Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1874)
- Date
- 1874-11-10
- Page
- Seite 767 (sequence 5)
- Language
- German
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yMfldlich - vielen Formen eine heiljgy.nde Kraft zuspreche, Während ß.r -NW als Frohndieystgnzusehen sei, Jjet welchem alles SelbsthtzMßtsein zurückftete/- Diese Ansicht, ist wenigstens nicht blos yeggsip, ww jene Holdheim's, sondern - Mt als Pie höchste Aufgabe .der Religion „die Entfaltung der jynern sittlichen .Kraft" ftst. ffs ist M Grunde nur eine philosophische Umschreibung dessen, was der alte HM gesagt: „Liebe Deinen Nächstenwie Dich selbst, ist das Gesetz, alles Andere nur Commentar hierzu." Abex eS unterscheidet sich vpn diesem Ansspruch darin , Paß es den ganzen „Commentar" wegstrich, besonders indem es sagte : „Pie freie Entfaltung." Hiermit. war eigentlich jede cultuelle Form gestrichen, da diese doch. -)s eine llchereinkunft aller und so als eine überlieferte und sich, überliefernde stets für das Individuum ein Bindendes enthaft. Die Religion kann solcher Formen nicht entbehren, weil ihr sonst gar keine Mittel zu Gebote stehen, unmittelbar auf. die Individuen zu wirken, und wiederum den Individuen kein Mittel, die religiöse Weihe und hiermit die innere Entfaltung der sittlichen. Kraft in sich zu wecken Wd zu stärken- Man Mg auch welche Reform MN .will mit den religiösen Formen vornehmen, so werden sie doch nur lebendig und wirksam sein, wenn die Individuen dafür Befähigung und Stimmung mitbringen; hesitzen sie diese nicht, so ist jede Form, Mg sie dem Geiste der-Zeit noch sy-sehr entsprechen, dennoch todt für sie. Ein. gewisser GrO von „Formglauben" ist daher stets erforderlich. Das Princip Geigers war also mehr geeignet zur Polemik gegen den bestehenden mißbräuchlichen Zustand im Iudenthume, M daß es her Wuhrhe.it vollständig entsprach und. zu einer consMMM PurchMrung befähigt war.. Wie hätte z, B. die fpätM Bearbeitung HO Gebetbuchs durch Geiger vor seinem Principe Stand halten können? Bon ganz andrem, besonders historischen Gesichtspunkte ging der Schreiber Dieses aus; doch gehört es nicht hierher, dies näher zu erörtern,-und verweisen wir vielmehr auf dasselbe Werk von Jost (S. 356 f.) — FüAen wir nun noch eine Bemerkung über Geiger als Redner hinzu. Er war imt.einer seltenen und glanzenden Rednergabe ausgerüstet und dennoch kein vollendeter Redner, besonders Prediger. Ihm wohnte ein Reichthum der Sprache, eine Fülle des Ausdrucks, eiy Ununterbrochener Fluß der Rede ein, Eigenschaften, die -seinem großen Gedankenschatze "und seiner Geistesschärfe zu stets bereiten Werkzeugen dienten. Hierzu kam ein kräftiges, ausdauerndes, sonores Organ, welches - nur in einigen Tönen etwas zu scharf und in den tieferen Tönen zu breit war; hierzu die würdige Haltung, die maßvolle Gesticulation und das ausdruÄS- und geistvolle Gesicht. Aber was ihm zur Vollendung fehlte, wax.die Selbstbefchrankung des Redners, welche infonders durch, die Kunstform sich bechätigt. Die Reden Geigers waren der Erguß -eines reichen Geistes und Wissens und von Einheit des -Gedanjkssns durchdrungen: Aber er.verstand es glicht, diesen .zu gliedern mrd in /dieser Gliederung abzugränzen und bemerklich zu machen. Seine Reden fesselten paher -insonders den denkenden Hörer, aber sie ermüdeten auch, wurden in ihrer Länge monoton, und verwischten so den Eindruck dis Hauptgedankens. Hierzu kam, daß Geiger, weil er sich seinem eigenen Gedankenstusse und der augenblicklichen innern Entfaltung feiner Gedanken.zu .sehr Überließ, jener Abwechslung in Sprache und Bortrag entbehrte, welche den Reiz und die Wirkung der Rede so sehr erhöht. Sicherlich hätte bei der großen. rhetorischen Begabung Geiger's ihm dieses alles nicht gefehlt, wenn er, wahrscheinlich schon vom Beginne seiner Laufbahn an, nicht das Extemporiren des größten Theils seiner Rede sich zur Gewohnheit gemacht hätte. Daher trifft uns jetzt auch der.große Schaden, daß wohl wenige seiner Reden und Predigten, weil nicht medergeschrieben, zur Veröffentlichung kommen werden, sie wären denn, was wir nicht wissen, zum Theil stenogr.aphirt worden.*) - War sy.mil Geiger vyn praktischer Seite für das Judeythum der Neuzeit von großer Bedeutung, so wird dies doch noch von seiner wissenschaftlichen Wirksamkeit überragt. Hierin war er nach Pen grundlegenden Arbeiten von Z u y z - der eigentliche Träger dieser Bestrebungen eine-lange Zeit: Biele hatte er neben sich, aber Niemand kam ihm in der streng wissenschaftlichen Methpde und in der Rücksichtslosigkeit der Kritik völlig gleich, . wMi ihn auch sein Geist abhielt, in die Nüchterne materielle^ Melehxsamkeit zu verfallen und die Idee und das Wesen des behandelten Gegenstandes aus den Augen zu verlieren. Er begann seine. wissenschaftliche Laufbahn nüt Glück. Als er in Bonn studirte, hatte Pie Facultät als Preisaufgabe des lausenden Jahres für .die Studirenden die Frage aufgestellt: „Was hat Mohammed aus dem Iudenthume ausgenommen?" Geiger's -Arbeit erhielt deu PM und erMy 1833 im DM. Penn auch in Mer Schrift ,der. allgemeine .Standpunkt und-die Feststellung.des Berhältniffes des Islam zum Iudenthume noch fehlt, und sowohl über Details als auch über die geschichtlichen Ereignisse in der Geburtszeit des Islams, so weit sie die Juden betrafen, seitdem viel weitergehende Forschungen zu Tage gefördert worden, so ist doch diese Schrift Geiger's für eine Menge von Einzelnheiten noch heute für ihren Gegenstand unentbehrlich. Für das Judenthum selbst eröffnet« Geiger seine Wirksamkeit durch seine Zeitschrift : „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie," die seit 1835, allerdings mit Unterbrechungen und mancherlei Wandelungen -hinsichtlich des Verlages und der Form, in Heften bis jetzt erschien. Sie enthält selbstverständlich viele Aufsätze verschiedener Mitarbeiter^ der Hauptraum und der Häüptwerth gehört den Arbeiten Geigers selbst an. In den ersten - Jahren ihres Erscheinens -übte die Zeitschrift einen bahnbrechenden Einfluß, späterhin hielt sie wenigstens den Standpunkt und die Methode aufrecht und lieferte mannichfaltiges wissenschaftliches Material, während neben ihr ähnliche Bestrebungen von der eigentlichen wissenschaftlichen. Tendenz- und Mechode immer mehr verirrten- *) Soviel wir wissen, sind nur drei Predigten von ihm äm Druck erschienen. -;i“'