilnahme für diesen überaus wohlthatigen. Zweck nicht . Nachlassen werden; wohl aber müssen wir es unseren Glaubensgenossen in den österreichisch -ungarischen Staaten zum herben Vorwurf machen, ihre eigenen Landeskinder so zu verlassen, daß sie dem Vereine, der mit geringer Ausnahme nur für diese besteht und wirkt, keine« Beiträge und Spenden zuwenden. Möge sich dies endlich bessern! Wim, 30. October. (Privatmitth.) Zufällig kam mir heute eine der jüngsten Nummern der „Boss. Ztg." in die Hände, in welcher ein fulminanter Artikel gegen die Juden Wiens, datirt vom 26. October, einen Platz gewonnen hat. Diesmal betrifft der Zorn des radicalen Correfpondenten mehr die todten als' die lebenden Juden. Bekanntlich gehen die hiesigen Stadtbehörden damit um, einen allgemeinen „Central- Friedhof" herzustellen. Die hiesige jüdische Gemeinde hat nun vom Magistrate erlangt, daß sie für schweres Geld einen gesonderten Antheil an diesem Central-Friedhofe für die jüdischen Leichen erhalte.. Dies erweckt den wüthigen Eifer des Herrn Eorrespöndenten. Er sieht darin den Bruch , des ganzen Systems der Freiheit und Gleichheit. Er greift sofort nach den beliebten Redensarten vom Golde und der Herrschaft der Juden. In der Thät muß man eingestehen, daß der Liberalismus dieser Herren . auf sehr schwachen Füßen steht. Sie begreifen unter Liberalismus nichts als die Herrschaft der radicalen Partei, die gegen jede abweichende Meinung gerade so despotisch und ausschließlich ist, wie ihre extreme Gegenpartei. Das können sie sich nicht vorstellen, daß die wahre Freiheit darin besteht, auch der- Individualität Raum zu gewähren, soweit sie für die Gesammtheit keinen wirklichen Nachtheil schafft und sich aus ihren eigen Kräften erhält, daß die wahre Freiheit verlor-en geht, wo Alles nivellirt und unter die eiserne Ruthe eines einzigen Princips gebracht werden soll. Dem widerstrebt die Natur der Menschen, das lassen sie sich nicht gefallen, und es bedarf eines neuen Despotismus, um sie unter dieses Joch zu zwingen. Der CorrespoNdent konnte es tadeln, daß die große Mehrzahl der Juden noch an einem gesonderten Friedhofe hängt. Dann hätte er seine Meinung ausgesprochen, und das war sein Recht. Wie er aber nun sofort zu allgemeinen Beschuldigungen von durchaus exclusiver Stellung, von Herrschaft des Geldes und der Juden greift, schießt er über das Ziel hinaus. Was will »er übrigens hierbei von den Wiener Juden, da er jüdische Friedhöfe an allen Orten 'findet? Warum zeiht er die.Juden der Exclusivität nicht, 'der Herrschaftsgelüste u. s. w., 'weil sie überall noch Synagogen haben und bauen' und nicht in die Erchen gehen? Nächstens! werden die Herren Radicalen auch dieses verbieten wollen, und den Widerstand der Juden unerträglich finden. Es ist immer das alte Lied der Unfreiheit und der Unduldsamkeit.*) Bon der Donau, 28. October. (Privatmitth.) Der Bann, der in den meisten Culturstaaten längst beseitigt ist, steht in Ungarn noch in voller Blüthe. Mehrere zelotische Rabbiner legten den früher den Schomre - Hadashlern angehöre^den Rabbiner in Waitzen in den Bann; von einer ähnlichen Heldenthat berichtet der „Pester Lloyd". Die Adaer israelitische Cultusgemeinde wählte nämlich vor kurzer Zeit einen eifrigen Jünger des RaW Hillel zum Rabbiner. Wie groß dessen Bildung, ist , beweist der Umstand, daß er — wie man uns von dort schreibt.— auf die herzliche Empfangsrede, welche der Pfarrer Opitz, und.der Ortsrichter Kelemen an ihn hielten, kein Sterbenswörtchen zu erwidern hatte. Als jüngst die Ortsgemeinde von Seite der jüdischen Gemeinde angegangen wurde, für den Rabbi 8 Joch Ackerfeld zur Nutznießung zu bewilligen, wurde das Ansuchen mit dem Bemerken abschlägig beschieden: die Adaer israelitische Gemeinde möge einen zeitgemäß gebildeten Rabbiner anstellen; einem solchen wolle man bereitwillig 32 Joch Feld, gleich dem katholischen Pfarrer, zur Verfügung stellen. Nichtsdestoweniger fühlt sich der neue Adaer Rabbi berufen, feinen Wirkungskreis auch auf die naheliegende Israel. Foxtschrittsgemeinde Mohol auszudehnen, und legte, weil diese Gemeinde ihn nicht als ^Seelsorger anerkennen will, ihren sehr beliebten Rabbinatsverweser Sp . . . . feierlich in den Bann. Sp .. . . mußte sich demnach vom Zentaer Rabbiner vom Bannspruch lossprechen lasten, um sein Amt, welches er schon seit 12 Jahren bekleidet , nicht zu verlieren. Wie lange wird solcher Unfug in Ungarn wohl noch unbehindert getrieben werden können? Vor dem Schwurgerichte in Maros-Vasarhely stand neulich eine Räuberbande, deren Führer , der berüchtigte Farkas Bein, und sämmtliche Complicen Juden und zwar streng orthodoxe Juden sind. Irgend ein orthodoxer Scribler wird wohl bald diese saubere Gesellschaft in einer Novelle — glorificiren. Frankreich. Paris, 1. November. Aus dem Monatsbülletin der Alliance heben wir hervor, daß die Ackerbauschüle bei Jaffa zwar nicht in sehr wachsender Ausdehnung, doch aber in sehr gutem Bestände sich befindet. Wie der Bericht sagt, „ergreift man jetzt Maßregeln, um die auf das Schemitta-Jahr bezüglichen religiösen Vorschriften zu beobachten." Der größte Raum wird von den Berichten über die Schulen Im Orient eingenommen.' Man hat hier außer mit den Geldmitteln und der Wahl tüchtiger Lehrer-mit den Schwierigkeiten zu kämpfen , welche Eltern und *) Indem wir obigen Artikel zur Presse schicken, erhalten wir die „Neue freie Presse" vom 28. October, in welcher ein Leitartikel die obiges Angelegenheit in scharfer, aber gemessener Weise bespricht. Hierüber läßt sich ruhig debättiren, und werden wir dies in nächster Nummer ansSfiihren. . Die Redaction.