Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1874)
- Date
- 1874-11-03
- Page
- Seite 756 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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beim Sichtbaren und auf der Erde mehr als bei diesen stattsinden, und schließlich wird sich dies' bei der ungeheuren Mehrzahlder; Menschen so verhalten. Und wiederum- - unter den Menschen, welche des Geistes pflegen und höhere geistige Zwecke zu ihrem-Lebensinhalt gemacht haben, ist vielleicht die Mehrzahl, sicher eine große Zahl, der kirchlich-religiösen Anschauung ganz abgewandt.- - Die „E.-L. K." weiß dies gewiß so gut wie wir, aber-sie muß eben den Juden gegenüber die Augen verdrehen und eine jener Redensarten loslaffen, die im Munde christlicher Theologen verbleiben, so oft deren Unrichtigkeit auch nachgewiesen worden — weil sie eben keine andere haben. Indeß hat sich auch diesmal die „E.-L. K." mit dieser Phrase getröstet, wenn sie mit den Augen eines unverhehlten Neides und Aergers auf die neue Synagoge blickte. — Daß ein christlicher Baumeister die Synagoge gebautein christlicher Bürgermeister, und zwar ein Nachkomme dessen, der die Juden aus Nürnberg vertrieben, „mit Vergnügen" die Pforte öffnet, christliche Sänger bei der Einweihung mitwirkten — dies kann der „E.-L. K." nicht gleichgültig sein; sie sieht es aber als einen „Dienst" in Folge einer prophetischen Weiffagung an; es ist ihr ein „Muß", woher aber dieses „Muß" stammt, daß es nicht aus einer geheimnißvoll - wirkenden Macht, sondern aus dem Geiste der Humanität, Duldsamkeit-und Gerechtigkeit fließt, den die Menschheit sich in einem schweren Entwickelungskampfe erworben hat und immer mehr erwirbt, davon hat freilich die „E.-L. K." keine Ahnung, weil sie eben — hinter dem Ofen hockt. Glücklicherweise waren die Gesänge von einem Juden componirt, ohne daß sie'dies bemerkt, obschon sie dieselben „herrliche Compositionen" nennt. Daß sie mit der Weiherede des Dr. Levin wenig zufrieden ist, kann man voraussetzen. Sie macht dazu hämische Bemerkungen und besonders, daß man von der Nächstenliebe „in Israel in der Theorie wenigstens sehr viel weiß". Es ist dies „in der Theorie schon ein großes Zugeständniß der „E.-L. K."; was die Praxis betrifft, so sind wir nicht bange, vie Welt urtheilt hierüber längst anders als die „E.-L. K.". Am Schluffe spricht sie noch ihre Hoffnung aus, daß „die Abergläubigen" sich die Einführung der Orgel nicht werden gefallen lassen, und sich hieraus bald „Flammen der Feindschaft" entzünden werden.-' - Nach dieser kurzen Besprechung brauchen wir wohl beu Hinweis auf das zum Beginn unseres Artikels erzählte Geschichtchen nicht weiter auszuführen. Man wird uns einwenden, warum folgtest du denn nicht dem Beispiel und ließest die in das allgemeine Gespräch geworfenen Reden der „E.-L. K." nicht unbeachtet? Nun, wir wollten sie auch nur als Thatsache constatiren. - Konstanz, 14. October. Vicar Glasstetter in Meersburg lehrte die Schulkinder einen schmutzigen Spottvers auf einen israelitischen Fabrikanten daselbst. Als letztererklagte, verbot der Vicar, unterstützt von der Lehrschwester -Clara Rudigier, 'den Kindern, davon zu sprechen, und vermochte letztere fast insgesammt zu falschen Zeugenaussagen -vor dem- '-Schöffengericht Ueberlingen. L Da auch die Lehrschwester, welche hätte -Aufschluß geben können, 'trotz ihrer handgelübdlichen Verpflichtung, falsche Aussagen machte, wurde der Vicar freigespröchen. In zweiter Instanz jedoch bekam er zehn Tage Haft, da einige der Kinder reumüthige Geständnisse machten. Es wurde nun Anklage gegen die Lehrschwester wegen falscher Versicherung an Eides statt erhoben. Die Verhandlung führte zu einer Schuldigerklärung und Verurteilung der Angeklagten zu einer zweimonatlichen Gefängnißstrafe. Das Zeugenverhör gewährte traurige Einblicke in die gewissenlose Beeinflussung der Kinder. Auf dem Gerichtstische lag ein schönes Gebetbuch mit Goldschnitt, welches der Vicar-der elfjährigen Hauptzeugin als Lohn für ihre falsche Aussage versprochen und nach vollbrachter Leistung wirklich geschenkt hatte. Alles'höchst charakteristisch! (Schw. M.) Oesterreich-Ungarn. Pest, 20. October. (Privatm.) Wie ln einer früheren Nummer bereits mitgetheilt, haben die sogen. Orthodoxen und Neologen in Waitzen nach einem fünfjährigen Kampfe endlich Frieden geschloffen. Der nun wieder beiden Parteien angehörende Rabbiner Ullmann, ein eifriger Anhänger der Schomre- Hadath, wurde wegen seiner unerhörten Treulosigkeit von mehreren Rabbinern der hadersüchtigen Orthodoxie in den Bann gethan, worauf hin Herr Ullmann nichts Besseres zu thun hatte, als von drei anderen nicht minder orthodoxen Rabbinern sich vom Bann wieder lossprechen zu lassen. Die Orthodoxen sehen nachgerade doch selber ein,.daß die ganze sogen. Orthodoxie .ein erbärmlicher Schwindel ist. Herr Moritz Schwarz in Mäteßalka hat auf einem Grundstücke, welches er um 2200 fl. ankaufte, auf eigene Kosten eine Schule erbaut, dieselbe complet eingerichtet und sie nach Bezahlung der Jntabulationsgebühren der 'israelitischen Gemeinde in Mät6ßalka zum Geschenke gemacht. Der Unterrichtsminister hat dem edlen Spender für diese großmüthige Förderung des Schulwesens seinen Dank ausgedrückt. In Gorlice, einer Stadt in Galizien, in der sich eine ansehnliche jüdische Gemeinde befindet,, brach am 3. d. M., am , Sch'mini Azereth-Feste, Feuer aus, das mit solcher Schnelligkeit um sich griff, daß fast die ganze Stadt niederbrannte. Die Synagoge mit allen Thorarollen wurde ein-Raub der Flammen. Die Noch ist eine schreckliche. ' Lemberg, 15. October. (Privatmittheil.) Die polnische ' Agitation gegen die Juden, weil diese der Verfassung sich treu bewähren und den polnischen Nationalwühlereien sich nicht hingeben lyollen, nimmt allerdings einen ganz realen Charakter an. Sie geht ganz offen zu Werke und benutzt die staatlichen Einrichtungen und die Autoritätwelche der Staat den Behörden beilegt, zu ihren Zwecken,- So sind von den Ortsvorstehern und