Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 668 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gesetzlichen theils ans der göttlichen Fügung, theils aus dem Thun des Menschen innerhalb der durch die göttliche Fügung ihm gewordenen Verhältnisse, theils durch die aus diesem Thun unvermeidlich fließenden Folgen, theils durch die von der göttlichen Fügung ihm zugewandten oder von ihm.abgewandten-Folgen — und in diesem Complex bethätigen sich Vorsehung, Vergeltung und menschliche Willensfreiheit zugleich. Dem menschlichen Auge entzieht sich allerdings zumeist die klare Erkenntniß aller dieser einwirkenden Mächte^ und eS ist zu sehr geneigt, in seinem Schicksale eine einseitige Wirksamkeit, zu erschauen. Immerhin aber stoßen ihm Ereignisse auf, wo die Fäden seines Geschickes sich ihm offen vorlegen.-und er sie in ihrem Gewebe verfolgen kann. Wohl dem Geiste, der sich gewöhnt, tiefer in die Entwickelung der Dinge einzudringcn und^ der waltenden Vorsehung ihren Theil zu geben, wie in feinem eigenen Thun, Ursache und Wirkung, zu erkennen. Stehen wir jedoch, was uns oft genug begegnet, vor Räthseln des Geschickes, die wir uns nicht zu lösen vermögen, so gilt es, unserer gewonnen Ueberzeugung zu vertrauen, wie sie in den Lehren unserer mehr als dreitausendjährigen Religion wurzelt und durch die Geschichte, wie durch unser eigenes Leben bewährt ist. Ieder^Mensch ist in bestimmte Verhältnisse hineingebereN, die ihm die göttliche Vorsehung so geordnet hat. Jahre des Heranwachsens, der Erziehung und der Heranbildung gehen an ihm vorüber, bevor er zu wesentlichem. Eingreifen in sein eigenes Schicksal befähigt ist, obschon dies freilich öfters früher geschieht, als er sich dessen bewußt wird. Fast Alles, was ihm hier geschieht, hat er aus der Hand der Vorsehung entgegenzunehmen, und selbst die Verhältnisse, in die er, zum eigenen Handeln berufen, eintritt, sind nicht seiner Wahl anheimgegeben. Und ebenso.verhält es sich mit tausendfachen Begegnissen während, seines ganzen Lebens-, und selbst dieses Leben, dessen Dauer.und Ende, sind zumeist Einflüssen preisgegeben, über die er nicht. Herr ist, die ihm als Fügung einer höheren Macht zukommen. Selbst was Naturgesetzliches in seinem Dasein mitspielt, unterliegt dieser höheren Fügung. Die Herren .Naturforscher und Naturphilosophen wollen dies nicht zugeben, und dennoch ist es so. Der Stein, der vom Dache rollt und mich verwundet, thut dies nach dem Naturgesetz; aber daß ich gerade an dieser Stelle verweilte, wohin er nach dem Naturgesetze rollte, .ist ein Ausfluß, der höheren Fügung. Und so im Großen und Kleinen. Nichtsdestoweniger spielt auch die Willensfreiheit, die eigene Entschließung und. das nach dieser vollbrachte Thun des. Menschen eine große Rolle in dem Verlaufe seines Lebens. Schon der ganzjunge Mensch hat es in seiner Hand, die ihm gebotenen Verhältnisse in der einen oder in der anderen .Weise zu benutzen oder zu vereiteln, zu verändern oder weiter zu gestalten, und es wird aller Zeit von ihm, seinen Vorstellungen, Willem und Handlungen abhängen, aus allen ihn umgebenden Verhältnissen, Gelegenheiten und Fügungen ein Besonderes und Bestimmtes zu machen , oft durch einen einmaligen Entschluß, oft auch durch eine längere Reihe von Handlungen kleinerer oder größerer Wirkung. Wie aber die Fügung, so ist auch das Naturgesetzliche dem Willen und Thun des Menschen gewissermaßen hingegeben. " Wer z. B. einen krankhaften Zustand seines Körpers unberücksichtigt läßt und dasjenige thut, was jenen fördert und bis zur Unheilbarkeit entwickelt, der leidet und stirbt zwar nach dem Naturgesetze, aber er hat dies doch nach seinem Willen geleitet und zu diesem Ziele gebracht, währender es durch ein anderes Verfahren hätte anders gestalten können. Alles dies ist so einfach und klar, daß weder dogmatische Einseitigkeit, noch philosophische Sophismen den Menschenverstand und die religiöse Ueberzeugung des Israeliten davon abbringen werden. - . -r. Diese Anschauung wird auf jeder Seite der heiligen Schrift gelehrt, mit klaren Worten verkündet und in den Ereignissen der Geschichte, über welche sie berichtet, nachgewiesen. Alles was geschieht, wird als das Werk der göttlichen Vorsehung und Vergeltung dargestellt, überall auch die Willensfreiheit des Menschen und seine Verantwortlichkeit anerkannt. Schon Adam kann von der Frucht des Baumes essen oder nicht und trägt die Folgen seiner That, und zu Ende des Gesetzes ruft Moses wiederholt aus: „Siehe, ich lege Dir vor, Leben und Tod, Segen und Fluch, wähle das Lebens Selbst dem Volke Israel wird seine Mission zur freien Wahl vorgelegt, und noch Josua versammelt das Volk und fordert es auf zu wählen, wem es dienen, wen es als Gott verehren wolle. (24, 15 ff.) Aber auch das ganze nachbiblische Judenthüm hielt diese Lehren unerschütterlich fest. Es ist hier nicht der Ort, auf die religionsphilosophischen Schriftsteller einzugehen und namentlich ihre Lösung der metaphysischen Fragen, die sich auf dem Boden dieser Lehren erheben, näher zu betrachten. Es ist uns vielmehr um das religiöse Volksbewußtsein zu thun, wie es im Cultus zum Ausdruck kommt und von diesem wieder beeinflußt und genährt wird. In diesem nun tritt die Vorstellung von der göttlichen Vorsehung in der entschiedensten und zugleich kindlichsten Weise hervor, und^ in allen wahrhaft frommen Gemüthern macht sich auch in den schmerzlichsten Erlebnissen die Anschauung gellend, daß alles, was Gott dem Menschen zusendet, zu seinem Besten geschieht 17 -üs). — Mit dem Begriff der göttlichen Vergeltung, der tief in der jüd. Volksseele wurzelt, verbindet sich unmittelbar das Bewußtsein der Schuldhaftigkeit des Menschen. Das Judenthum kennt keine Erbsünde. Es sagt vielmehr aus, daß die Seele rein aus der Hand Gottes hervorgehe -(d^n rmiiü ■ m 'nn:fc> nuwr), daß aber in ihr die Fähigkeit, wie zum Guten so zum Bösen (?->n -te-n anüirr vorhanden ist, und gerade darin ihre Willensfreiheit beruht. Die Geschichte des Paradieses zeigt uns nur, wie der Mensch (durch die Sinnlichkeit) zur ersten Sünde kam, und die Geschichte Kain's, (durch die Gesellschaft) zur zweiten Sünde. Es giebt nun keinen Menschen, der nicht sündige, und die. Sünden des. Menschen seien theils ihm bewußte, theils solche,