Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1874)
- Date
- 1874-09-22
- Page
- Seite 653 (sequence 3)
- Language
- German
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Bewußtsein aller unserer Glaubensgenossen lebendig erwacht. Wie auch die Fluth beschaffen, sei, auf welcher der Einzelne .dahinfährt, ob im heftigen Drange der auf- und. niedersteigenden Wogen, oder auf leise hinfließender Welle, aus all' den Gedanken und Gefühlen, die ihn sonst bewegen, und aus all'den Verhältnissen, in denen er sich sonst bewegt, erhebt er sich auf die Höhe des religiösen Gedankens, und wendet sich diesem mit mehr oder weniger Ernst, mit mehr oder weniger nachhaltiger Energie zu. Gehen wir daher in diesem Augenblicke auf den religiösen Gedanken etwas näher ein. - Die h. Schrift, dieser ewig frische Urquell unserer religiösen Anschauungen, setzt den religiösen Gedanken als einen integrirenden Theil des Menschengeistes, als ein naturwüchsiges Element desselben voraus. Wer ihre ersten Seiten mit Verständniß zu lesen vermag, dem wird es inne, daß die h. Schrift den religiösen Gedanken als einen dem Menschengeifte eingeborenen betrachtet und voraussetzt. In der Geschichte des Paradieses handelt es sich um das erste Erwachen des menschlichen Bewußtseins, und dieses ist nichts Anderes, als „die Erkenntniß des Guten und des Bösen." Der trotz seiner feurigen Phantasie durchaus praktische Orientale versteht unter dieser Erkenntniß des Guten und des Bösen überhaupt alle Erkenntniß, und es ist überaus bezeichnend, daß hiermit vom . Beginne an „die Erkenntniß" als die Grundlage alles religiösen Lebens aufgestellt, als der wesentlichste Inhalt der Religion angesehen wird, in vollem Widerspruche mit denen, welche das Abhängigkeitsgefühl oder gar die Furcht als die Mutter aller Religion betrachtet wissen wollen. Für die biblische Anschauung geht in Ursprung und Entwickelung des religiösen Lebens die Erkenntniß allen übrigen Momenten voran. 'Sie sieht die Erkenntniß als die ursächliche Grundlage, und später als die immer wieder eintretende Correctur des religiösen Lebens an. Wir erinnern nur an die Erkenntniß Gottes als Allmächtigen Chi») bei den Erzvätern, als Ewigen und Einzigen (mm und nnrr) bei Moses, an die Aussprüche Samuels und der Propheten gegen den bloßen Formdienst im Opfercultus u. s. w. — Die Erkenntniß „des Guten und Bösen" heißt nichts Anderes, als das. Bewußtsein, daß das Thun und Lassen des Menschen nicht gleichgültig, sondern in einem gewissen Verhältniß zu einem höheren Wesen, zur Gottheit, steht. Was dem Willen dieser Gottheit entspricht, ist das Gute, was diesem Willen entgegentritt, ist das Böse. Der Mensch an sich wäre ein bloßes Naturgeschöpf, wie alle anderen Wesen der Erde, deren Thun, weil es aus dem Naturgesetze fließt, individuell bedeutungslos ist. Der Mensch aber, indem er . aus der anerschaffenen Natur seines Geistes heraus in ein unmittelbares Verhältniß zur Gottheit tritt, indem er Freiheit des Willens besitzt, also nach eigener Entschließung handelt, nach seinem eigenen Willen thut und unterläßt, erhält für das letztere einen besonderen Werth, den der Uebereinstimmung oder des Widerspruches mit dem ihn betreffenden Willen der Gottheit^ den Werth des Guten und des Bösen. Erst als dieses Bewußtsein erwacht war, gesellten sich, die anderen Momente, des religiösen Gedankens hinzu. Da hören, die kindlichen Menschen den Donner, halten ihn nicht blos für die Stimme Gottes, sondern für die Stimme des ihnen zürnenden Gottes, zürnend, weil sie sich einer bösen That bewußt werden, und sie die Strafe dafür erwarten. Es ist dies die kindliche Fassung des zweiten Momentes des religiösen Gedankens, der göttlichen Vergeltung, eines Momentes, das noch einer langen und reichen Entwickelung entgegenging. , Es war die nothwendige Consequenz des Bewußtseins des Guten und Bösen; denn die .Uebereinstimmung oder der Widerspruch mit dem Willen Gottes erhielt erst seine ganze Bedeutung, wenn diese, die Uebereinstimmung oder der Widerspruch, wirksame Folgen für den Menschen hatten, d. i. die göttliche Vergeltung für das Gute und das Böse. Nur später erst, als das menschliche Leben sich zu entwickeln und hiermit verworrener zu werden begonnen, trat das dritte Moment, das Abhängigkeitsgefühl hinzu. Die Vergeltung allein füllt dieses Abhängigkeitsgefühl nicht aus; sie ist immer erst eine Folge des freien menschlichen Thuns und steht daher in einer gewissen Abhängigkeit von diesem. Aber als der Mensch gewahrte, daß Vieles ihm begegnete, was nicht Folge seines eigenen Thuns ist, was ihn, sei es Freudiges oder Schmerzliches, ohne seine eigene Veranlassung betraf, was er also dem freien Willen der Gottheit zuschreiben mußte: da wurde auch das Abhängigkeitsgefühl in ihm rege. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß dies um so leichter geschah, als der Mensch sich über feinen eigenen Seelenzustand wenig aufklärt und über den sittlichen Werth seiner Handlungen sich der Täuschung immerfort hingiebt. Es wird ihm daher gar nicht schwer, die Ursachen seiner Erlebnisse außerhalb seines eigenen Thuns zu suchen und sie als eine höhere Fügung anzusehen. Als die h. Schrift die Geschichte Kains und Abels beginnt und angegeben hatte, daß Abel ein Schafhirt, Kain ein Landbebauer geworden, sagt sie ausdrücklich (1 Mos. 4, 3): „Aber es war nach Verlauf von Jahren, da brachte Kain von der Frucht des Bodens ein Opfer dem Ewigen dar u. s. w." Sie spricht es also ganz bestimmt aus, daß erst in der weiteren Entwickelung des menschlichen Lebens das Abhängigkeitsgefühl zu den vorhandenen Elementen des religiösen Gedankens hinzutrat. Als der Mensch der Viehzucht und dem Ackerbau, sogar in getrennter Weise, oblag und hier reichen Ertrag oder Mißwachs und Verlust erlebte, erwachte in ihm das Gefühl der Abhängigkeit von der höheren Macht, und äußerte sich zuerst in dem Dankgefühl für den reichlichen Ertrag, welches sich in der Darbringung der Erstlinge und der Fettstücke als Opfer zum Ausdruck drängte. Bald auch wurde der Mißerfolg dem besondern Willen der Gottheit zugeschrieben, und hieraus entspannen sich die Leidenschaften, welche die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhänge entzweiten. Auf diesem Gebiete entwickelte sich dann die Thätigkeit des Gewissens, welches nicht mehr blos nach der 39*