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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-10-06 · Heft 41 (6.10.1874) · p. Seite 689

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 41 (6.10.1874)
Date
1874-10-06
Page
Seite 689 (sequence 7)
Language
German
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sich viel mehr, als . bei unseren anderen Confessionen, der Besitzstand in Reich und Arm ohne rechten Uebergang, so daß der Mittelstand am geringsten bei ihnen vertreten ist. Indessen däucht uns doch, daß die Elementarschulen zu sehr von den Katholiken benutzt werden, und daß nur eine gewisse Faulheit und ein jedenfalls etwas geringeres Bilvungsbedürfniß die Ursachen dafür sein können, daß namentlich die mittleren Schulen von ihnen so auffällig vernachlässigt werden. Schwieriger steht die Sache mit den Juden. Man wird vielfach einwenden, sie haben's leicht, „vorzüglich" die Schule zu besuchen, denn — sie haben's dazu. Ich will nicht leugnen, daß der hervorragende Wohlstand der Juden ein Hauptgrund für jene bemerkenswerte Thatsache ist, aber er kann durchaus nicht genügen, sie ganz zu erklären. Am deutlichsten wird das ein Vergleich mit Berlin lehren, wo der Wohlstand durchaus nicht das Monopol der Juden und auch nicht einmal relativ groß genug ist, um das auch dort constatirte, gewaltige Ueberwiegen der jüdischen Schulbildung irgend begreiflich erscheinen zu lassen. Es besuchen nämlich in Berlin höhere Lehranstalten: von 100 evangel. Knaben 26, von 100 evangel. Mädchen 21, - 100 kathol. - 14, - 100 kathol. - 10,, - 100 jüdischen - . 5H(!)- 100 jüdischen - 66 (!!) So viel demnach auch von dem enormen Ueberwiegender jüdischen Schüler in unseren höheren Lehranstalten auf den Wohlstand ihrer Erzieher kommen mag, — es. ist gewiß nicht Alles auf dessen Rechnung zu setzen. Man könnte nun einen anderen Grund aus der gleichfalls frappanten Thatsache herleiten, daß unter den zum einjährig-freiwilligen Militärdienst Berechtigten unverhältnißmäßig viel Juden vorhanden find. Sicherlich stehen beide Thatsachen in einem unverkennbaren Zusammenhang, und man wird gewiß nicht fehlgehen, wenn man dem praktischen Sinne der jüdischen Eltern das Raisonnement unterlegen wird, daß sie ihrem Sohne mit der an sich unschätzbaren höheren Schulbildung zugleich noch eine kostbare, ökonomische Zeitersparniß und eine eo ipso leichtere Erfüllung einer allgemeinen. Pflicht ermöglichen. Indessen auch dieser Gesichtspunkt genügt nicht, um den Andrang der jüdischen Knaben zu den höheren Lehranstalten, die ja allein jene Berechtigung zu verleihen vermögen, zu erklären. Denn er spielt natürlich bei der T öchtererziehung gar keine Rolle, und doch überwiegen in unseren höheren Töchterschulen notorisch die jüdischen Mädchen ebenso — wenn nicht mehr — erdrückend. Da diese Schulen zum größten Theile in private m Besitze sind, so versagte sich's der Verfasser, die entsprechenden Zahlen zu.erbitten. An der Thatsache wird ja ohnehin keinem Kundigen auch nur der geringste Zweifel sein, und es ist ja auch nur nöthig, auf die berliner Zahlen vergleichend hinzuweisen. Ein weiterer Grund für die Ueberfüllnng . der höheren Schulen mit jüdischen Kindern liegt -—.das ist den Juden nicht zu ersparen — in ihrer Eitelkeit. : Nur ungern: werden sie einen Sohn dem niederen.Gewerbestande, fast nie dem Handwerk widmen, und so-müssen auch die Unfähigsten in die „höhere" Schule, am liebsten sogar in's Gymnasium gepreßt werden, und wenn cs dort nicht gehen will und der verzweifelte Lehrer das „oousilium adeunlli" (Rath des Abgehens) ertheilt, so wird er gebeten, es doch noch eine Weile zu „versuchen". Mit den Töchterschulen und ihren privaten Besitzern macht man noch weniger Umstände, und es wird Alles aufgeboten, .um dem Töchterchen die „Salonbildung" angedcihen zu lassen, — wäre es auch nur, damit es sich einst laut rühmen kann, es habe eine „höhere" Töchterschule besucht. Aber man wäre ungerecht, wollte man nicht den Juden auch unbedingt ein sehr hohes Bildungsbedürfniß, ein achtungswerthes Streben nach tüchtigem, gründlichem Wissen zugestehen. Wohlstand, Militärberechtigung, Eitelkeit, — sie können auch in ihrer Gesammtheit unmöglich hinreichen, um das so enorme Plus beim höherem Schulbesuch der Juden allein zu erklären; — sie können nicht der alleinige Grund sein, daß die Evangelischen noch lange nicht die Hälfte, die Katholiken gar nur ein Drittel der jüdischen Knabenzahl in höhere Schulen senden. In der That stehen Bildung und Wissen von jeher bei den Juden in ganz besonderem Ansehen, und man kann dieses treibende Motiv in die Zeit der ärgsten Unterdrückung und der schmählichsten Beraubung, der Juden verfolgen. Zahllose Sprüche des Talmuds beweisen, wie schon im Alterthum Lehrer und Gelehrte bei den Juden eine ganz ausgezeichnete Verehrung genossen, und wie bei diesem strebsamen und unermüdlich rührigen Volke, dem „Müßiggang und Askese stets verhaßt gewesen", ein tüchtiger Kopf und eine hervorragende geistige Begabung stets weit mehr gegolten haben,, als mechanische Geschicklichkeit und rohe Arbeit. —. Zur Ergänzung unserer Nachricht aus Koschmin theilen. wir mit: Am 14. September war der Landrath Gläser aus Krotoschin in Koschmin und hat nach Verhandlung mit dem Districtscommissarius, dem Corporationsvorsteher und-dem Bürgermeister; zur Vermeidung von ferneren Exceffeu im Kreise vorläufig dahin Bestimmung resp. Vereinbarung getroffen, daß der Bürgermeister die den Israeliten zu ertheilende Erlaubniß zur Beerdigung dem Districtscommissarius zur Kenntnißnahme zufertigt. Da diese Bestimmung indeß von der althergebrachten Praxis abweicht, hat die Corporation bei der königl. Regierung in-Posen Beschwerde erhoben und gebeten, daß es bis zur. endgültigen Entscheidungder Sache beim alten bleibe. Hoffen wir, daß diese Angelegenheit recht bald zur möglichsten Befriedigung aller dabei Betheiligten zum Austrage gelange! ✓ —. Am 16. Septbr. fand in Schiieidemühl die Abiturientenprüfung statt, zu welcher diesmal auch der jüdische. Religionslehrer,, Rabbiner Braun, eingeladen war.

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