Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1874)
- Date
- 1874-09-22
- Page
- Seite 662 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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662 Sünden des "Alters verfchweigsi, weil sie unserder an-! wesenden Men Theil 'find. Aber ich halte Deine.Schilderungen doch für etwas übertrieben. Wenn Du z. B. dem Mer auch die Eitelkeit und den Ehrgeiz zuschreibst, so wollen diese in der vorgerückten " Lebenszeit doch etwaS ganz Anderes sagen, als im Mannesalter oder in der Jugend. 'Der Greis will höchstens die Stellung behalten und'behaupten, die er einmal eingenommen, während der Jüngling sich'eine solche erobern , der Mann sie erhöhen und erweitern will. Dies giebt doch eine ganz andere Flamme gb. Der Ehrgeiz des Greises will das Geschaffene- und Bestehende conserviren, weil er es doch nicht durch ein! Anderes zu ersetzen vermöchte'; Jüngling und Mann wollen zer-! stören, um nach ihrer Meinung ein'Neues aufbauen zu können.! Ich gebe zu, daß Beides nothwendig ist. Wenn Über die Heftig-! 'leit der Leidenschaft und deren gefahrdrohende Wirkung erwogen! wird, so steht der Vorzug gewiß auf Seilen des Alters, das ja! auch bald dom Schauplatz abtritt. Dabei darfst Du, mein lieber! Leo, nicht vergessen, daß es Leidenschaften giebt, welche durchaus dem Alter 'fremd sind, weil sie eben in seiner Natur nicht mehr liegen. Ich will sie hier nicht namhaft wachen; aber es sind doch solche, welche in der schönsten und kräftigsten Lebenszeit die schlimmsten Verwüstungen im Menschen anrichten. Es ist kein Verdienst des Alters, davon verschont zu sein; aber doch ein Bottheil.- Ueberhaupt denke ich, die'Hauptquelle aller Leiden-. schäften ist die Phantasie, die Einbildungskraft. Denn, indem! diese lockende Bilder dessen vorstellt, was erreicht und genossen werden 'könnte, reizt sie das Verlangen, die Begierde des ' Menschen auf, und schwellt sie zur Leidenschaft an. Trockene, nüchterne Menschen sind daher jeder Leidenschaft weniger zugänglich.; und weil vorzugsweise die Phantasie im Alter immer weniger lebhaft und stark wird, schwächen sich in ihm auch die Leidenschaften ab, wenn sie auch nicht ganz schwinden. Man spricht viel von dem Werthe der Erfahrung. Aber auch die Jugend, sagen wir etwa bis zum dreißigsten Lebensjahre, hat Zeit und -Gelegenheit genug, Erfahrungen zu machen. Mit der Erfahrung verhält es sich, wie mit dem Reifen, nicht auf den Umsang der zurückgelegten Reisen und nicht aus die Mannigsaltigkeit und Großartigkeit der durchwanderten Gegenden und Länder kommt es an, sondern auf den Beobachtungsgeist, den der'Reisende besitzt und übt. Der 'Eine bringt ans einer Reise um die Welt nicht so viel mitwie der Zweite 'von einer Stadt zur andern, von einem 'Lande zum undern. So auch die Ersahrung. Ein fein begabter Jüngling' wird von dieser sich -mehr aneignen, als ein Greis, der mit schwachem Geiste-durch ein vielbewegtes Leben gegangen. Der Unterschied liegt dielmehr darin, daß der Erftcre, durch das Feuer seiner Phantasie geblendet, der won^khm gemachten Erfahrung keinen Raum gisbt, und sie jeden Augenblick von jener überwältigen läßt, während derMhle Greis dei jedem-Schritte'erst das ''befragt, was "er weiß und erfahren hat. So mögen denn ' 'immeithkn •' Ausnahmen 'stattfinden, und durch den Wechsel des Geschickes auch das Alter nicht verschont bleiben: im großen Ganzen hat die verehrte Dame recht, welche uns ohne ihren Willen in diesen kleinen Streit gebracht hat. Und dies ist auch der Natur gemäß. Das Alter hat mit seinen 'Kräften sehr Haus zu halten; es darf nicht mehr consumiren, als es zu ersetzen vermag. Das Mer ist bestimmt, fort und fort zu verlieren; von denen, die mit ihm gelebt, die er. sich aneignet, -sieht der 'Greis Einen nach dem Andern aus dem Leben scheiden und von seiner Seite gerissen werden, während das aufwachsende Geschlecht ihm fremd bleibt; so auch mit den Schöpfungen und Erzeugnissen seines eigenen Lebens. Würden da Schmerz und Kummer mit der Gewalt ^früherer Lebenszeiten in ihm Platz nehmen und gar aufreibende Leidenschaften sich hinzugesellen : so würde seine-karge Lebensflamme schnell verzehrt fein. Im Uebrigen geht vs -mit dem -Frieden des Greises wie mit der Harmlosigkeit des Kindes; beide haben in der Regel wenig Bewußtsein von ihrem Glücke; der-erstere findet überall Entbehrung und Beschränkung, -das andere Verdruß und Schmerz." Jetzt ergriff unser Lebrecht das'Wort: „Aus allem diesem haben wir also den Schluß zu ziehen, daß jedes Lebensalter des Menschen seine eigenth'ümliche und charakteristische Leidenschaft hat, die jedoch, wenn auch verändert, oft in ein anderes Alter hinüberspielt. 'Daran, glaubeich, knüpft-sich-aber eine andere Frage, nämlich die, welche unter diesen Leidenschaften ist die verwerflichste, die gefährlichste? Lächelt nicht, die Frage ist keine überflüssige. Denn mit dem Grade des Nachtheils und der llnsittlichkeit wird auch die Pflicht und die Notwendigkeit wachsen, sie mit aller Kraft in-uns zu bekämpfen. Ich lasse mich daher nicht abweisen, sondern fordere dreist, Eure Meinung darüber zu -äußern." . (Schluß -folgt.) Vermischtes. Wie die „Arader Ztg." meldet, starb hier nach kurzem Krankenlager Herr Gabriel Weiß, k. k. Major in Pension. Im Jahre 1800 von nicht bemittelten israelitischen Eltern in Veßprim geboren, trat er 1820 als Unterarzt in den Militärdienst. Durch den unmittelbaren Verkehr mit der Lebensweise des Soldaten vertraut geworden,/gewann vr bald eine solche Vorliebe für diesen Stand, daß er sich-182 2 -als Gemeiner -in das Jnf.- Regiment Graf Bellegarde, gegenwärtig Erzherzog Albrecht, 'übersetzen ließ -und avancirte bis 1842 durch , alle Grade zum Oberlieutenant. Im Jahre 1848 machte er den ruhmreichen Feldzug von Verona nach Mailand mit, in welch' letzterer Stadt er 6 Feldspitäler unter , seine alleinige Leitung übernahm, -ohne sich dem'Commando seiner 'Compagnien en tziehen zu-wollen. Eine Folge ^dieser Verdienste war - es, daß er rm September IM 8 -zu dem Mange - eines wkklichen Hauptmannes avancirte. Mach zurückgelegter 34jähriger Dienstzeit sah er sich 1854 wegen zer-