Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 677 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ein Schwarm von Motten und anderen geflügelten Insecten herein, umflatterte das Flämmchen und stürzte in dasselbe hinein. Vergebens wehrte man sie ab; sie kamen immer wieder heran und umtanzten das Licht so lange, bis sie sich die Flügel versengt hatten und in die Flamme fielen. - „Da habt Ihr ein Bild von dem, worüber Ihr streitet," hob die Tante an, „von der Leidenschaft. Der Mensch gewahrt etwas, was ihm gefällt, angenehm und nützlich ist, was ihm wünschenSwerth erscheint; aber statt sich des wohlthäligen Lichtes zu erfreuen und sich an dem maßvollen Genüsse zu begnügen, will er sich mit dem Gegenstände seines Verlangens völlig identificiren, ihn sich ganz und gar aneignen, in ihm aufgehen, und so verzehrt ihn die Flamme der Leidenschaft. Geringere Schmerzen und Verluste, daß er sich die Flügel und bald diesen, bald jenen Theil-versengt, hält ihn ebensowenig ab , wie die Mahnungen und Warnungen der Freunde, gerade wie unsere abwehrende Hand die Motte nicht verscheucht, die in die Flamme unserer Lampe sich stürzt." „Da haben wir es," brummte Lebrecht vor sich hin, „wieder ein Gleichniß, das doch nur ein äußerliches Moment beleuchtet, aber um so mehr verhindert, in das Wesen einer Sache einzudringen. Die Sucht nach solchen Vergleichen kann auch eine Leidenschaft vorstellen, die unserer Vernunft die Flügel verbrennt, und vor allem Verlangen nach Licht uns nur verdunkelt." „Du wirst ja ordentlich grob, Lebrecht," erwiderte die Tante, ohne daß in ihrem Tone irgend eine Gereiztheit sich merklich machte. „Nun, meine Sucht nach Vergleichen steht ganz auf derselben Linie, wie die Deinige nach Definitionen, welche schließlich die Erkenntniß des Wesens um kein Haar breit mehr fördern, als meine harmlosen Gleichnisse. Jene sind logische Formeln, die auch nur eine Seite beleuchten, diese, wenn ich so sagen darf, ästhetische, welche die Erscheinung durch die Form zum Bewußtsein bringt. Doch hierüber wollen wir nicht streiten. Bon jeher galt das Eine wie das Andere bei den Menschen und ward wohlgefällig ausgenommen, wenn es ihnen zutreffend erschien. Und damit Du siehst, daß ich mich nicht wie eine Mutter verletzt fühle, deren Kind man geschmäht hat, will ich selbst es wagen, in die von Dir aufgeworfene Frage einzugehen und meine Ansicht bescheidentlich auszusprechen. Welche Leidenschaft die verwerflichste und gefährlichste sei, darüber werden die Meinungen sehr auseinandergehen. Denn ich glaube, auch hierüber werden gewisse Sympathieen und Antipathieen bei den Einzelnen entscheiden, so wie je nachdem ein Jeder schlimme Erfahrungen an dieser oder jener Leidenschaft gemacht hat. Ich bekenne nun offen, daß mir nichts widerwärtiger ist, als die Leidenschaft des Neides und der Mißgunst. Und warum?. Weil in allen anderen doch noch ein bestimmter Zweck, eine zu erreichende Absicht enthalten ist, und weil sie eine Entfaltung der Kraft erfordern, .eine Expansion des Willens und der Thätigkeit, die nicht ohne Einfluß auf die Entwickelung des Geistesvermögens bleibt. Mit dem Neide und der Mißgunst — die ja innerlich eines sind, da die Mißgunst nur die Art des Neides bezeichnet, welche sich an Gegenstände heftet, die dem Neidischen gar nichts helfen würden, die gar nicht in seine Sphäre gehören, — mit dem Neide und der Mißgunst ist dies alles nicht der Fall; sie haben gar keinen Zweck, sie regen zu keiner Anstrengung an, sie entfalten keine Kraft, sie dehnen nicht aus, sondern ziehen zusammen, sie feuern nicht an, sondern lahmen, sie sind nur gemein und niedrig. Dabei zerstört der Neid alle besseren Eigenschaften der Seele, verwüstet jede Befriedigung am eigenen Besitz und Schaffen, macht die ganze Umgebung unglücklich und spornt nur an, auch Andere ihres Glückes zu berauben und niederzureißen, was sie sich erbaut haben. Wohin der Neid führen, welche Verbrechen er Hervorrufen kann, brauche ich Euch nicht zu schildern. Es ist schon bezeichnend, daß man vom „hartherzigen" Geize, vom „brennenden" Ehrgeiz, von „verzehrender" Wollust spricht, den Neid aber „giftig" nennt; höchstens mit der Nuancirung von „blaß", „gelb".' Letzteres beides mit Recht, denn der Neid scheucht die Rosen von der Wange, wie man oft genug gewahren kann, wenn man neidischen Menschen eine gute Nachricht über einen Dritten bringt; die dauernde Leidenschaft des Neides macht das Angesicht des Menschen gelb wie Pergament; unter allen Mordwaffen aber ist das Gift die scheußlichste und gemeinste, vor der eine Abwehr fast unmöglich ist." „Man kann dies Alles gelten lassen," sprach Simon nach einer Pause, „ohne jedoch die Frage, die uns beschäftigt, dadurch als erledigt anzusehen. Schließlich kann die Verwerflichkeit doch nur vorzugsweise durch die Gefährlichkeit bestimmt werden, und zwar nicht bloß für die eigene Person, sondern durch die Ausdehnung ihrer verderblichen Wirkungen auf einen immer größeren Kreis von Mitmenschen. Stirbt ein Mensch Hungers, so wird man ihn tief beklagen und die Frage aufwerfen: wie kam es, daß ihm nicht rechtzeitig geholfen ward? Dehnt sich aber eine Hungersnoth über ganze Provinzen und Länder aus, so werden wir in den höchsten Schrecken versetzt, und wir werden alle unsere Kräfte aufbieten, um dieser furchtbaren Geißel Einhalt zu thun. Darum möchte ich nicht einmal der Wollust den Preis der Verwerflichkeit zuertheilen; denn so zerstörend sie auf den einzelnen Menschen, der sich ihr hingiebt, und für die Opfer, die er sich ausersieht, wirkt, so beschränkt sie ihre Gefahr doch eben auf diese . . ." „Da widersprichst Du Dir doch selbst-" unterbrach ihn Leo, „denn es käme nach Deiner Anschauung nur darauf an, wie weit dieses Laster um sich griffe, um hierdurch um so gefährlicher, also verwerflicher zu werden. Es gab Zeitalter und Völker, an welchen, wie die Geschichte uns lehrt, sich dies bewahrheitet^ wo in Folge dieser Leidenschaft eine Entartung, eine Sittenlostgkeit eintrat, welche die ganze Nation oder die ganze Zeitepoche entnervte und sie dem Untergange zuführte. Ich brauche nur an die Zeiten der Cäsaren in Rom - wie in Byzanz zu erinnern, 40*