Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 673 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3227001--32950-3255944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vom Papste belobte Vertheidiger seiner Kirche erklärte den großen Brand Meiningens für eine Züchtigung Gottes dafür, daß Meiningen früher den Juden Laster in den Reichstag gesandt. Das nennt man Religion! Herdecke (Rheinprovinz), 11. Sept. Der Cultusminister hat die im Mai d. I. erfolgte, vom Landrath v. Hymmen beanstandete Wahl des israelitischen Kaufmanns L. Marx zum Schulrepräsentanten der hiesigen evangelischen Gemeinde dieser Tage bestätigt. Paderborn, im Septbr. (Privatmitth.) Die hiesige israelitische Waisenerziehungsanstalt für Knaben und Mädchen in Rheinland und Westphalen hat ihren sechszehnten Jahresbericht ausgegeben. Sie erzog im Jahre 1873, 23 Knaben und 15 Mädchen, und zählt gegenwärtig 20 Knaben und 20 Mädchen. Sie erhielt im letzten Jahre ein Legat vom sel. Rothfels in Cassel im Belauf von 2000 Thalern. Die Einnahmen des Jahres beliefen sich auf 13,988 Thlr., worunter 1432 Thlr. Zinsen für drei Semester,. 2500 Thlr. Vermächtnisse und 37Ov Thaler neue Jahreszeitbeiträge. Zur Verpflegung von Waisenkindern kamen von Familien und Gemeinden Zuschüsse 997 Thlr. und Collectengelder 3770 Thlr. ein. Allervings gehört zu diesen Einnahmen auch liquide gewordener Fonds von 1508 Thalern. Von diesen Einnahmen wurden 6604 Thlr. zum Ankauf von Effecten verwendet und 709 Thlr. blieben Bestand, so daß also für die Anstalt 6675 Thlr. verbraucht wurden, was bei 38 Zöglingen durchschnittlich 175 Thlr. pro Kopf ausmacht. Der Nominalwerth der der Anstalt gehörenden Effecten beträgt 31,940 Thlr., worunter dieZurkann-Stiftung von 10,000 Thlrn. gehört. Die obige Angabe der Collectengelder bezeugt, daß die Anstrengung des Wohlthätigkeitssinnes für diesen eminenten Zweck noch.lange nicht stark genug ist, vielmehr gerade zu schwach genannt werden muß, da sie kaum die Hälfte des Bedarfes deckt. Möge hierin die gute Sache endlich einen größeren Sieg feiern! Wir wissen aus Erfahrung, daß unsere lieben Glaubensgenossen in Rheinland und Westphalen bei jeder Gelegenheit, wo es die Versorgung eines armes Kindes betrifft, an das Waisenhaus zu Paderborn denken — die Gaben aber, die. aus diesen beiden Provinzen fließen, sind geradezu dürftig,-ans der Rheinprovinz 1757 Thlr., aus Westphalen 1312 Thlr. während des Jahres 1873. Gott bessere es! Posen, im Septbr. (Privatmitth.) Man kann es der .Redaction dieses Blattes nur Dank wissen, daß sie über Wohlthätigkeitsanstalten, welche bei dem Mangel genügender Fonds und fester Einnahmen noch immer auf freiwillige Beiträge und Spenden angewiesen sind, aller Orten berichtet, um auch ihrerseits den Sinn und die Unterstützungsluft zu Gunsten solcher Anstalten zu nähren. Auch die hiesige israelitische Waisenknabenanflalt, die soeben ihren sechsunddreißigsten Bericht ausgegeben, zeigt den besten Fortgang und die nützlichste Wirksamkeit, wenn auch eine Erweiterung ihrer Mittel recht wünschenswerth wäre. Eine Statutenrevision, in welcher Vorstand, Generalversammlung und die königl. Aufsichtsbehörde übereinstimmten, hat einige nur zu billigende Verbesserungen erzielt. Die Anstalt hatte 1873, 18 Zöglinge und 6 Lehrlinge. Die Einnahmen betrugen 4394 Thaler, worunter 768 Thlr. Beiträge der Mitglieder, 1200 Thlr. Stiftungen, 509 Thlr. Spenden; die übrigen Einnahmen sind Zinsen aus Capitalien und Legaten. Die Ausgaben betrugen 3044 Thaler, und 1200 Thaler wurden dem Fond zugeführt. Die Unterhaltungskosten eines Zöglings (wenn man die Lehrlinge mit einrechnet), belaufen sich demnach durchschnittlich auf 122 Thlr. pro Kopf und Jahr. Gnesen, IO. September. (Privatmitth.) Die hiesige jüd. Gemeinde beging am 3. d. M. eine stille, aber bedeutungsvolle Feier, nämlich eie Einholung und Einführung ihres neuerwählten Rabbiners Dr. Horowitz, welcher bisher in Lauenburg i. P. amtirt hat. Die Repräsentanten geleiteten den Angekommenen nach der geschmückten und erst vor Kurzem renovirten Synagoge. Beim Eintritt in's Gotteshaus wurde derselbe vom Vorstande empfangen und durch den ersten Vorsteher mit einer gehaltvollen Ansprache begrüßt. Während nun die Gemeindevertreter den Jntroductus nach dem Rabbinersitz führten, ward dieser feierliche Moment durch einen wohlgelungenen Gesang der Schuljugend verherrlicht. Hierauf bestieg Herr Dr. Horowitz die Kanzel, und hielt, an knüpfend an die Worte des Vorstehers, eine Anrede an die Versammelten, die des Eindrucks nicht ^entbehrte. — Das Bedürfniß zur Besetzung der seit dem Jahre 1869, durch den Abgang des Dr. Zuckermandl, erledigten hiesigen Rabbinerstelle, machte sich bereits recht fühlbar und verdient es unsere Anerkennung, daß der neugewählte Gemeindevorstand, gleich nach seinem Amtsantritte, die Initiative zur Erledigung dieser brennenden Frage ergriff. Die israelitische Jugend unseres Gymnasiums genießt schon seit Jahren keinen Religionsunterricht mehr, und überdies liegt der Unterricht im Hebräischen hier seither so im Argen, daß viele erwachsene jüdische Knaben dasselbe kaum lesen können. Auch die früher unter dem sel. Stenzel so tüchtige jüdische Elementarschule hat, zumal seit dem kürzlichen Ableben des Hauptlehrers Wolff, allen Halt verloren, und bedarf der Reorganisation, sowie einer aufmerksamen Inspektion, welche hoffentlich seitens der königl. Regierung dem neuen Rabbiner übertragen werden wird. Herr Dr. Horowitz findet nach alledem in hiesiger Gemeinde ein weites Feld der Thätigkeit, an dessen Ausnutzung er es gewiß nicht fehlen lassen wird. —Zum Schluß verdient noch rühmende Erwähnung, daß die hiesige jüd. Corporation sich gegen die Hinterbliebene Wittwe des im Juni c. plötzlich verstorbenen Lehrers Wolff sehr generös gezeigt hat. Abgesehen davon, daß derselben, neben ihrer gesetzlichen Pension, noch auf vier Jahre freie Wohnung und 200 Thaler jährlich gewährt wird, ist nebenher eine Sammlung unter den ehemaligen Schülern des Verstorbenen veranstaltet, worden, voodurch für die