Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 679 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ursprünge eine glühende religiöse Ueberzeugung zu Grunde liegt, die in bestimmten Glaubenssätzen das ewige Heil der Menschen erblickt. Dies mag sein, so lange er sich auf die eigene Person beschränkt, mit dem Augenblicke, wo er aus dieser herausschreitet, wo er Andere gewinnen, sich aneignen, sich unterwerfen will, verliert er diese Unschuld und beschreitet den dämonischen Pfad, der ihn zur-Verwüstung der Menschenwelt führt. Ich will dieses fruchtbare Thema nicht Weiler verfolgen, um nicht Vielbekanntes und Vielbeklagtes zu wiederholen. Gewiß , auch unsere Zeit ist vor diesem religiösen Fanatismus und vor dem Feuerbrande, den er entzünden kann, nicht sicher." Jetzt trat eine Pause ein; denn die Gesellschaft, die so vieles gehört, wußte sich. nicht zurechtzufinden. Auch heute wandten sich unwillkürlich die Blicke auf den greisen Isaak und schienen ihn aufzufordern, seine Meinung auch diesmal nicht vorzuenthalten. Man fühlte, daß doch noch etwas zu sagen sei , um einen befriedigenden Schluß zu geben. Isaak merkte dies und sprach endlich: „Ich glaube, daß unser Lebrecht uns eine Frage vorgelegt, die auf diese Weise niemals entschieden werden kann, weil hier Alles auf der subjektiven Erscheinung und Ansicht beruht. Die Sache scheint mir anderswo zu liegen. Wir haben schon gesehen, daß jedes Lebensalter besonders zu gewisien Leidenschaften neigt. Man hat uns dasselbe von Nationen und Zeitaltern nachgewiesen. Auch das ist uns klar geworden, daß, so wie die Möglichkeit der Leidenschaft von der Menschennatur nicht zu trennen und nichts in ihr vorhanden ist, was nicht leidenschaftlich werden könnte, so auch jede Leidenschaft neben ihren verderblichen Folgen ihr Ersprießliches in ihren Wirkungen hat, selbst wenn sie nur, wie ein Sturm, Bewegung in die Luft bringt und die erdrückende, schwüle Stagnation verdrängt; kann man dies doch selbst der vielgeschmähten Herrschsucht nachsagen, welche es zuerst unternahm, die Menschen einander näher zu bringen, die Völker zu verbinden und untereinanderzurütteln. Mir scheint es daher richtiger zu sein, die Leidenschaften zu ihrer Beurtheilung nicht abstract neben einanderzustellen, sondern vielmehr hierzu das Maß in Erwägung zu nehmen, welches eine Leidenschaft erreicht. Jede derselbe hat einen gewissen Naturtrieb als Wurzel in der menschlichen Seele. Dieser Naturtrieb, so lange er einfach als ein Antrieb für den Willen und die Thätigkeit wirkt und sich innerhalb der harmonischen Verbindung aller Impulse verhält, hat seine volle Berechtigung. Er verliert erst seinen sittlichen Inhalt, wenn er über dieses harmonische Verhältniß hinauswächst, die Seele zu beherrschen anfängt und zu einer alle übrigen 'Geisteskräfte überwältigenden Macht gelangt. Hier fängt die Unsittlichkeit der Leidenschaft an, hier ihre Verwerflichkeit und Gefährlichkeit, die in dem Maße wachsen, als die Leidenschaft selbst wächst. Dies ist das einzige richtige Kriterium für jede Leidenschaft, welche sie auch sei. Daß aus den Leidenschaften auch Nützliches , ja Großartiges für bter Menschen entspringt, ist nicht ihr Verdienst, sondern das Werk der göttlichen Vorsehung/'die in der Menschenwelt, wie in der Natur, auch das Schädliche zum Nutzen zu verwenden versteht — wie dies in einfachster, erhebendster Weise Josephen seiner Ansprache an seine Brüder ausdrückt: „Ihr zwar dachtet Böses wider mich, Gott aber, gedachte es zum Guten, damit geschehe, wie es ward, an diesem Tage/ am Leben zu erhalten ein großes Volk." Eine allgemeine Befriedigung verbreitete sich nach diesen Worten unter den Anwesenden. Man besprach sie noch lange zustimmend und zog daraus die angemessensten Folgerungen, wie man die Leidenschaft in sich zu bekämpfen habe. Vermischtes. Es ist bekannt, wie im Mittelalter die Juden stets als Prügelknaben betrachtet wurden, an denen ein jeder sich seines Schadens erholen könne — ein Zustand, den, wenn auch nicht auf materiellem, so doch auf moralischem Gebiete, noch jetzt viele Leute zurückzuführen suchen. Indem Hussitenkriege (l 419—1436) hatte sich die südböhmische Stadt Budweis stets dem katholischen Glauben und der Sache des legitimen Königs Sigmund getreu gezeigt und darüber von den Hussiten viel Uebles erduldet. König Sigmund wollte seine getreuen Budweiser gern belohnen, und da fand er natürlich kein einfacheres Mittel, als in einem Briefe vom 2. October 1421 „von solcher Schuld, die Ihr den Juden, unfern Kammerknechten, schuldig bleibt, ledig zu machen zu geruhen". Das war freilich ein Dank, der König Sigmund selbst nicht allzuviel kostete! (Palacky, Urkundliche Beiträge zur Geschichte des Hussitenkrieges, Prag 1873, Bd. 1.) Die jüngst erschienene Abhandlung über das Mormonenthum von Udo Brachvogel,' der selbst in Utah, der Hauptstätte jener sonderbaren und aberwitzigen Erscheinung, einige Zeit verweilte, läßt uns die Bemerkung hervorheben, daß es ein Hauptgrundsatz dieser Secte ist, die Gottheit offenbare sich immerfort durch den Mund von Propheten, und hebe hierdurch oft durch einen darauf folgenden Propheten die Lehre auf, die sie durch einen eben vorhergegangenen verkündet hatte. Es ist dies ein höchst bequemer Lehrsatz für eine Religion, wenigstens für die Machthaber derselben. So hatte sich bei den Mormonen nach ihrem Gründer Joe Smith (1819) eine wahre Vielgötterei eingestellt, nach welcher Joe Smith „der Gott der gegenwärtigen Generation" sein sollte. Durch seinen Nachfolger Brigham Aoung wurde diese Lehre abgeschafft und dafür die Dreieinigkeit als Glaubenslehre eingeführt. Was die Vielweiberei betrifft, so ist sie ein Zwangsmittel in der Hand des Anführers der Secte. Der Mormone wird dazu verpflichtet und angehalten. Hat, er erst mehrere Weiber, so vermag er nicht wieder aus dem Kreise der Mormonen in die andere Welt hinüberzutreten , er ist auf immer durch die Umstände an denselben gefesselt.