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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-10-27 · Heft 44 (27.10.1874) · p. Seite 735

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 44 (27.10.1874)
Date
1874-10-27
Page
Seite 735 (sequence 5)
Language
German
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Kommen unsere Gegner nicht aus ihren schlechten Angriffen heraus, so wollen toxx uns bemühen, dem wissenschaftlichen Be-, wußtsein Genüge zu thun und aus der Apologetik herauszukommen. .Schon --der. Titel zeigt,. daß, der Verfasser auf keinem festen Boden steht.Er hätte sonst nicht „der- Talmud oder das. Princip u. stM:", /sondern - „der Talmud, besonders das Princip u. s. w." gesagt.- Wenn er ln seiner Vorrede behauptet, die Schriften über, oder vielmehr für den Talmud, hätten so wenig Erfolg gehabt, weil, sie nicht für angeführte Stellen die Citate angaben, - so ist er mit der einschlägigen Literatur unbekannt. Er konnte-höchstens die bekannte Vorlesung des sel. Emanuel Deutsch im- Auge haben; weder die wissenschaftlichen Werke unterlassen es, die Talmudstellen genau anzugeben, noch selbst die populärenwie z. B. Seligmann zu der Sammlung von „Parabeln, Legenden- und Gedanken aus Talmud und Midrasch" von G. Levi in der deutschen, Uebersetzung die Stellenangabe hinzugefügt hat. Sehen wir nun . von der durchgängig-geschraubten Sprache , des Verfassers ab, so überläßt er sich auch völlig übertriebenen Behauptungen und ist durchaus: von unkritischem Geiste beseelt. Den älteren talmüdischen Weisen kann kein Lob aus der Kenntniß der griechischen und lateinischen Sprache gemacht werden,- denn sie lebten in Ländern, wo diese allgemein gesprochen wurden, und wenn die früheren der griechischen Sprache einen gewissen Vorzug einräumten, so haben doch die späteren die griechische Sprache sehr verpönt.; Dies lag eben im Verlaufe der Geschichte und in der Veränderung der Oertlichkeiten. Simon den Gerechten läßt der Verfasser noch immer mit Alexander dem Großen verhandeln, während es doch durch Zunz, Herzfeld und Jost festgestellt ist, daß er. einer späteren Zeit, der des großen Antiochüs angehörte. Die astrologischen Ansichten, die man im Talmud futbet, er auf den Erzvater Abraham zurück, nach der ganz willkührlichen talmüdischen Auslegungwon 1 Mos. 15, 5. Dies soll aber durchaus keine historische Notiz, sondern nur eine midraschische Auslegung sein,' wie es deren zu diesem Verse noch andere giebt (st auch Raschi zur Stelle). Was soll man dazu sagen, wenn er mehrmals behauptet, daß die talmüdischen Weisen in der Philosophie alle Griechen weit übertroffen hätten? Andere jüdische Schriftsteller, haben sie mit Plato und Aristoteles verglichen und auf. dieselbe Stufe gestellt. Unser Verfasser geht weiter und sieht diese von den Lehrern des Talmuds übertroffen und überwunden. Daß wir:, den Letzteren hinsichtlich ihrer religiösen- und sittlichen Weltanschauung den Vorzug-geben, versteht sich von selbst;. : sie haben sie eben aus. dem Mofaismus und Prophetismus gezogen und in mannigfaltiger Weise zum Ausdruck gebracht,' .wobei -sie entweder die.Form der Proverbieu (Sprüche Salomonis) vder der midraschischen Legenden.-und Gleichnisse anwandteni - Hierin liegt. wohl ein philosophisches Denken, aber keine Philosophie.. Eine systematische .und konsequente Bearbeitung der Metaphysik Logik, Psychologie, Ethik, Aesthetik, Politik u. s. w. sucht- ^Niemand im- Talmud-: und. wenn-er sieffuchie; würde er sie nicht finden. n Dies ist aber Philosophie. Wenn der Verfasser sagt, daß die talmüdischen Weisen ihre philosophischen Gedanken, um dem. Volke verständlich zu sein, in agadischer Weise ausgesprochen hätten, und daß es oft sauf die rechte - Auslegung ankomme, um aus der Hülse den Kern zu befreien, so ist dies ganz richtig; aber er hat eben damit ausgesprochen, daß wir daselbst keine Philosophie, sondern nur einzelne philosophische Gedanken finden. Ueberhaupt, wer sich der Gleichnisse und Legenden bedient, der verzichtet von vornherein auf das, was Philosophie heißt, denn diese verfolgt gerade den entgegengesetzten Weg: sie will den Begriff frei machen von jeder Umhüllung, ihn fixiren, erklären und erweisen und daraus die logischen Folgerungen und Schlüffe ziehen. Uebrigens sieht der Verfasser den Widerspruch nicht, in welchen er verfällt, wenn er erst eine scharfsinnige Auslegung zu Hülfe rufen muß, um den agavisch ausgedrückten Gedanken zu verstehen, und doch diese Form gewählt glaubt, um dem Volke verständlich zu sein. Das Sachverhältniß liegt eben anders und tiefer. Es ist die innere Geistesanlage und Geistesrichtung, welche die Denker unseres Stammes zu dem ägadischen Ausdruck ihrer Gedanken führten und trieben / nicht ein äußerlicher Zweck. Auch hier muß erst eine wissenschaftliche Erkenntniß auf geschichtlichem, psychologischem und ethnographischem Wege, die Bahn zum Verständnis dieser großartigen Erscheinung ebnen. Aber man lasse so lange von Vergleichen und übertriebenen Lobe ab und gebe Jedem seinen Theil.. ' . . > Die Hauptaufgabe, die sich der Verfasser gestellt, ist, den Talmud d. h. die sämmtlichen Talmudisten von astrologischen Ansichten, nämlich, daß die Gestirne, namentlich die Sonne, der Mond und die Planeten, einen vorausbestimmenden Einfluß auf die Schicksale der Menschen haben, einem Wahnglauben, der im Alterthume und Mittelalter vom Ganges bis zur Küste des Oceans verbreitet - war, völlig freizusprechen. - Diese - Aufgabe richtig zu lösen, ist ihm aber nicht geglücktweil sie eben unrichtig ist. Der Verfasser, um es schon jetzt kurz zü sagen, will sich in solcher Weise durch die Klippen winden, daß er meint, die Talmudisten erkennen einen Einfluß der Gestirne, besonders der Sonne und des Mondes und ihrer Eonstellatiön, auf die physische Beschaffenheit des Menschen an, und vermittelst dieser physischen auch auf die psychische Beschaffenheit und deren Folgen. Man sieht leicht ein, daß dies ein gesuchter und Wnstlicher Weg der Erklärung schon an sich ist. Aberer ist auch unwahr, denn Reichthum, Erwerb von Glücksgütern, Vereitelung der Pläne, unglückliche Zufälle - wie B. Schlangenbiß u. dgl. kommen weder aus der -physischen, noch der psychischen Beschaffenheit des Menschen.; Daß einzelne Talmudisten von diesem Wahne'frei,*), andere ihm ergeben waren , -das ist das Richtige; gerade wie viele griechische Denker, - z.: B: Aristoteles,' und wie unter den *) So beruft sich der Verfasser mit.Recht auf Peßach H3r> Sabb. 75, wo die Zuwendung der Israeliten. .zum: astrologischen Glauben und dessen Verw'erthüng im wirklichen Lebest verhindert werden soll. - : 1

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