Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 672 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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über deutsche betrieben wird. - Hingegen läßt sichre „N. fr. Pr." telegraphiren, daß Herr Isidor „die Juden der ganzen Welt aufgefordert habe, zur Wiederaufrichtung Frankreichs, des Landes, das ihnen zuerst die Emancipation gegeben, beizutragen." In dieser Weise sprach Herr Isidor nicht; er rief nur den Segen Gottes auf das Frankreich herab, welches zuerst die religiöse und bürgerliche Freiheit auch für die Israeliten verkündet hat. ~ . Deutschland, Berlin, 18. Sept. sPrivatmitth.) Die jüdische Presse enthält sich durchaus, über Zustände und Vorgänge in den verschiedenen christlichen Kirchen zu sprechen und Kritik zu üben, so lange diese nicht einen directen Angriff auf das Iudenthum machen. Diese Zurückhaltung, welche auch dieses Blatt streng bewahrt, obgleich es in seiner Tendenz liegt, die Beziehungen zu der allgemeinen Welt niemals außer Augen zu lassen, ist umsomehr anzuerkennen, da im Gegentheil die christlichen Kirchenzeitungen es nicht Unterlasten, über alles, was im Judenthume vorgeht, zu sprechen und gewöhnlich in einem hohen Tone, vornehm oder feindlich, abzusprechen; diese Zurückhaltung ist um so anerkenkennenswerther, als es dem jüdischen Standpunkte sehr leicht wäre, eine scharfe und ironische Kritik zu üben. Wenn man sich gewöhnt hat, den Juden Zudringlichkeit vorzuwerfen, so durfte man mit Recht diesen Tadel in dem vorliegenden Verhältniß umkehren. Mit derselben naiven Anmaßung, naiv, weil man sich dazu berechtigt glaubt, aber immer eine oft sehr mißfällige Anmaßung, mit derselben Anmaßung, sagen wir, mit welcher, nicht die christlichen Geistlichen, sondern die Söldlinge der Missionsgesellschaflen in die Synagogen und in die jüdischen Familien dringen, bringt auch die christliche Kirchenpresse ihre Berichte und Urtheile über die Bestrebungen und Resultate im Judenthume allwege vor, ohne dabei in der Regel Unparteilichkeit, Billigkeit, ja nur einen civilen Ton zu bewahren. Wie gesagt, hiergegen uns zu vertheidigen und die Angriffe zurückzuweisen, ist das Recht und die Pflicht der jüdischen Presse; eine gewisse Vergeltung zu üben und in ähnlicher Weise über Vorgänge und Erscheinungen in den christlichen Kirchen zu sprechen, hält sie sich zurück, und wir können sie nur ermahnen, sich auch weiterhin davon fern zu halten. Nur eine kleine Digression werden Sie mir im Augenblicke gestatten, weil sie ein in der Idee großartiges Bestreben betrifft, dessen Ausführungsversuch aber charakteristisch ist. In der altkatholischen Bewegung stellte sich sofort die Tendenz heraus, eine Vereinigung der dem Katholicismus näherstehenden Kirchen, namentlich der angelicanischen und orientalischen, anzustreben. Sie ging insonders von Döllinger aus. Jüngst fand eine desfallsige Unionsversammlung in Bonn statt. Vom jüd. Standpunkte aus kann man einen solchen Versuch nur belobend anerkennen. Die Folgen der Kirchenspaltungen und der blutigen Kriege, die sie hervorriefen, hatten auch wir Juden schwer zu tragen, und alles was den Frieden der Völker befördert, müssen wir ganz individuell als einen Segen auch für uns ansehen. Innerlich können solche Vereinigungen nur dadurch bewirkt werden, daß die spaltenden Dogmen in ihrer Schärfe abgeschliffen werden, und das Dogma überhaupt an Bedeutung verliert, und dies ist es, was vom jüdischen Gesichtspunkte aus nur als günstig angesehen werden kann. Ob nun die Verhandlungen der gedachten Versamnllung christlicher Theologen aus der altkatholischen, anglikanischen und griechischen Kirche, bei welcher Protestanten nur' als Zuhörer gegenwärtig waren, zu irgend einem practischen Resultate führen werden, wollen und können wir nicht beurtheilen. Aber eigenthümlich wehte es uns aus den Mittheilungen über diese Verhandlungen entgegen, daß einer "der Hauptgegenstände der Differenzpunkt war, „Ob der heilige Geist vom Vater und vom Sohne aussließe?" und ob das desfallsige „filioque“ echt oder irrthümlich eingeschoben sei? Ueber den letzteren Punkt, als eine urkundliche Thatsache, einigte man sich, nicht aber über die dogmatische Ansicht selbst, sondern behielt sie weiterer Verständigung vor. Wir frugen uns in der That, ob wir wirklich im neunzehnten Jahrhundert leben? ob wirklich die Scholastik des Mittelalters todt oder noch lebendig sei? ob es Denker wie Cartesius, Spinoza, Kant, Fichte, Hegel u. s. w. gegeben habe? ob die Kritik seit Lessing ihr Amt geübt und wenigstens einige Resultate erzielt habe? Es ist möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß die Theologen, bei gutem Willen, irgend eine Formel auffinden, in welcher eine solche Frage, ohne entschieden zu werden, doch untergebracht würde. Ob aber noch heute mit dergleichen das Herz der Völker ergriffen, zum Verlassen ihrer bisherigen Pfade und zur Schöpfung eines neuen Baues bewogen werden könne, ob überhaupt die Lösung solcher Fragen zur Aufgabe der Gegenwart gehören, bezweifeln wir durchaus. Charakteristisch für unsere Zeit ist es aber doch, und darum sollte diese Andeutung an dieser Stelle nicht fehlen. Altona, 18. Sept. Man wird sich erinnern, daß Advocat Dr. Marburg hier in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, seine Wahl aber wegen vorgefallener Unzukömmlichkeiten vom Hause annullirt worden. In der heute stattgefundenen Wahl . wurde Dr. Marburg mit 159 Stimmen gegen 115, welche auf Reimers fielen, wieder gewählt. Wir werden also im Abgeordnetenhause wieder zwei Juden haben. Der Wahlkreis Altona wird freilich nach dem „bayerischen Baterlanre" des Dr. Sigl die Strafe des Himmels dafür zu erwarten haben. Denn dieser,