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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-22 · Heft 39 (22.9.1874) · p. Seite 661

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 39 (22.9.1874)
Date
1874-09-22
Page
Seite 661 (sequence 11)
Language
German
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bqld hob einer der Anwesenden an: „So schöne Worte und feine Bemerkungen tragen schon an sich das Gepräge der Richtigkeit aufgedrückt. Aber wir dürfen uns doch von ihnen nicht blenden lassen. Was die verehrte Tante gesagt, trifft wohl manchmal zu, aber wie es mir scheint, nicht gar zu. häufig. In solchem Sturm der Leidenschaften gehen auch Viele unter, Viele, wenn sie ihn auch überstehen, tragen Siechthum und Schwäche davon, an Geist und Leib. Nicht selten erhebt sich das Unwetter auch erst gegen Abend, und wüthet in die Nacht hinein; Menschen, die ruhig ihren Lebensweg gewandelt, werden im letzten Viertel noch ergriffen und niederge-, wenn nicht zerschmettert. Ich habe überhaupt nur wenige Menschen gesehen, denen ein solches friedliches Alter geschieden war, weßhalb auch die h. Schrift dies als einen besonderen und seltenen Gottessegen ansieht und nur Abraham zuruft: „Du sollst in Frieden zu Deinen Vätern gesammelt werden." Mußte doch der hochbetagte Jakob noch als Greis den Wanderstab ergreifen und in die unbekannte Fremde pilgern. Ich habe Menschen gesehen, welche ihr Lebelang hart gearbeitet und gerungen hatten, und als sie nun im Alter zu ruhen und den Ertrag ihrer Mühsale zu genießen hofften, da kam schweres Mißgeschick über die Ihrigen, und des Kummers und der Sorge war kein Ende, bis sie die Augen geschlossen hatten. Darum richtet Jean Paul irgendwo das Gebet an die Vorsehung: „Im Mannesalter will ich tragen , was Du mir auferlegt; nur den vom Alter gekrümmten Rücken verschone mit neuen Lasten!" Du mußt mir meinen Widerspruch nicht verübeln, theure Tante, die Enttäuschung verbittert oft mehr als das Uebel selbst, und so mögen wir vorbereitet sein, auch im Alter noch kämpfen zu müssen, und uns der Hoffnung nicht allzusehr überlaffen, daß wir ungestörten Frieden da finden, wo er doch nur selten anzutreffen ist. Fürwahr der bestandene Sturm ist nicht stets als Bürgschaft anzusehen, daß er auf immer gewichen, wie er es heute in der, uns umgebenden Natur gethan." Die Rede Simons, welche die Gesellschaft eben vernommen, stimmte diese sehr ernst. Es mochte wohl Einer und der Andere sich in ihr befinden, welche das, was jene geschildert, an sich oder an Nahestehenden erfahren halten, so daß m.ißstimmende Erinnerungen wachgerufen wurden- Unwillkürlich wandten sich sogar die Blicke auf den greisen Isaak, der, wie immer, seiner schwachen Augen wegen, sm dichten, vor den Strahlen der Sonne geschützten Schatten, saß,, so daß man im abendlichen Dunkel seine Züge nicht bemerken konnte. Schnell unterbrach die Stille Leo und rief mit heiterem Tone: „Nun, Tante,...da einmal der geweihte Kreis um Dich durchbrochen und Dein schönes Gleichniß angegriffen worden, will ich auch nicht zurückstehen. Ich meine nämlich und kann Beweise dafür anführen, daß der Glaube unrichtig sei, das Alter wäre vor den Leidenschaften sicher und Besonnenheit und Weisheit sein gewisser Theil, während hoch schon das Sprüchwort sagt: „Alter schützt vor Thorheit nicht," was freilich nicht so schön klingt, wie-die Stellen der Schrift und Jean Paul's, die Simon angeführt, was aber dennoch die Erfahrung für wahr erklärt. Ich habe sehr gealterte, ja hochbetagte Menschen gesehen, welche-von der Leidenschaft der Habgier und des Geizes in erschreckendem Maße gequält und die dadurch zu wahren Peinigern der Ihrigen wurden. Man sollte doch annehmen, daß das Leben sie von dem zweideutigem Werthe des Geldes hätte überführen müssen,, und daß so nahe vor dem Grabe die Ueberzeugung der Nichtigkeit, jenes aufzuhäufen,, sie durchdringen mußte. Man spreche mir auch nicht davon, daß sie es etwa in der Fürsorge für ihre Kinder und Enkel gethan; daran dachten sie kaum, und ich sah Greise diesem Laster verfallen, welche gar keine nahen Verwandte hatten, und ihre Erben eher haßten als liebten. Selbst das kann man nicht behaupten, daß sie diese Leidenschaft aus ihrem früheren Leben nur in das Alter mit hinüber genommen hätten. Denn nicht selten verfallen Verschwender erst im Alter in den Geiz, und Leute, die das beträchtliche Vermögen ihrer Ellern leichtsinnig vergeudet hatten, werden im höheren Lebensalter habgierig, knickerig, geizig. Blicken wir weiter um uns, so gewahren wir, daß der gerügte Fehler nicht der Einzige ist, der das Alter verunziert. Was macht denn so viele alte Leute unangenehm, bisweilen unerträglich? Der Eigensinn, die Hartnäckigkeit auf ihren Willen zu bestehen, die Rechthaberei, die sehr bald auch in Tadetsucht und Zankgier ausartet. Niemand kann das Alter hiervon freisprechen,'und von dem gerühmten Frieden, den es in sich trägt und um sich verbreitet, ist da wenig zu verspüren. Das Alter vermag seine Ansichten und Meinungen weniger zu verändern und nimmt zugleich die Autorität in Anspruch, sie geltend zu sehen. Dies bringt den Conflict selbst ohne Absicht herbei. Hieraus fließt schon, daß auch die Eitelkeit, und selbst der Ehrgeiz, dem Alter nicht fremd ist, obschon ich nicht behaupten will, daß dies eine im Alter vorherrschende Leidenschaft sei. Sie tritt nur leider in einer andern Form auf. Mit der Abnahme der Kräfte nehmen auch die Leistungen ab, und mit diesen vermindern sich natürlich die Wirksamkeit und die Anerkennung. Dies kränkt den Greis, macht ihn argwöhnisch und mißtrauisch, stachelt ihn gegen die Veränderungen auf, welche nothwendig mit dem Verlaufe der Zeiten und Verhältnisse verbunden sind. Daher beherrscht ihn leicht Unzufriedenheit > Verbitterung, Menschenverachtung. Doch ich will das Sündenregister des Alters schließen, damit ich nicht als Ankläger dessen erscheine, was unter allen Umständen geachtet und geehrt werden muß, und ich hätte mich wahrlich gehütet, es so weit zu führen, wenn ich in unserm schönen Kreise nur einen erblickte, dem einer der gerügten Fehler anhaftete." „Da hätten wir uns wohl bei Dir zu bedanken, rief t ein ältlicher Herr aus, da Du uns durch das Bild, welches Du entworfen, so. recht in's Licht gestellt haben willst? Aber auch aus Deinem Complimente guckt der Schalk heraus. Denn man Könnte daraus verstehen, daß Du andere 39*

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