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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-10-06 · Heft 41 (6.10.1874) · p. Seite 693

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 41 (6.10.1874)
Date
1874-10-06
Page
Seite 693 (sequence 11)
Language
German
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Gewußten, wofür das Bewußtsein verloren gegangen war. Eine besondere Anlage für eine Kunst oder Wissenschaft kann daher nach dieser Ansicht auch nur das. Resultat dieses Vorlebens sein. Er verbindet damit auch die Erscheinung, daß wir oft Menschen begegnen, zu denen wir eine entschiedene Zu- oder Abneigung fasten, ohne daß wir uns bewußt sind warum? ohne daß wir bis dahin in irgend einer Beziehung zu jenen Personen gestanden. Wir haben diese, denkt Plato, schon in jenem Vorleben gekannt, haben Gutes oder Böses von ihnen erfahren, hegten Liebe oder Haß für sie, und instinctiv erwacht bei ihrem Anblick diese leidenschaftliche Regung in unserer Seele. Merkwürdiger Weife stimmt auch unsere Agada mir dieser Anschauung überein. Es heißt einmal, daß bei der Geburt eines Kindes ein Engel ihm einen Schlag auf den Mund gebe, daß es alles vergißt, was seine Seele bis dahin erfahren und gewußt hat. Dies ist doch in der gedrungenen, und figürlichen Redeweise nichts Anderes, als daß es für die Menschenseele ein Vorleben gebe, aus welchem sie aber kein Bewußtsein in das Erdenleben mit hinüberträgt, wenn auch das Erlernte und Erfahrene in der Seele nur schlummert. Nennt doch eine andere Agada den Ort, wo die Seelen der noch nicht geborenen Menschen verweilen, nämlich im Himmel Arabeoth." Die Gesellschaft schien von dieser eigenthümlichen Ansicht, die in ein verdecktes, uns entrücktes Geistesleben, in ein phantastisches, fast gespenstisches Dasein einführt, und das hülflose neugeborene' Menschenkind zu einem Gegenstände geheimer Achtung macht, als den Träger eines verborgenen Schatzes ansehen läßt, sehr betroffen, und nach einigem Stillschweigen sprach man sich vielfach, wenn auch noch verworren, dafür und dagegen aus. „Wenn diese Ansicht," sagte Einer, „allgemeine Geltung erhielte, so würden die Verbrecher ihrer Verantwortlichkeit frei, denn sie könnten sich darauf berufen, daß ihr Thun und Lasten aus den im Vorleben ihnen eingepflanzten Trieben entspränge; denen sie nicht zu widerstehen vermöchten." „Dies ist übertrieben," wandte ein Anderer ein, „denn ob aus einem Vorleben oder in diesem Leben empfangen, wir sollen unsere Triebe beherrschen, daß sie nicht zum Verbrechen führen, und hierfür sind wir unter allen Umständen verantwortlich." „Ein Gerichtshof," fiel ein Dritter ein, „darf weder nach Anlagen noch nach Trieben fragen; dies würde den Richter auf ein ihm unzugängliches Feld führen. Er hat die That nur objectiv als solche zu erwägen, und darf höchstens mildernde Gründe aus offenbaren Nebenumständen ziehen. Bei dem Moralisten ist es eine andere Sache, und er wird, um gerecht zu urtheilen, Anlagen, Triebe so gut wie Erziehung und Lebensschicksale mit in Bettacht ziehen." Ueber diese Erörterungen wurde jedoch die Gesellschaft bald ungeduldig, und man blickte so entschieden auf Lebrecht, daß dieser nicht länger zögerte fortzufahren. „Dieser Seite der Philosophen steht selbstverständlich eine andere gegenüber, welche natürliche Anlagen außer in leiblicher Beziehung, die greifbar und erklärlich sind, gar nicht gelten lassen, sondern was sich derartig an Erscheinungen ergiebt, als eine, durch besondere Umstände begünsttigte Entwickelung nach einer bestimmten Richtseite hin, erklären will. Hierzu gesellen sich nun die Materialisten unserer Zeit, welche jede Geistesthätigkeit durch eine Gehirnfaser vollbringen lasten, jede außergewöhnliche Fähigkeit als nur in einer besonderen Beschaffenheit der betreffenden Faser bestehend ansehen. Ich will zu allseitiger Beruhigung gleich hinzufügen, daß, vom echt philosophischen Standpunkte aus, diese Materialisten nicht um ein Atom anders sind als Plato. Jene wie Dieser leben nur von Voraussetzungen. Denn Jene konnten bis jetzt ihre Gehirnfasern für Geistesthätigkeiten gerade so Nachweisen, wie Plato sein Vorleben, nur daß Dieser die Herrschaft seiner Einbildungskraft nicht verläugnet, die Materialisten aber nur das Wahrnehmbare festzuhalten behaupten und doch nicht weniger von der Phantasie leben. Ebenso erklärt Plato nur durch Unerklärliches, und dasselbe thun die Materialisten ihm redlich nach. Um ein Räthsel zu lösen, schiebt Plato ein größeres Räthsel vor, und die besonders beschaffene Gehirnfaser ist nur ein anderes Räthsel für das, was wir natürliche Anlage nennen." Die Anwesenden gaben sich hiermit zufrieden, und die Tante fiel lebhaft ein: „Wir haben uns also auch hier an die einfache Thatsache zu halten. Ich ließ mir neulichst von einem befreundeten Professor der Physik die Elektricität erklären; er zeigte mir bereitwilligst seine schönen Instrumente und ließ diese zu verschiedenen Experimenten spielen. Als ich ihn aber fragte, was eigentlich die Elektricität sei, da konnte er mir nicht antworten, vielmehr bemerkte er, daß es ihm um eine Erklärung gar nicht zu thun sei, sondern er -nur immer weiter zu experimentiren habe, um die CombinationeN und Wirkungen dieser Kraft immer mehr zu erforschen. Wir haben also die Elektricität als Thatsache anzunehmen, ohne auf die Erklärung ihres Wesens warten zu müssen. Ich glaube, wir thun am besten ebenso mit den natürlichen Anlagen, Es liegen der Beispiele schon genug vor, daß gewiste künstlerische Anlagen sich in Familien durch mehrere Geschlechter hindurch fortpflanzen. Oft zeichnen sich mehrere Glieder derselben Familie bedeutend in ihrer Kunst aus, wie die Bach's; öfter noch steigen gewissermaßen die aufeinanderfolgenden Geschlechter eine Stufenleiter hinauf, bis sie einen genialen Meister hervorgebracht haben, und dann hören sie auf, als wenn sich die Kraft der Anlage nunmehr erschöft habe. So. z. B. bei Mozart, Beethoven, Weber. Auf dem wissenschaftlichen Gebiete möchte ich meine Behauptung nicht so kühn hinstellen, weil hier das Vorbild des Vaters und die Erziehung vielleicht entscheidender als die Anlage ist. Wir sehen ja sehr häufig, daß der Sohn eines Arztes oder eines Juristen wieder Arzt oder Jurist wird, und die meisten evangelischen Pfarrer gehen aus den väterlichen 41*

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