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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-03 · Heft 45 (3.11.1874) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 45 (3.11.1874)
Date
1874-11-03
Page
Seite 758 (sequence 12)
Language
German
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"f z*'«;, * *$ »fA4 fm^ : '>;w: 758 Mittelalters erworben, begünstigt von einem Hange 3ur ©pecitlation, der ihn das ganze Leben hindurch begleitete. Auch mit den neueren philosophischen Systemen suchte er sich vertraut zu machen und seine Kenntnisse wiefeine Fähigkeit zur Speculatioy^ Anfangs in zerstreuten Aufsätzen und späterhin in einem zusammenhängenden Werke, n-'w'' naiver , welches seiner Zeit in der von Fürst redigirten Zeitschrift „Der Orient" in rühmlichster Weise recensirt wurde, zum Aufbau einer Art Religionsphilosophie zu verwerthen. Der erste Theil dieses Werkes erschien mt Jahre 1843, und gleichzeitig mit 'diesem ein Commentar zu Hiob und Koheleth, der, zweite 7 im Jahre 1869. Es braucht kaum'erwähnt zu werden, daß dieses Werk nicht von einem anderen Standpunkte aussondern-im Sinne der mittelalterlichen Theologie geschrieben ist, wie ja der Verfasser selbst mit einer Achtung gebietenden Consequenz auf dem Boden des traditionellen Judenthums stand. Nichtsdestoweniger wirkte es auf die gesetzesstarren Juden Rußlands und Polens klärend und läuternd, und wird ebensowohl der originellen, geistvollen Behandlung seines Objects als der glänzenden Sprache wegen viel gelesen. Es darf hier besonders hervorgehoben werden, daß er die hebräische Sprache beherrschte, wie wenige Andere seines Zeitalters, und diese Fähigkeit machte ihn zu einem um so geschätzteren Mitarbeiter des „Hamagid" und, anderer hebräischen Zeitschriften des In- und Auslandes, als er nie ein Honorar annahm, so wenig wie für processualische Entschuldigungen (rmn m), welche ihm häufig im! Verein tnit anderen Rabbinern unterbreitet wurden. Den besten Theil seines'Lebens aber weihte er der Colonisationsidee Palästinas.' Getragen von der Messiashoffnung,' welche gleichsam die Pulsader seines Gemüths- und Geisteslebens bildete, hatte er doch eine freiere Auffassung von den prophetischen Verheißungen und glaubte an deren Verwirklichung nicht wie an ein Wunder, welches plötzlich und unmittelbar ohne unser Zuthun eintreten würde, sondern lebte.vielmehr der Ueberzeugung, daß wir der messianischen Zeit Vorarbeiten müssen, sie gewissermaßen hervorzurufen im Stande sind. Tief im nationalen wie im religiösen Judenthume wurzelnd, hielt der Verblichene natürlich Palästina für den Ausgangspunkt des erhofften Erlösungs- Werkes, und darum war sein eifrigstes, glühendstes Streben darauf gerichtet, dem so geliebten Boden wieder Pflege angedeihen zu lasten und ihm die uöthige' Arbeitskraft zuzuführen, auf daß er wieder „von Milch und Honig fließe". Der Ausführung dieses Gedankens ist neben zahlreichen in Zeitschriften erschienenen Aufsätzen das 'yns betitelte, Werklein gewidmet, und ihr lebte er mit einer Energie, Ausdauer und Ueberzeugungstreue, welche, kein Hinderniß unüberwindlich glaubend, von keinem Mißlingen'niedergedrückt, des endlichen Sieges gensiß war. Seine Liehe und Sehnsucht nach dem heiligen Lande, die er in glühenden Farben zu malen wußte, erinnert an Juda ha-Levy. Dabei verfolgte er zugleich die Absicht, dem Müßiggänge so vieler Juden Palästinas zu steuern und sie zu redlicher Arbeit zu lenken. Solche Bestrebungen, in denen er auch von Männern wie Graetz und Heß Aufmunterung und Anerkennung fand, brachten ihn zu einer wahren Weltcorrespondenz. Zum Zwecke der Realisirung seiner Pläne stand er mit den geistigen und finanziellen Größen aller Länder in Verbindung, und sein von glühendster Liebe zur Sache zeugendes Wort entzündete in gar vielen Herzen: einen Liebesfunken zum heiligen Lande, überzeugte Zweifelnde und Schwankende , ermunterte Wankelmüthige, spornte' Lässige; unb Schlaffe mit immer neuen und originellen Wendungen und Argumenten an. Er rief aller Orten Vereine, welche für seine Idee thätig sein sollten, in's Leben und organisirte sie, und kaum giebt es eine von Juden bewohnte Stadt des In- und Auslandes in der nicht irgend welche segensreiche Spuren seines Wirkens zu finden sind. So war er gleichzeitig ein echter , siegreicher Apostel der „Alliance israßlite“, mit deren hervorragendsten Mitgliedern er einen lebhaften Briefwechsel unterhielt und von denen er auf das Höchste geschätzt wurde. Auch Montefiore gab ihm viele Beweise seiner Verehrung. Kaum ist es faßbar, wie dieser Mann von so gebrechlicher Constitution, bei feiner wissenschaftlichen Beschäftigung productiver und reprovuctiver Art, seinen officiellen und officiösen Functionen in der hiesigen Gemeinde, seinen Sorgen als Familienoberhaupt einer zahlreichen Nachkommenschaft, seiner jederzeit bereiten Hilfeleistung Tausender Leidenden, um Rath und Schutz Bittenden eine so ungeheure Correspondenz und die so mühevolle Geschäftsführung der Colonisationsvereine bewältigen konnte, und nur seine ungewöhnliche Ordnungsliebe und Pünktlichkeit neben der bis an sein Ende ungeschwächten Regsamkeit und Frische des Geistes erklären diese merkwürdige Erscheinung. Er wandelte gleichsam wie ein Genius höheren Ursprungs unter uns, da er sein langes Leben hindurch allen gewöhnlichen irdischen Freuven entsagt hatte und vom reinsten Idealismus getragen und verklärt war. In ihm betrauern Tausende nicht nur den Verlust eines Leiters und Lehrers, sondern auch den eines Trösters und Helfers in der Noch. Denn seine außerordentliche HerzenHgüte, sein nie ermattender Wohlthätigkeitssinn und seine weitverzweigten Verbindungen machten ihn zum Gegenstände zahlloser Bittgesuche, und Alles prüfte er mit größter Gewissenhaftigkeit und Hingebung, Nichts ließ er unberücksichtigt. So hatte er täglich, stündlich durch Wort und Schrift und That zu rachen, zu trösten und zu helfen. Namentlich «den in unserem Lande oft so rathlosen Juden'Polens und Rußlands wird dieser gottgeweihte Mann fehlen, wie ein weiser Vater seinen unmündigen Kindern. Auch viele angesehene Männer christlicher Confession kannten und verehrten ihn. Bewundernswerth war das Leben dieses seltenen Mannes in allen seinen Stücken. Schwachen Körpers und mehrmals von Krankheiten heimgesucht, die ihn dem Tode nahe brachten, hatte er dennoch nicht nur seine Geisteskraft bis zu seinem letzten, kurzen Krankenlager in lebendigster Jugendfrische., sondern auch den vollen Gebrauch seiner Sinne,- gleich einem Jünglinge, er-

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