Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 678 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3227001--32955-3255949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wo die schrankenlose Ueppigkeit und Wollust den Untergang des römischen Meiches und den Sieg der Barbaren bewirkten." . - „Dies mag recht sein," erwiderte Simon. „Aber gerade darum habe ich ein Anderes im Sinne/ Du sprichst von einer Nation' und von einer Zeitperiode, in welcher die Schwelgerei so traurige Folgen nach sich zog. Ich wollte aber unfern Blick auf alle Völker und Zeiten ausdehnen, aus eine Leidenschaft, die unauslöschlich in allen Erdensöhnen Platz greifen kann, und in Zahllosen zu allen Zeiten vorhanden ist. — Ich meine die Habgier. Wir haben' hier einen naturgemäßen Untergrund, denn der Erweröstrieb ist in dem Menschen lebendig, sobald er in die Gesellschaft tritt. Darum ist er auch an sich gesund, ein unersetzliches Mittel, damit geschafft und gearbeitet werde.' Wie wenig würde dies der Fall sein, wenn das persönliche Eigenthum und der persönliche Erwerb wegfiele. Ich meine, daß gewiffe Religionen einen ganz falschen Weg. eingeschlagen haben, indem sie das Ziel des Menschen in der Entsagung seiner selbst, in der Entäußerung seiner selbst, in der Verachtung des Irdischen fanden. Das höchste Gebot des Mosaismus: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," zeigt uns den richtigen Weg. Die Selbstliebe ist hier als das Naturgemäße und an sich Gerechte vorausgesetzt und angesehen; das Ziel unseres Strebens legt sie darin, daß unsere Liebe zu dem Nächsten dieselbe Höhe und Mächtigkeit erreiche, wie unsere Selbstliebe. Hiermit ist auch der Erwerbstrieb an sich gerechtfertigt. Aber jede leidenschaftliche Verstärkung desselben, jede Herrschaft dieses Triebes in nnserm Thun und Lassen ist vom verderblichsten Nebel. Die Habgier, wie sie leider die Mehrzahl der Menschen beherrscht, macht uns dem Erwerb und Besitz zum Idol, macht uns zum Sklaven des schnöden Gewinns, des Geldes und Gutes, der niedrigsten Engherzigkeit, führt uns zur Verletzung der heiligsten Pflichten. Sie ist es, welche den Krieg Aller gegen Alle hervorruft, den Kampf zwischen den einzelnen Elasten, zwischen Besitzenden und Besitzlosen, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, kurz > die ganze sociale Verwirrung anfacht und zu verzehrenden Flammen anschwellt; sie auch, die nicht minder häufig die Interessen der einzelnen Völker zu feindlichem Streite gegenüberstellt. So machte sich die, Habgier zur eigentlichen Universalherrfcherin der Menschen/ deren. Geißel die Seelen in den Staub stürzt und das ersehnte.Friedensreich niemals kommen läßt." 1 \ „Wir können," hob ein Anderer an, der bis jetzt stillgeschwiegen, „wir können dies Alles zugeben, ohne jedoch wen Widerspruch in der Sache-selbst , zu verkennen, der uns auch verhindert-dies-als-eine Lösung unserer Frage zu betrachten. Denn so schädlich auch die Habsucht wirkt und so verderbliche Producte sie auch zeitigtz so gesteht 'doch unser Freund selbst ein, daß sie für die menschliche- Gesellschaft, auch unendlichen Nutzen schafft, und jenen unermeßlichen Austausch, wer Erzeugnisse ermöglicht, den zu einer gewissen Vollkommenheit zu' bringen das allgemeine Ziel - ist. Es ist. aber nicht möglich, einen unentbehrlichen Trieb in der Menschennatur zu bewahren, ohne daß er auch zur. Leidenschaft wird; ja wir dürfen, es nicht läugnen, gerade in dieser Leidenschaftlichkrit bewirkt er die größten Resultate. Wir müssen uns. daher einer anderen Leidenschaft zuwenden, welche, ebenso allgemein, nicht an Zeit und Ort gebunden ist, keine gesunde Wurzel hat und jedenfalls verderblichen Schaden bringt, dies ist die Herrschsucht. Ich brauche nur ihren Namen zu nennen, um das Bild all der furchtbaren Schreckniffe, all der Gewalt- und Greuelthaten vor die Seele zu zaubern, welche diese Leidenschaft im Laufe der Geschichte herbeigeführt hat. Sie ist es, welche die. Völker auf die Schlachtfelder führt, welche die Nationen unterdrückt und aufreibt, welche die Freiheit und die Gerechtigkeit als ihre Todfeinde betrachtet und mit allen Mitteln grausam verfolgt; und ebenso macht sie den Familien, in. denen sie heimisch geworden, sei es nur in einem Miede, den eigenen Herd unerträglich, und treibt sie zu Zwistigkeit und Verderben. Dabei hat sie nicht einmal eine gesunde Wurzel im Menschengeiste; denn sie ist vom Ehrgeize sehr verschieden. Dieser strebt nach Anerkennung bei den Mitmenschen, nach Ansehen und Ruhm, und bringt hierfür die größten und schwersten Opfer/ Die Herrschsucht dagegen fragt nichts nach der guten Meinung der Menschen und spricht ihr nicht selten Hohn, ja fürchtet allgemeine Mißbilligung und Schmähung nicht; sie verachtet die öffentliche Meinung und will nichts, als den Willen Anderer dem eigenen unterwerfen; sie will nur Sklaven um sich sehen. Ich glaube sie daher als die verwerflichste Leidenschaft bezeichnen zu dürfen, da sie zugleich vor keinem Mittel zurückschreckt und jeden sittlichen Damm durchbricht, der ihrer Befriedigung sich entgegenstellt." Viele in der Gesellschaft mochten wohl diese Meinung theilen, bis dennoch sich eine Einrede erhob. Es geschah dies von einer Dame, die jüngst erst aus dem süd-westlichen Theile Deutschlands hierher an das Ufer eines norddeutschen Stromes gekommen war. Sie sagte: „Da hier über die Bewegungen der Menschenseele nicht vom philosophischen Standpunkte, der uns Frauen fernliegt, sondern aus der Erfahrung, fei es der persönlichen, sei es der, welche die Geschichte bietet, gesprochen wird, so gestatte ich mir auch eine Ansicht, die sich mir in der letzten Zeit in meiner Heimath reichlich ergeben hat. Was unser Freund soeben über die Herrschsucht gesagt, wird man gewiß anerkennen müssen. . Aber ich habe diese in einer besonderen Gestalt kennen gelernt, in der sie mir noch weit verwerflicher und gefährlicher erscheint, im Fanatismus — religiösen Fanatismus, lieber diese furchtbare Leidenschaft scheint mir denn doch nichts hinauszuzehen. Dieser will nicht bloß, wie die Herrschsucht, den äußeren Menschen sich unterwerfen, sondern auch den inneren tyrannisiren, die Meinung, die Ueberzeugung überwältigen, aus dem Menschen einen geistigen Automaten machen, und mit Feuer und . Schwert Alles vertilgen, was sich ihm nicht ergeben.will. Vergebens wird man vorschützen, daß dem Fanatismus in seinem