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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-22 · Heft 39 (22.9.1874) · p. Seite 658

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 39 (22.9.1874)
Date
1874-09-22
Page
Seite 658 (sequence 8)
Language
German
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wie Przemysl, schon solche Statute besitzen, andere aber, wie z. B. Lemberg , dieselben ausgearbeitet Haben und nur auf die behördliche Genehmigung warten. Uebrigens soll diese Frage noch in einer Generalversammlung besprochen werden.. Herr Jan Dobrzanski ist ein wenig stiller geworden , seit er sieht, daß seine maßlosen Angriffe gegen die Juden denn doch eine gewisse Opposition erwecken, und verwahrt sich sogar neuefiens dagegen, die jüdische Religion als solche angegriffen zu haben — eine Verwahrung, die übrigens'grundfalsch ist, wie durch das Memorandum des Vereins „Schomer Israel" in dieser Angelegenheit dargethan wurde. Aus Oesterreich, im Sept. (Privatmitth.) Allgemeine Ereignisse und Vorgänge in der Gesellschaft und dem Staate üben ihren Einfluß auf alle Schichten des Volkes, ihre Ursachen und Wirkungen spielen in allen Kreisen ihre tief eingehende Rolle. Sie werden es mir daher gestatten, auch hier auf eine vor Kurzem erschienene Schrift aufmerksam zu machen: „Einige Ursachen der Wiener Krisis im Jahre 1873 von Benno Weber." (Leipzig, Veit 1874.) Diese, mit großer Schärfe, Sachkenntnis und Unparteilichkeit verfaßte Schrift deckt die Ursachen der unglücklichen Krisis auf, welche so vieles Unheil über alle Theile der Bevölkerung in Oesterreich und Deutschland gebracht hat. Sie befleißigt sich der möglichsten Objectivität,bürdet die Schuld nichts irgend einer besonderen Elaste auf, zeigt vielmehr, wie von allen Seiten gesündigt worden, und bemüht sich, die Förderungen aüfzustellen, welche für eine Verbesserung der Lage und für Vermeidung zukünftiger ähnlicher Katastrophen nothwendig zu befriedigen feien. Wir empfehlen diese Schrift zur allgemeinen Berücksichtigung, ohne hier auf die darin enthaltenen Details eingehen zu können. Unter den Ursachen übergeht aber der Verfasser, wie es uns scheint, eine fast gänzlich , und eine andere brandmarkt er nicht mit genügsamer Energie. Und doch will es uns bedünken, als ob die traurige Erscheinung, die er nicht hervorhebt, zwar nicht die unmittelbare Quelle jener Krisis, wohl aber den üppigen Boden abgab, auf welchem alle übrigen faktischen Ursachen erst recht wuchern konnten. Wir stehen jetzt innerhalb der zehn Bußtage, welche unsere Religion zu ernster Mahnung an alle ihre Bekenner eingesetzt hat. Man wird es uns daher nicht verübeln, wenn wir im Augenblicke etwas Näher auf unselige Zustände eingehen, die leider auch unseren Glaubensgenossen nicht fern liegen. Wer namentlich in Wien und Pest nähere Beobachtungen anstellt, der erschrickt über die sittliche Entartung, welche das Familienleben, welche besonders das eheliche Leben ergriffen hat. Sowohl in den höheren Claffen, als auch in der unteren Volksmaste, hat nach dieser Richtung hin eine Sittenlosigkeit Platz gegriffen, welche geradezu entsetzlich ist. Von der Heiligkeit der Ehe hat man in vielen Theilen der Bevölkerung — und die Juden haben ihren vollen Antheil hieran — gar keinen Begriff mehr. In zahlreichen Ehen der oberen Claffen gehen die Männer und die Frauen, selbst im Lichte des Tages/ ihre getrennten Wege, und in vielen Fällen zieht der eine Theil den Nutzen aus der Handlungsweise der anderen. Wenn in der Arbeiterclaffe zum großen Theile von gesetzmäßiger Ehe gar keine Rede mehr ist, so spielen bei den Juden der unteren Volksclasse Eheschließung und Scheidung eine beständig wechselnde Rolle. Fälle von Bigamie, ja Trigamie, gehören zu den Ereignissen jedes Tages, und dergleichen jüdische Verbrecher befinden sich' in Ungarn fast zu aller Zeit in Untersuchung. Der große Zufluß polnischer Juden liefert hierzu ununterbrochen ein starkes Contingent. Das Gesetz erkennt zwar Ehen als rechtmäßig nur an, die von hierzu bestimmten Rabbinern geschloffen werden. Dies verhindert aber nicht, daß zahllose Ehen von Winkelrabbinern geschloffen werden, und dann finden sich auch wieder Rabbiner, die gegen ein Honorar die Scheidung solcher Ehen' vornehmen. An diesem sittenlosen Spiel nimmt das weibliche Geschlecht gleichen Antheil wie das männliche, und die zur Scheidung erforderliche Zustimmung beider Theile ist daher immer vorhanden. Ich' könnte hierfür haarsträubende Beispiele anführen; aber sie sind nicht nothwendig, da Jedermann die Zustände kennt. Das religiöse Verhallen der Individuen hat hierauf keinen Einfluß, und weder die Reform noch die Orthodoxie ist deshalb besonders anzuklagen, wie schon der obenerwähnte, in dieser Beziehung entartetste Theil der jüdischen Bevölkerung erweist. Wo aber eine solche Sittenlosigkeit allgemein geworden, da ist auch ein gesunder volkswirtschaftlicher Zustand nicht möglich. Alle Tugenden der Ordnung, der Sparsamkeit, des besonnenen gewerblichen Fleißes verschwinden zugleich mit der sittlichen Häuslichkeit; Gewissenlosigkeit, Verschwendung, Gewinn- und Spielwuth treten an deren Stelle, und bilden so, wie wir gesagt, den üppig wuchernden Boden für alle Erscheinungen, welche dem „Krach" vorangingen und welche ihn herbeiführen mußten. Auch Schreiber Dieses weiß sicher wirksame Mittel hiergegen nicht anzugeben, glaubt aber dennnoch, daß es nothwendig sei, sich dieser Zustände bewußt zu machen, , um die Einsicht in den Gang der Dinge zu gewinnen. — Dasjenige Moment, welches Herr Benno Weber zwar wiederholt berührt, aber noch lange nicht genug kennzeichnet, ist die Feilheit der Pressen in Oesterreich, und auch hieran nimmt die jüdische Preffe, so geringfügig sie auch verhältnißmäßig an Umfang und Verbreitung ist, ihren Antheil. Bei der großen Preffe ist diese Käuflichkeit eine Frage des Gewinnes, bei der kleinen eine Existenzfrage. Es ist nicht unsere Sache, das Verfahren der Wiener und Pester Presse vor der Krisis hier näher zu schildern. Sie, die beim Eintritt des „Krachs" eine so tugendhafte Maske vornahm, Alles vorhergewußt und vorhergesagt haben wollte, beförderte die Gründerei und das Börsenspiel auf das Erfolgreichste, lobte und tadelte jedes Unternehmen, je nach den Summen, die ihr davon zusloffen. Die kleine Preffe aber existirt von der Verleumdung, von der Denunciation, von der Erpressung; sie drängt den Einzelnen ihr Abonnement auf, um . den Preis, vor ihr in Frieden zu leben. Denn auch der Schuld-

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