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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-22 · Heft 39 (22.9.1874) · p. Seite 654

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 39 (22.9.1874)
Date
1874-09-22
Page
Seite 654 (sequence 4)
Language
German
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654 That als Furcht vor der Strafe, sondern auch schon vor der Ausführung des Verbrechens die Seele mit der Frage über das Verhältniß der That, zu der man sich durch die Leidenschaft gedrängt fühlte, zum Willen der Gottheit erschütterte. Doch dies gehört nicht hierher. Jenes Abhängigkeitsgefühl zum Begriff geformt/giebt uns den Gedanken der göttlichen Vorsehung. Schon bei dem Beginne der h. Schrift also tritt uns der volle religiöse Gedanke entgegen, und zwar wie er sich, eingeboren in dem Geiste des Menschen, naturwüchsig und doch vollständig entwickelte: die Erkenntniß Gottes als des absoluten Seins, welches die Wesen als individuelles Dasein erschaffen, die Erkenntniß Gottes als Vergeltung und als Vorsehung. Hiermit war das Wesen und der Inhalt des religiösen Gedankens für immer constatirt, und weil er zur Natur des Menschengeistes gehört, kann es uns nicht verwundern, daß die h. Schrift ihn schon an die Pforte des menschengeschlechtlichen Lebens, an die Eingangsthüre der Menschheit schreibt. In der That zeigt denn auch die Geschichte aller Völker das Vorhandensein des religiösen Gedankens in ihnen allen, wie verworren und entstellt er auch nach seiner Gesammtheit, sowie nach seinen einzelnen aufgeführten Elementen erscheint. Die Entwickelung des Menfchengeistes, die Entfaltung und Aufeinanderfolge der Religionen ' ergiebt immer Nur das Streben und Ringen nach immer größerer Klarheit und Reinheit des religiösen Gedankens, und die ungeheuren Schwierigkeiten, die sich hierin dem Menschengeiste entgegenstellen, liegen eben darin, daß es sich nicht um die Anschauung und Ueberzeugung einzelner auserwählter und erleuchteter Geister, sondern um die der gesammten Menschenmaffe handelt; sowie daß es schließlich nicht blos auf Begriffsformeln ankommt, als vielmehr auf „das Gute und das Böse", nämlich darauf, daß sich die Menschen in ihren Handlungen und in ihrem ganzen Verhalten vom religiösen Gedanken beherrschen lassen, ihre Leidenschaften bezwingen, und ihre eigenen Wünsche und Begierden aufopfern. Statt deffen aber lassen die Menschen in ihrer großen Mehrheit ihre Vorstellungen und Begriffe von ihren Leidenschaften beherrschen und gestalten, so daß selbst die reinsten Lehren einer Religion nach kurzer Zeit immer wieder von der Masse in das Gegentheil verwandelt werden, was dann herrschsüchtige Priester benutzen, um das Gewissen des Volkes in ihre Gewalt zu bekommen und darin zu. erhallen. Ueberschauen wir nun die heilige Schrift und die weiteren Religionsschriften des Judenthums, so weit letztere wirklich religiöser Natur sind, so gewahren wir überall die Entwickelung des religiösen Gedankens, die Belebung des Verstandes und die Anfeuerung des Herzens für denselben in seinen drei großen Elementen: Gott als Schöpfer alles Daseins, Gott als Vorsehung und als Vergeltung. Allerdings hatte auch das Judenthum das Schicksal aller großen geschichtlichen Erscheinungen gehabt, daß sein Lehrinhalt zu Zeiten verdunkelt und entstellt ward; die gewaltigen Schicksale, welche seinen Träger, den jüdischen Stamm, trafen, deffen Abschließung von aller übrigen Menschencultur, wodurch die Einseitigkeit nach irgend einer Richtung unausbleiblich ward, und'wiederum sein Zusammentreffen mit anderen Völkern und ihren Culturen, aus denen trübe Elemente unvermeidlich in das Judenthum eindrangen, dies Alles mußte Zeiten herbeiführen, in welchen mehr oder weniger die ursprünglichen und gewonnenen, reinen und idealen Vorstellungen verkümmert wurden, abergläubische Gedanken an die Stelle der lauteren Lehre traten und im Gemüthe des Volkes Wurzel schlugen. Aber durch alle diese Wandelungen und Mannichfaltigkeiten blieben die Hauptzüge des religiösen Gedankens in den jüdischen Geschlechtern unverrückbar fest, und wie sich dieser Stamm von der Grundlage des Monotheismus, nachdem er diesen fest eingenommen hatte, sich niemals wieder entfernte, von diesem Fundamente sich niemals wieder verrücken ließ, so hing auch die ganze Volksseele dieses Stammes mit unauslöschlichent Feuer an jenen Grundelementen des religiösen Gedankens, an der Einzigkeit und Geistigkeit Gottes, an der Vorsehung und an der Vergeltung! Die Geschichte bezeugt, welches Martyrium der jüdische Stamm hierfür ertrug, und sein Cultus erweist, wie er mit ganzem Herzen an diesen erhabenen Vorstellungen hing. ^ei/tu/U/^öU/txcfaticf^teu/. Deutschland. Berlin, 10. Sept. (Privatmitth.) Seitdem das Gesetz vom ' 14. Mai 1873 über den Austritt aus der Kirche, welches in § 8 auch den Austritt aus dem Judenthume freistellt, in Kraft getreten, haben hier in Berlin 6 Personen ihren Austritt erklärt, von denen jedoch nur zwei Beiträge zur jüd. Gemeinde leisteten. Aus den übrigen'Provinzen des preußischen Staates haben wir nur von dem einen bekannten Falle des Dr. E. in H. gehört. Dies erinnert umsomehr an den zu erwartenden Gesetzentwurf über den freien Austritt aus. der Ortsgemeinde, der den Juden, nicht aber den Christen, gestattet sein soll. Sicherlich ging die ganze unselige Angelegenheit aus einem wenig überlegten Impromptu des lli . Lasker, während der Debattirung jenes Gesetzes vom 14. Mai, hervor. Daß die Beantragung jener Resolution ein Impromptu gewesen, bezeugt die ganze Fassung derselben; denn ein geringes Nachdenken würde einem Gesetzgeber die Unstatthaftigkeit der Klausel „aus confessionellem Bedenken" von selbst einleuchtend gemacht haben. Herr Dr. Lasker sagte sich: die Christen können durch zweierlei Erklärungen aus ihrem Religionsverbande austreten: entweder aus dem Christenthume oder aus der Kirche, wodurch sie zugleich aus der Ortsgemeinde O

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