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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-03 · Heft 45 (3.11.1874) · p. Seite 755

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 45 (3.11.1874)
Date
1874-11-03
Page
Seite 755 (sequence 9)
Language
German
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Nürnberg, im October. (Privatmilth.) Ich befand mich eines Tages in einer gebildeten gemächlichen Familie als Gast. Wir. saßen um einen Tisch in der angenehmsten Unterhaltung begriffen, in welcher Ernst und Scherz anregend und befriedigend wechselten. Da erscholl von Zeit zu Zeit von hinter dem Ofen her eine theils spitze, theils knurrige Stimme, die allerhand grollende Worte in das Gespräch warf. Der Wirth und seine freunde acyteten majt daraus, fuhren tn ihrem Gespräche fort und gaben dadurch ihren Gästen den Wink, auch nicht darauf zu achten, was wir denn auch nach dem ersten Schreck thaien. Es war, wie man uns später erklärte, eine altersschwache Angehörige, die hinter dem Ofen saß und ihre Gegenwart durch hingeworfene Redensarten in ihrer fast blödsinnigen Weise kundgab. Da sie sonst unschädlich war, ließ man sie gewähren. Dieses kleine Erlebniß fiel mir ein, als mir in diesen Tagen die. Nr. 39 der in Leipzig erscheinenden „Allgemeinen Evangelisch- Lutherischen Kirchenzeitung" in die Hände fiel. Sie haben in Nr. 41 einen ausführlichen Bericht über die Einweihung unserer neuen Synagoge gebracht und entlehnten ihn, um eben ganz unpartheiisch zu sein, mehreren hiesigen Blättern, aus deren Referaten Sie ihn zusammensetzen. Mit diesen stimmten alle öffentlichen Blätter überein. Nun läßt die gedachte Kirchenzeitung auch einen ausführlichen Artikel los, aber es ist eben nur eine theils spitze, theils knurrige Stimme, die sich hinter dem Ofen her hören läßt, wie bei dem eben geschilderten Erlebniß. Zuerst klagt sie die Nürnberger christlichen Kaufleute des Mangels „an kirchlichem Sinne, an Aufopferung für einen religiösen Zweck" an, weil sie während der Einweihung einer Kirche ihre Geschäfte gewiß nicht , schließen würden, während die Juden dies bei der Einweihung ihrer Synagoge gethan haben. Dies ist doch nichts als Knurren; denn sie hat keinen Beweis dafür, da die . Einweihung einer Kirche am Sonntage während einer Zeit geschehen würde, wo die Läden so schon polizeilich geschlossen sind. Nun geht die Klage an, die in-lauter Spitzen gegen die Juden ausläuft. . Ihr ist es unerträglich, daß die Juden nicht mehr in Ghe'lti wohnen, sondern in allen beliebigen Straßen der Stadt,! und sogar einige derselben ansehnliche Häuser besitzen. Sie! mustert die Geschichte der Juden, in Nürnberg und vergleicht sie! mit den Jesuiten, welche, sv oft sie vertrieben werden, bei günstiger Gelegenheit immer wieder kommen. Ich glaube, die Herren! Lutheraner haben dies auch schon oft gethan und thun dies, wosie es können, weil es eben ganz natürlich ist. Den Juden aber; soll dies ein Vorwurf fein! Jndeß theilt die Kirchenzeitung diesen■ Vorwurf noch mehr denen zu, welche den Juden die Erlaubniß hierzu gewähren. Denn ihrer Meinung nach sind die Juden! stets mit Recht vertrieben worden, und sie schmunzelt bei der! Erinnerung an deren blutige Verfolgungen, an Mord und Brand,, die gegen sie ausgeübt worden. Sie bewundert die alte Reichs-! .stadt, welche die Juden so consequent. bis zur neuesten Zeit aus-, ^uschließen verstaMn habe. Ob Nürnberg den Verfall seiner j ehemaligen Größe zu einem nicht geringen Theile jener Vertreibung und Ausschließung zu verdanken habe, will freilich'hie Kirchenzeitung nicht wissen; sie. würde gewiß auch Spanien wegen dieser Vertreibung bewundern, wenn dieses sie nicht auch auf die Lutheraner ausgedehnt hätte. Wie weh ist es ihr daher um's Herz, daß in diesem Nürnberg jetzt eine Synagoge gebaut worden. Jndeß hat sie einen Trost hierfür. Der-Bau ist schön, stolz, reich, aber es fehlt das wahrhaft Ideale und. zum Himmel Emporstrebende. Unwillkürlich erhält man . den Eindruck: das ist der Tempel eines Volkes, das in der Aeußerlichkeit des Ceremonienwerkes aufgeht und mit seinen Gedanken in dieser Sichtbarkeit zurückbleibt; alles Emporstrebende wird sogleich wieder, zur Erde zurückgeführt und hat hier sein Verbleiben." Nun, .was unsere Synagoge betrifft, ^so ist dies Geschmacksacbe, worüber sich nicht streiten läßt. Wenn die Kirchenzeitung in derselben den anmuthenden „Geist" vermißt, so ist wohl der Spruch Goethe's anwendbar: „Was man den Geist der Zeilen nennt, das . ist der Herren eigener Geist," und einen anmuthenden Geist wird Niemand der Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung zuschreiben. Was „die erfrischende Wärme christlicher Bauten" betrifft, so möchte gerade diese beim Eintritt in protestantische Kirchen und selbst in gothifche Dome vermißt werden. Die letzteren find erhaben, majestätisch, füllen den Betrachter mit Staunen, aber erfrischende Wärme besitzen sie nicht; das Gemüth wird Anfangs von ihnen geängftigt und muß sich erst mit ihnen vertraut machen. Wir unsererseits möchten das Uriheil gerade umkehren. Doch, wie gesag't, wir streiten hierüber nicht, wohl aber, wenn wir alsbald wieder die knurrige Stimme der Alten hören, von dem „Volke, das in der Aeußerlichkeit des Ceremonienwerkes aufgeht"», sw. Ob der Geist der Juden in Ceremonienwerk aufgeht, nur in der „Sichtbarkeit" zurückbleibt und auf der Erde sein Verbleiben hat, das wird wohl der erste Blick in ihre Geschichte verneinend beantworten. Wer um eine religiöse Idee so oft Heimath, Besitz, Familie und Leben geopfert hat und willig die Erde verließ um seines Gottes willen, wer noch heute von seiner irdischen Habe reichlich opfert, um seine Religion und ihre Institute zu erhalten , dem kann nur eine knurrige Stimme hinter dem Ofen das Aufgehen in der Aeußerlichkeit, das Verbleiben am Sichtbaren und auf der Erde vorwerfen. Jndeß hierfür besitzt die „E.-L. K." wahrscheinlich kein Verständniß. Wenn sie aber ihre eigene Kirche der Aeußerlichkeit des Ceremonienwerkes enthoben glaubt — von anderen christlichen Kirchen glaubt sie dies wohl nicht — so giebt es doch noch eine andere Aeußerlichkeit, in die eine Consession aufgehen kann, nämlich die Aeußerlichkeit eines vertrockneten, versteinten Dogmenwesens, und dies ist eS gerade, was man der orthodoxen lutherischen Consession häufig, nachsagt. Wie dem aber auch sei, die „E.-L. K." hat oben über den Mangel an Sinn für einen religiösen Zweck bei de« Nürnberger christlichen Kaufleuten geklagt und ihnen - die Juden als Vorbild gestellt — es muß also wohl bei jenen ein Verbleiben . 45

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