Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1874)
- Date
- 1874-10-06
- Page
- Seite 684 (sequence 2)
- Language
- German
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damaligen Christen: die Heidenchristen unter Paulus und die Iudenchristen unter Petrus und Jacobus. Die Letzteren hatten die Oherhand in der Autorität, mußten aber untergehen, fwenn das Christenthunn^ sich über die? abendländische Welt verbreiten sollte. Darum mußte Jerusalem untergehen, damit die Juden-- christen ihren heiligen Mittelpunkt verlören und das paulinische Christenthum allein und siegreich übrig bliebe. Man sieht, welchen einseitigen und. engherzigen Standpunkt in der Geschichtsanschauung Renan eiiihält. Der erste, welcher dem Freiheitskampfe der Juden gegen die allgewaltigen Römer eine höhere geschichtliche Anschauung bereitete, war Salvador-(Geschichte der Römerschaft in Judäa und der Zerstörung Jerusalems. In deutscher Üebersehung, Bremen 1847). Nun, Renan hat-den Salvador gelesen, und hier und da blitzt ein höherer Gedanke über den Werth und "die Erfolge der beiden kämpfenden Parteien durch, nur. aber um bald wiedervondem künstlichen und farbigen Lichte schematisireuder Theologie verdunkelt zu werden.. Das größte Hindern iß bieten Renan die Juden und ihre ganze Existenz. Er übersieht, wie Viele seines Gleichen, daß die Christen in jener Zeit noch eine sehr geringzählende Partei waren, die zwar in Rom unter Nero einige Aufmerksamkeit, immer aber noch mit den Juden vermengt, auf sich zog, aber namentlich in Jerusalem selbst eine sehr kleine Secte ausmachte, die nur ganz vorübergehend Beachtung fc^nd und auf die sich entwickelnden. Vorgänge gar keinen Einfluß übte; daß daher das Geschick der Juden;ui den ersten Jahrhunderten nach dem Falle Jerusalems sich ganz selbstständig entfaltete, wie sie denn auch das römische Bürgerrecht erhielten, und erst mit dem Augenblicke vom Christenthume influirt wurde, als dieses den Thron der Cäsaren bestieg. Die Juden waren, also Jahrhunderte lang noch da und in zahllosen Gemeinden fest organisirt, als das Christenthum schon bestand und ' immer weitere Verbreitung gewann. Dies ist nun das Verbrechen der Juden in den Augen, nicht blos der Theologen, sondern; auch dermodernen Schematiker. Für sie existirte der jüdische Stamm nur zur Vorbereitung für das Christenthum. Als dies erstanden, war er überflüssig, hatte seinen ganzen Inhalt an die Welt abgegeben, mußte deshalb abtreten. -Diesem Stamme noch eine weitere Mission zuzuerkennen, die bedeutenden Aeußerungen seiner Lebenskraft zu würdigen: das ist diesen Herren nicht möglich, und die Freidenker begegnen sich hierin brüderlich mit den Ultramonlanen und Pietisten. Aber wir wollen ihnen nur eine Frage vorlegen: war das Entstehen des Islam ohne Judenthum denkbar?- Haben nicht die neuesten Forschungen erst recht bewiesen, daß Mohammed durchaus ein Schüler des Judenthums, daß er nahe daran war, sich mit den Juden zu vereinigen, daß er und seine . Anhänger -in einen heftigen Streit mit den Juden geriethen, als er sah , daß, sie ihn als Propheten nicht anerkennen wollten, daß , die Juden besonders Spottlieder auf ihn dichteten,, was Mohammed mit -besonderen Suren des Korans und mit ihrem Blute vergalt? Vom; Christenthum hatte Mohammed nur ekke sehr oberflächliche Kenntniß, während er selbst mit der jüdischen Tradition bekannt war. Obschon also Mo- , hammed kein Kind des jüdischen Stammes war, verdankte doch der Jsläm seinen Ursprung ebenso: dem Judenthume, . wie dies 'beim Christenthume der Fall' wär. Dies geschah ein-halbes Jahrtausend nach dem Fälle, Jerusalems. Die Mission des Judenthums war also mit der Schöpfung des Christenthums noch flange, nicht erschöpft. Freilich könnte man von einem so einsei- -tigen Geschichtsbeurtheiler, wie Renan ist, voraussetzen, daß er die ganze Existenz des Islam ebenfalls für gar nicht nothwendig und die gesammten Bekenner derselben für todt und abgethan erklärte. Wir kennen seine Ansicht.Hierüber nicht. Aber die Wahrheit würde damit ebenso verstümmelt, wie mit seinen Behauptungen über Judenthum und Juden. Der Islam war für die morgcnländische Welt gerade so nothwendig, wie das Christenthum für die abendländische. Es wurde daher dem Islam auch -möglich, das Christenthum aus Asien und Afrika zu verdrängen,^ wo es bereits so viele'und bedeutende Sitze eingenommen hatte; unv christliche Reisende berichten, daß der Islam im Innern Afrikas und im Osten Asiens, ,z. B. in den Westprovinzen von China, noch gegenwärtig ungeheure Fortschritte macht, während die aufopfernde Thätigkeit der christlichen Missionäre' nur sehr geringen Erfolg hat. Haben wir dieses eine große Resultat des Judenthums aus einer langen Zeit Nach dem Falle Jerusalems zu verzeichnen, so wird Renan es uns Nachsehen müssen, wenn wir dem Judenthume auch innerhalb der christlichen Welt noch eine Mission zuerkennen, und zwar eine solche, die gerade aus der Annahme des Christenthums durch die heidnischen Völker unv darum aus der Vereinigung der ursprünglichen Lehre mit den national-heidnischen Vorstellungen nothwendig entspringen mußte. Jndeß hierauf kommen wir noch zurück. Um die Juden mit dem Faste' Jerusalems dem Tode zu übergeben, muß Renan sie bereits vor diesem in Todeszucken begriffen darstellen, und deshalb sie überhaupt-rigentlichen Lebens, ganz unfähig erklären. Auf dieseWeise kommt ein Gcschichtsveuter am leichtesten zu seinem Ziele. Wenn man der Ansicht Renans über die Geschichte des alten Israels folgte, so müßten die Israeliten und nachherigen Juden eigentlich längst einanderaufgefressen haben, da sie nach ihm unaufhörlich einander bekämpften. , Man könnte sich freilich dann auch wundern, daß es noch einen Franzosen und einen Deutschen oder, auch;nur einen Engländer wenigstens vor der Revolution von 1688. gäbe. Denn in solchen Kämpfen waren die Juden bis zum Falle Jerusalems untereinander doch nie begriffen, wie z. B. die. Deutschen in der Kaiserzeit, in der Zeit des FaustrMts, im dreißigjährigen Kriege und.schließlich- 1866; die Franzosen in den langen; Zeilen der Kämpfe des Königthums - mit, den Feudalen, der Engländer mie den Franzosen um die französische Krone, in den Zeiten der Hugenottenkriege, der Liga, der Fronde, der Revolution bis zur Commune bieten kein anderes Schauspiel, und