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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-10 · Heft 46 (10.11.1874) · p. Seite 773

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 46 (10.11.1874)
Date
1874-11-10
Page
Seite 773 (sequence 11)
Language
German
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773 waren. Der zweite Sohn, der auf einer Studienreise nach Italien begriffen war, traf nach Beendigung der shnagogalen Feier ein und erreichte den Trauerzug erst auf. dem Friedhofe. Nach einem kurzen Choral hielt Herr Rabbiner Dr. Aub die Gedächtnißrede. Was das Herz des Freundes empfindet, wenn ihm plötzlich der Freund durch den Tod entrissen wird, mit dem.er vier Jahrzehnte in liebender Gesinnung durch gleichen Beruf und seit den letzten fünf Jahren auch an derselben Stätte der Wirksamkeit zu treuer Gemeinschaft in Streben und Arbeit verbunden war: davon gab diese Rede ein erhebendes Zeugniß. In jedem Worte zitterte der Schmerz nach, den der trauernde Freund in tiefer Seele trägt; jeder Ausdruck zeugte von der innigen Liebe und Verehrung für den Hingeschiedenen, „die niemals getrübt und vermindert wurde", und über aller Freundschaft rang sich das Gefühl der Betvunderung empor über die großen und gediegenen Leistungen des Verstorbenen auf dem Gebiete des gelehrten Wiffens. Wie nach dem Worte der Schrift vier Ströme aus dem Eden sich ergossen und die Fluren befruchtet haben, führte der Redner aus, so waren vier Ströme von dem Geiste des Verewigten, ausgegangen und haben das Gebiet der Thora, des Talmud, der Geschichte und der Sprachforschung im Iudenthume befruchtet, und über dieses hinaus auch den Forschungen der nichtjüdischen Gelehrtenwelt, so weit diese sich mit der Wiffenschaft des Judenthums berührten, Richtung und Ziel vorgezeichnet; ja selbst da, wo diese nur der eigenen Confession galten, haben sie Geiger's wissenschaftliche Ergebniffe nicht zu ignoriren vermocht. Seine Arbeiten haben befreiend und aufklärend in der jüdischen und außerjüdischen Welt gewirkt, haben das geistige Dunkel erhellt und mit den Worten des Talmud: mb^h „die Nacht in den Tag umgewandelt". Schöpfte in solcher Weise das gesammte Judenthum aus dem reichen Born seiner Belehrung, so geschah dies doch besonders in den vier Gemeinden, denen er nacheinander als Rabbiner Vorstand und aus dem Hort seines Wiffens und Glaubens, durch das lebendige Wort und die Unmittelbarkeit der Belehrung, die Macht und Weihe der Religion, die Hoheit eines geweihten Denkens und einer edlen Gesittung zur Erkenntniß brachte. In Berlin jedpch hat er seiner geistigen Kraft noch ein weiteres Arbeitsfeld gewonnen durch die jüdische Hochschule, deren Gründung er so eifrig betrieben, und in welcher er Glauben und Wissen in die Seele der Hörer sandte,' die mit verehrender Begeisterung an ihm hingen. Aber derselbe Mann, der auf den Höhen der wissenschaftlichen und religiösen Erkenntniß stand, ragte gleichzeitig auch hervor durch sittliche Leistung und humanes Wirken; seine Hand war jederzeit weit geöffnet, Hilfe zu spenden und Noth zu lindern. Ein Wort des Trostes noch richtete der Redner an die Leidtragenden und verließ die Kanzel, die wahrend des darauf folgenden Chorals Herr Rabbiner 0r. Goldschmidt aus Leipzig betrat, um, „ein Jünger des verewigten Meisters, zu dessen Füßen er gesessen," den Tribut eines dankbaren Gedächtnisses darzubringen. In gewinnender Form zeichnete derselbe den Hingeschiedenen mit den Worten des deutschem Schriftstellers: „Ein Stern'ist untergegangen , eine Krone vom Haupte gestürzt, ein Schwert gebrochen, ein Hohepriesterthum entschwunden." Ein leitender Stern in Israel fei vr. Geiger gewesen, eine Krone im Judenthum, das Schwert habe er siegreich geführt auf dem Felde des Glaubens, und wie der Hohepriester in Israel habe er sich zwischen das Lebende und Todte, das Lebenskräftige und Abgestorbene in der Religion gestellt. Diese Lebensübung habe sich der Verewigte schon in seiner Antrittspredigt in Breslau als Programm vorgezeichnet , da er an der Hand des Midrasch von Stroh, Stoppel, Gerste und Waizenkorn die verschiedenen Richtungen in Glauben und Frömmigkeit deutete und würdigte. Diesem Programm sei er sein Leben hindurch treu geblieben, er habe es mit Muth und Gottvertrauen siegreich durchgeführt und sich dadurch den Kranz der Ehren erwprben, der ihm von dem strebenden Israel gereicht worden. — Die Klänge der Orgel rauschen durch den weiten Raum, die Vorsteher der Beerdigungsanstalt heben den Sarg empor und tragen ihn, von der andächtigen Menge gefolgt, auf den vor der Synagoge harrenden Leichenwagen, der die sterbliche Hülle des Hingeschiedenen nach dem Friedhofe überführt. Der Zug ist unabsehbar, Tausend folgen zu Fuß, und eine lange Reihe Wagen schließt sich diesen an. . Am Eingänge des Friedhofes weht Trauerflor, und die offene Halle, sonst zur Abhaltung der liturgischen Trauergebete bestimmt, ist jetzt zur Abhaltung der letzten Trauerseier für den Verewigten hergerichtet. In der Mitte wird der Sarg niedergefetzt, und Herr Rabbiner Dr. Ungerleider widmet dem Entschlafenen ein tief aus der Seele quellendes und die Versammlung mächtig ergreifendes Gedächtnißwort. Mit den Worten, mit welchen der Entschlafene jedesmal die gottesdienstliche Todtenfeier einleitete: „Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst," gab Dr. Ungerleider dem Schmerz beredten Ausdruck, der Alle bei der plötzlichen Kunde von Geiger's Tode ergriff, „deffen Hände," um mit den Worten David's am Grabe Abnor's zu reden, „nicht gebunden, deffen Füße nicht beschwert waren", der mit der Frische seines Geistes und dem regen Drang seiner Thatkraft mitten in der Arbeit stand und für Leben und Wissenschaft wirkte. Nicht nur die Berliner Gemeinde, sondern das gesammte Judenthum habe in Geiger einen hervorragenden Lehrer mnd Geisteshelden verloren, der auch in der außerjüdischen Welt der jüdischen Forschung und Geistesarbeit Achtung und Anerkennung errungen habe. Wenn im alten Israel der Todte, welcher im Leben durch Wissen und Gelehrsamkeit ausgezeichnet war, dadurch geehrt wurde, daß ihm das Buch der Thora auf den Sarg gelegt ward, dann dürfen die Palmen, die«hier den Sarg des Verstorbenen schmücken, an die hohe Bedeutung deffelben und an den großen Verlust erinnern, und mit den Worten des Talmud dürfe, ihnen zugerufen werden: hs> tbs-i. D*n»n ^?3ro „Schüttelt das Haupt, ihr Palmen, ob des großen Man- 46*

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