Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1874)
- Date
- 1874-10-06
- Page
- Seite 692 (sequence 10)
- Language
- German
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692 haben nun die Armen in jeder beliebigen Synagoge freien Spielraumda viele von den Besuchern ausbleiben. Aber -die drei hohen Festtage nimmt jeder seinen gemietheten Plgtz ein, die Synagogen sind voll und die Armen ausgeschlossen. Dieser Zustand ist unerträglich. Es tauchte Hie abenteuerliche Idee auf, eine Freisynagoge für die Armen zu errichten, wie man Freischulen für arme Kinder hat. Die Unthunlichkeit dieses Planes zeigte sich bald. Wir hoffen, daß das Bewußtsein der..Pflicht, für die religiösen Bedürfnisse der Unbemittelten zu sorgen, bald allgemeine Perbreitung findet. Denn schließlich ist dies ja gar nicht schwer. Man braucht nur in jeder größeren Synagoge von vornherein eine Anzahl Plätze für solche , die keinen Platz! I e u i l Einige Lebenserfahrungen. III. Unsere Freunde waren an einem Abende in der dichtumranklen, duftreichen Laube wieder versammelt und in freundschaftlichen Gesprächen begriffen, als Leo mit ernster, besorglicher Miene eintrat. Er ließ sich auf einem Sessel nieder und nahm an dem Gespräche keinen Antheil. Man erwiderte feinen Gruß und bemerkte sein Stillschweigen nicht weiter. Doch der scharfsichtige Blick der Tante gewahrte es wohl, und in der nächsten Pause wandte sie sich an ihn mit der Frage: „Was ist Dir, Leo? Fehlt Dir etwas, oder ist Dir Unangenehmes begegnet?" „Beides, just nicht, liebe Tante. Aber es drückt mich eine Sorge, und ich habe deßhalb eine Frage an unseren Lebrecht. Sage mir, die Herren Metaphysiker, Psychologen, oder wie die Philosophen weiter heißen, was halten sie von dem, was wir natürliche Anlagen, die sich an geistiger und künstlerischer Fähigkeit bereits in frühester Jugend kundgeben, heißen, und wie erklären sie diese?" „Und zu welchem Zwecke willst Du dies wissen?" „Das werde ich Dir später mittheilen; ich will sehen, wenn Sie eine vernünftige Erklärung geben, ob ich daraus für die Praxis eine entscheidende Folgerung ziehen kann." Lebrecht sah sehr gern, wenn man ihn wegen seiner philosophischen Studien, die er freilich nur als Dilettant betrieb, ernstlich befragte, während sie ihm sonst nur ein gewisses Spötteln eintrugen. Ein Lächeln der Befriedigung fuhr daher über sein Antlitz, und er erwiderte: „Nun, Leo, Du setzest voraus, daß die Philosophen auch über diesen Gegenstand nicht ganz übereinstimmen. Daß gewisse Menschen fast von ihrer Geburt an außergewöhnliche Anlagen zeigen, ich meine weniger überhaupt große Geistesgaben, als merkwürdige Fähigkeiten für bestimmte Künste und Wissenschaften, hatte man schon im Alterthum bemerkt. Es muß wohl auch damals schon sogenannte Wunderkinder gegeben haben, welche in Musik, bildenden Künsten, in bezahlen können, zu bestimmen. Die. Hauptsache wäre hierbei allerdings, daß zwischen den einzelnen Gemeinden hierüber eine Verständigung getroffen werden Denn eine Synagoge ist gar nicht fähig, der gefammten Menge von Armen zu genügen, und wenn eine größere Zahl von Synagogen sich dieser Pflicht entzöge, würden die andern ihren guten Willen bald wieder verlieren. Es müßte als ein allgemeines Ehrengesetz gelten, in jeder Synagoge einen gewissen Procentsatz der Sitze für die Armen freizuhalten. Dies müßte ebenso heilig sein, wie eine Synagoge ohne heilige Lade und Thorarollen nicht gedacht werden kann. i - ■ feto n. Mathematik, Rechnen u. dgl. so merkwürdige Fähigkeiten zeigten, daß sie. das Erstaunen der Erwachsenen erregten." „Man könnte fragen," unterbrach ihn ein Anderer, „ob solche Kindergenies in der alten Zeit, wp Künste und Wissenschaften noch weit zurück waren, mehr auffielen, weil weniger zu einer auffallenden Kundgebung gehörte, als in der jetzigen, wo so überaus viel dazu gehört, in irgend einem Fache zu glänzen?" „Diese Frage scheint mir gleichgültig," warf die Tante ein. „Ich habe in meinem langen Leben dergleichen Wunderkinder zu sehen Gelegenheit genug gehabt, daß mir ihre räthselhafte Existenz durchaus nicht fraglich ist. Ich habe z. B. einen vierjährigen Knaben auf dem Klaviere Handtieren und ein so feines und sicheres musikalisches Gehör beweisen sehen, daß mir die Augen vor Entzücken und Bewunderung übergingen. Ein anderer achtjähriger Knabe wußte so ungeheure Massen von Zahlen spielend' zu combiniren, daß an ein Erlernthaben dieser Kunst bei ihm nicht gedacht werden konnte. Doch ich sehe, unser Lebrecht wird ungeduldig, und so müssen wir wohl seiner Auseinandersetzung Raum gewähren." - Lebrecht fuhr fort: „Unter den Alten ist es meines Wissens vorzüglich Plato, er, der für alle Seelenstimmungen und Geistesthätigkeiten so vielen und tiefen Sinn hatte, welcher sich über unsere Frage weitläufig äußerte, sie aber zugleich aus weiterem Gesichtspunkte faßte. -Seine Ansicht war, daß die Menschenseele schon vor ihrem Dasein auf Erden ein Leben geführt. Er, der Lehrer der Unsterblichkeit, hielt auch ein solches Vorleben für gewiß. Das Menschenkind, meint er, erlerne in seinen ersten Lebensjahren so außerordentlich viel, erfasse eine solche Menge von Vorstellungen und Begriffen , lerne sie mit Worten bezeichnen und combiniren, mache sich mit einer so ungeheuren Zahl von Gegenständen vertraut, daß — wenn man dies mit den langsamen Fortschritten in den. späteren Jahren vergleicht — es unmöglich wird, ein Erlernen alles dessen anzunehmen, sondern ,vielmehr nur das Wiedererwachen, eine. Erinnerung des schon