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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-11-03 · Heft 45 (3.11.1874) · p. Seite 750

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 45 (3.11.1874)
Date
1874-11-03
Page
Seite 750 (sequence 4)
Language
German
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sowie dem ganzen Vorgänge noch einige Bemerkungen hinzuzufügen. Niemand wird das Verfahren der Aeltesten gerechtfertigt finden, selbst wenn sie burch die alte Gemeindesatzung zu entschuldigen sind. Man mußte eben, wie D'Jsraeki verlangte, eine solche Satzung, die einer vergangenen Zeit entsprungen war, auf dem angemessenen Wege aufheben. Das Ehrenamt eines Vorstehers so herabwürdigen, daß man es durch hohe Geldstrafen aüfzwingen wollte, wenn, die Annahme verweigert würde, konnte nur einer Zeit angehören, wo große Mühen, Opfer und Gefahren damit verbunden waren. Hier aber, wo ein Ährenmann erklärte, daß seine Gewohnheiten und Ueberzeugungen, sowie der Mangel an Kenntniß und Erfahrung ihm die Weigerung zur Gewissenssache machten, dennoch darauf zu bestehen und mit Geldstrafe vorzugehen, war eben so unwürdig wie unklug. Von dieser Seite ist das Schreiben D'Jsraeli's gewiß in vollem Rechte. Dahingegen diese wiederholte Drohung mit dem Austritt aus der Gemeinde, der in verschämter Weise den Uebertritt zum Christenthume verkleidete!> Was Machte er geltend? Sein ästhetisches Mißbehagen' gegen die ganze damalige Form des Gottesdienstes und seine Mißbilligung einiger Gebete, natürlich wegen ihres Inhaltes. Dies zeugt noch wenig von religiöser Ueberzeugüng; dies giebt noch geringen Grund zu einem völligen Religionswechsel. Aber dies war ganz jener Zeit in den ersten drei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts entsprechend. Die veraltete Form des Gottesdienstes, der Mangel an aller religiösen Unterweisung in der Schule und Synagoge und an aller für die Masse paffenden, dieselbe belehrenden und ergreifenden literarischen Thätigkeit und, endlich, die in religiöser Beziehung seichte Aufklärung der Zeit, hatten dem Judenthume alle Haltung und Bedeutung und den gebildeten Juden alle Festigkeit der religiösen Ueberzeugung genommen^ Hierzu nun' noch die materiellen Nachtheile im öffentlichen und bürgerlichen Leben und die allgemeine Mißachtung, welche damals noch überall auf den Juden lasteten, es war die Zeit; wo die Taufe eine tägliche Erscheinung war. Diesem entspricht auch ganz das Schreiben D'Jsraeli's, wo von der einen Seite die verrostete Form, von der andern Seite der Fortschritt der Zeit hervorgehoben, von religiöser Ueberzeugung kein Wort gesprochen und mit dem Austritt d. i. Uebertritt in leichtester Weise gedroht wird. Er vergleicht sich und seine Gesinnungsgenoffen nach Hosea 7, 8 mit Ephraim, nämlich: „mit einem nicht ümgewandten Fladen" und erklärt dies: „theils Jude, theils Christ." Dies trifft nicht ganz zu. Ein nicht umgewandter Fladen (s. unfern Commentar zur Stelle) ist auf der einen- Seite verbrannt, auf der andern nicht gar, und es müßte daher erklärt werden:, „Weder Jude noch Christ." Denn solche Herren wurden gerade solche Christen, wie sie Juden gewesen, nämlich ohne alle innere Ueberzeugung, welche Ehrenmänner sie auch in rnderev'Beziehung gewesen sein mögen. Etwas davon muß D'Jsraeli gefühlt haben, da er sich davor verwahrt, mit Sanballat verglichen zu werden. Denn, wenn cs ihm Ernst um den Fortschritt' seiner Glaubensgenossen gewesen,. warum stellte er sich nicht auf die Seite' von Nehemia, trat in den' Kreis der Aeltesten ein 'und suchte feine Gedanken des Fortschritts, besonders der Hebung der Schulen, zur Verwirklichung zu bringen? Betrachtete man damals den Verlust solcher zweifelhaften Bekenner mit einer gewiffen Gleichgültigkeit, so übersah mau, daß ein solcher Mann gleich eine Familie und alle ihre nachfolgenden Geschlechter bedeutete! Aber aus der Erwägung der gedachten Zeit wird die Wichtigkeit und die Wirksamkeit der darauf folgenden Jahrzehnte und ihrer kräftigen reformatorischen Geistesanstrengungen für die Erscheinung und den Inhalt des Judenthums so recht einsichtlich. Die neueren Hyperorthodoxen wollen diese freilich leugnen, ja sogar in's Gegentheil kehren aber wo wären sie selbst ohne Jene? Darum enthält das Schreiben D'Jsraeli's und Alles was sich daran knüpfte, bis zu den "Arbeiten seines Sohnes für die Anerkennung des jüdischen Stammes, ein Spiegelbild der Zeit, und möchte die jetzige und die folgende Generation ermahnen, eifrig und wachsam zu sein, nicht stille zu stehen, sondern fortzuschreiten, um die Wiederkehr eines solchen Geistes zu verhindern. *) y Noch einmal Professor Meßner. Es ist nicht unsere Absicht, einen dauernden Feldzug gegen die „Neue Evangelische Kirchenzeitung" desProfefforS Meßner**) zu führen. Sobald eine Polemik zu bloßem Gezänke zu werden droht, sobald nämlich von der einen Seite nur immer mit denselben kleinen Mitteln, dieselben An- und Absichten, so oft sie auch zurückgeschlagen worden, in's Treffen geführt werden, lohnt es der Mühe nicht mehr, dagegen, als wider einen ernstlichen Feind, zu streiten. Man darf die Sache sich selbst überlassen, weil sie auf diesem Wege doch ohne eine' allgemeine Wirkung bleiben muß. Wir sagen „von der einen Seite"; denn da wir den Angriff nur zurückgewiesen haben, und er nur von der andern Seite erneuert worden, kann man von uns nicht dasselbe behaupten. Kleinlicke Mittel verwendet aber die „N. E. K." gegen uns, da sie überhaupt, statt unsere nachdrückliche Abweisung und Widerlegung Schritt vor Schritt zu bekämpfen und als unzulänglich nachzuweisen, sie ganz mit Stillschweigen übergeht und nur von Neuem in der alten Weise zu keifen beginnt; da sie ferner immer nur so verfährt, daß sie einzelne Stellen aus vielen; *) Wir machen hierbei besonders auf den, auch in der jüngsten Zeit von der Kritik gewürdigten Roman Benjamin D'Jsraeli's „David Alroy" aufmerksam. Er ist die ttefflichste Arbeit dieses Autors und haben wir in der neuen Bearbeitung, die wir l 862; durch das Institut z. F. d. isr. Lit. in dessen siebenten Jahre herausgeaeben, die kleinen Auswüchse an Wundern und Zaubereien daraus entfernt. ’ - ' '■ ■ ■ - > **) : Nicht zu verwechseln -mit der ,,Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung", welche in dieser Nummer unser Correspondent aus Nlirnberg besprochen'hat. . . . ■ '

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