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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-10-06 · Heft 41 (6.10.1874) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 41 (6.10.1874)
Date
1874-10-06
Page
Seite 691 (sequence 9)
Language
German
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Rumänien. . Bukarest, im September. Ich habe Ihnen seiner Zeit mrtgetheilt, daß der Jassyer Gemeiuderath einigen dortigen^sraeliten, Doctoren der Medicin und der Rechte, die folglich in Gemäßheit des neuen Gesetzes zu den Gemeindewahlen zugelassen werden mußten, die Ausübung des Wahlrechtes verweigert, und daß das dortige Tribunal das Vorgehen des Gemeinderathes bestätigt habe. In Bukarest wiederum hat das Tribunal einen ähnlichen Ausspruch des Gemeinderathes verworfen und die Zulassung der berechtigten Israeliten ungeordnet, worauf auch einige an den Wahlen theilgenommen haben. Was geschieht nun? Die Opposition, wüthend darüber, daß die Communalwahlen zu ihren Ungunsten ausgefallen seien, setzt eine Liste auf und sammelt Unterschriften, um beim Cassationshof gegen die Theilnahme von Israeliten, bei den Wahlen zu protestiren, .mit der geheimen Hoffnung natürlich, vielleicht dadurch die ganze Wahl als ungiltig erklären zu können. Der Cassationshof wird, da sich beide Parteien, die zurückgewiesenen Israeliten von Jassy sowohl, wie die Opponenten von Bukarest, an ihn gewendet haben, in der interessanten Streitfrage endgiltig zu entscheiden haben. Wie auch sein Urtheil ausfallen mag (es ist am besten, man giebt sich darin keinen heißblütigen Hoffnungen hin), so ist. doch der Umstand, daß zwei Gerichtshöfe diametral entgegengesetzte Urtheile in einer und derselben Frage fällen, bezeichnend für unsere Justiz. Rußland. Odessa, im September. Von hier wird der „P. Z." geschrieben: Der Gehülfe und Secretär des Odessa'schen Rabbiners, Herr S. Mandelstern, hat bei Gelegenheit der Abnahme des Treueides der ersten Freiwilligen israelitischen Glaubens, welche in den Dienst traten, eine Rede gehalten, welcher der „Od. B." folgende Stellen entnimmt: „Mir ist es besonders lieb —■< sagte der Redner. —7 daß gerade die ersten Freiwilligen aus der Zahl unserer Glaubensgenossen wohlerzogene, gebildete junge Leute aus den besten hebräischen Familien sind. Ihr werdet, wir wagen es. zu hoffen, uns den Weg zur Freiheit bahnen,. da Ihr allein die volle Möglichkeit . habt, hochgestellten Personen zu beweisen, daß wir in Wirklichkeit der schon so lange von uns mit Ungeduld erwarteten Vollberechtigung werth sind. Ihr seid verpflichtet, aufrichtige Diener unseres theuern Vaterlandes zu sein , als Soldat ohne Furcht und ohne Tadel ... Ich halte es nicht für überflüssig, Eure Aufmerksamkeit darauf zu richten, daß die allgemeine Wehrpflicht^) auch durch unfern großem Gesetzgeber Moses eingerichtet wurde. Bedenkt, wie viel Blut den Russen jede Hand breit russischen Landes gekostet, und wir leben , schon so viele Jahrhunderte ruhig in ihm, erfreuen uns seiner Produkte, genießen mehr oder weniger seine Reichthümer, - Institutionen und Rechte. Jetzt ist M hohe Zeit für uns, auch unsererseits zu beweisen, daß wir die uns erwiesene rühmlicke slavifche Gastfreundschaft zu schätzen wissen, und bereit sind, Alles, Leib und- Seele, für die Repräsentanten der Macht Rußlands, für das Wohl des Volkes zu opfern."** Berlin, 20. Sept. Die hiesige „Tribüne" theilt mit: Man schreibt aus Petersburg: „DasInspectorat der russischen Eisenbahnen versendet soeben an sämmtliche russische Eisenbahngesellschaften ein Circular, kraft dessen lue Aufnahme der Juden in den Eisenbahn- und Telegraphendienst in Rußland unbedingt verboten wird. Die Elsenbahngesellschaften werden zugleich aufgefordert, die bereits angestellten Beamten mosaischen Ritus zu beseitigen und durch Personen anderer Glaubensbekenntnisse zu ersetzen. Wie es scheint, hat man es da bereits mit der Geschmacksrichtung des neuen russischen Communicationsministers Poßjet zu thun, der in seiner frühem Eigenschaft als Viceadmiral der russischen Marine und Erzieher einer der Söhne des Czaren sonderbarer Weise als „liberal" bekannt war." (Wenn dies richtig ist, wofür uns aber die Quelle nicht ganz zu bürgen scheint, so wäre dies die zweite der Folgerungen aus der allgemeinen Wehrpflicht, die freilich in andern Staaten in entgegengesetzter Weise gezogen würden: zuerst die Beschränkung des Schankrechtes, alsdann die Beseitigung aus einer sich immer mehr ausdehnenden Carriäre! Und wo bleibt da irgend welche Sicherheit, daß nach der Willkühr eines Ministers nicht morgen wieder eine andere Beschränkung eintritt. Ob übrigens Rußland an brauchbaren, gewandten, pflicktgetreuen und der Bestechung nicht ergebenen Beamten einen solchen Ueberfluß hat, daß es mit Leichtigkeit eine ganze Classe seiner Staatsangehörigen ausschließen kann ist eine andere Frage.) Amerika. New-Nork, im September. (Privatmitth.) In der hiesigen jüdischen Presse, z. B. im Hebrew Leader, wird jetzt eine Frage vielfach ventilirt, die man mit Recht eine brennende nennen kann. Es handelt sich nämlich um freie Sitze in den Synagogen für arme Juden. In Europa wird man sich wundern, daß dies überhaupt eine Frage fein könnte. Es giebt wohl dort kaum eine Synagoge, in welcher die Armen, einheimische wie fremde, nicht ihre Plätze hatten. Anders in Amerika, und fließt dies aus den amerikanischen Zuständen heraus. Die Gemeinden ziehen nämlich den größten Theil ihrer Einnahmen aus der Vermiethung der Synagogenplätze, unv die Gemeinden bestehen eigentlich nur aus Mie.thern der Plätze ihrer Synagoge. In den größeren Städten giebt es mehrere Gemeinden nebeneinander, d. h. soviel Synagogen daselbst vorhanden sind, oder gebaut werden. Wer also einen Platz in der Synagoge miethet, gehört zur Gemeinde. Wer nicht, nicht. Das ganze Jahr hindurch

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