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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-29 · Heft 40 (29.9.1874) · p. Seite 671

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 40 (29.9.1874)
Date
1874-09-29
Page
Seite 671 (sequence 5)
Language
German
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Bayerns und dem Oberhaupt des deutschen Reiches, den Behörden der Stadt u. s. w. auch -es Baumeisters der Synagoge und Aller, die für den Bau gewirkt und ihn gefördert, haben, segnend gedacht wurde. Der Gesang des 150. Psalms: „Hallelujah! Lobet den Herrn in seinem Heiligthum rc." schloß die seltene, gewiß in der Erinnerung Aller, die an ihr Theil nahmen, nicht erlöschende Feier. Um 2 Uhr fand ein Festmahl statt. Der interessanteste Zug dieses Festmahls war wohl eine historische Anspielung des Herrn Bürgermeisters v. Stromer, welcher seinen Toast auf den Rabbiner Dr. Levin und den Eultusvorstand Herrn Josephthal mit der Bemerkung einleitete : es habe ihn besonders gefreut, bei der heutigen Einweihung der Synagoge die Pforten derselben zu öffnen, nachdem vor Jahrhunderten einer seiner Vorfahren (Ulrich Stromer) die Juden mit Feuer und Schwert aus Nürnberg vertrieben habe. Gegenüber der mittelalterlichen Anschauung sei man jetzt allgemein zu der Erkenntniß gekommen, daß die Lösung der sogenannten Judenfrage gleichen Schritt mit der Entwickelung und Vermehrung der Gesittung und Humanität bei Nationen und Einzelnen halte.- Fünfzehn Jahre sind es, daß die Municipalbehörden von Parks den Bau zweier großen Tempel beschlossen- und jetzt erst ist der eine, in einem der glänzendsten und reichsten Viertel von Paris , in der rue üo la Vicioir«, soweit vollendet, daß er am 9. September Mittags 2'Uhr feierlich eingeweiht werden konnte, ohne jedoch bereits dem Gottesdienste übergeben werden zu können. Auch in Paris enthält diese' Einweihung vielfach historische Erinnerungen. Im Jahre 1785 waren es noch einige wenige jüdische Familien, welche um die Erlaubniß demüthig bitten mußten, an den hohen Festen' ihren Gottesdienst im zweiten Stock eines kleinen ärmlichen Hauses abhalten zu dürfen, und' jetzt erbauen Staat und Stadt zwei neue große Tempel für eine Gemeinde von 30,000 Seelen. Wir haben bereits früher auch in unserm Blatte eine nähere Beschreibung des neuen Tempels, eines der großartigsten unter den jetzt bestehenden, gegeben, und können hierauf verweisen. Die Eingänge zu dem Tempel sind so' geräumig, daßselbst die Menge derer, welche der Einweihung beiwohnten, bequem eintraten. Um 2 Uhr wurden die Pforten geschlossen, und die Ceremonie begann, welche 2 'jt Stunden in Anspruch nahm. Die Orgel präludirte, gespielt vom Sohne des Redacteurs der ärolnves, Herrn Ernst Cahen, der zum Organisten des neuen Tempels gewählt worden. Es folgte der 108. Psalm, componirt vom Vörbeter Herrn Nauenburggesungen von einem trefflichen Chore von 80 Mitgliedern (Männer und Knaben). Hierauf holten die Mitglieder des Eonfistoriums die Thorarollen ab. Ein Zug von Huifsiers, unter welchen Man zwei Ritter der Ehrenlegion und einige mit der Militärmedaille gewahrte, voran, mit elfenbeinernem Stabe in der Hand und' die' Amtskette mir! den Hals. Die hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde trugen ThorarolleN, so drei Rothschilds, Crümieüx, Camondo ü. f. w. Da die Sonne gerade auf die Thorarollen, deren prächtige Gewänder und den kostbaren Vorhang der heil. Lade schien, gab eseinen glänzenden > Anblick. Der Großrabbiner -es Centrälconsistoriums, Herr Isidor, bestieg die Kanzel, hielt eine ergreifende Ansprache und rief den Segen Gottes auf Frankreich und die Anwesenden herab. Während Orgel und Chor eine treffliche Composition des Herrn Jules Cohen ausführten, geschah die in Frankreich übliche Sammlung für die Armen, durch ausgewählte Damen. Dann sprach der Großrabbiner von Paris, Herr Zadoc Eahn, die eigentliche Festrede. Er erinnerte an die Geschichte der Israeliten in Frankreich, dann an die Geschichte des neuen Tempels, dessen Bau durch den traurigen Krieg von 1870 Und den noch traurigeren Aufstand der Commune unterbrochen wurde, und wie sich gerade in der Wiederaufnahme dieses Baues die Lebens- und Thatkraft Frankreichs abspiegele. Hieran knüpfte er eine begeisterte Besprechung der religiösen' Gleichheit, welche über alle Streitigkeiten und Kämpfe der Zeit siegt. Das officielle Gebet für das Vaterland folgte, und die Handlung schloß mit einem kräftigen Hallelujah, welches Jules Erlanger componirt hatte. Die Präfectur der Seine war durch den Generalsecretär, der'Municipalrath durch eine große Zahl seiner Mitglieder vertreten! Die Ärchives heben mit Unmuth hervor, daß die Regierung gar nicht vertreten war, während sie. dies eifrig bei jeder Dorfkirche thut. Dagegen hat sich die Pariser Presse ohne Unterschied der Parteien, chit Ausnahme der ultramontauen uNd der ckterikal-legitimistischen, äußerst günstig erwiesen und ausführliche, theilnahmvolle Berichte geliefert. Nach den Bruchstücken, welche die Archivrs von den Reden der-beiden Großrabbinen brachten, und die nur gemäßigten Sinnes und völlig angemessen erscheinen, überraschte es uns, in Berliner Zeitungen folgendes zu lesen : „Bekanntlich hielten die Rabbiner Cahn und Isidor bei der feierlichen Eröffnung der neuen Synagoge in der rue üe la Vicloire OteDen, die sehr patriotisch, über auch sehr republikanisch waren. Dieses Eintreten der jüd. geistlichen für die Republik gefiel höchsten Orts sehr wenig, mnd der Ministerrüth, welcher über die Sache berieth hatte zuerst die Absicht, gegen dieselben einzuschreiten, da das Gesetz nicht gestattet, daß die Diener der verschiedenen Cultett sich Mit Politik beschäftigen. Man stand jedoch davon ab, La man die reiche nnv vornehme Judenwelt, welche' die Reden mit großer Begeiferung ausgenommen hatte, nicht vor den Kopf stoßen wollte, und außerdem hielt man es nicht für klug, die jiid. Geistlichkeit bei der geringsten Ausschreitung zu maßregeln, während man die katholische ganz frei schalten und walten läßt. Bevor uns hierüber nichts Näheres auö'Paris zugekonnnen, halten wir es für ein leeres Gerücht! von der Mt, wie sie ge-! genwärtlg ebenso von den deutschen Correspondenten in Paris über französische Zustände, als von den französischen Zeitungen

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