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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-15 · Heft 38 (15.9.1874) · p. Seite 645

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 38 (15.9.1874)
Date
1874-09-15
Page
Seite 645 (sequence 11)
Language
German
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„Aha, Freund Lebrecht," unterbrach ihn ein - Andrer, „Dü steuerst schon wieder auf Deine beliebten metaphysischen Betrachtungen los — aber dahin wollte die verehrte Tante gewiß nichts Vielmehr soll sie uns sagen, was sie zu ihrer schönen und richtigen Bemerkung veranlaßt hat. Sie holt dies nicht nach Deiner Art aus der Sonne und den Wolken, sondern ihre Gedanken knüpfen sich an irgend ein Ereigniß des Tages; und dies soll sie uns mittheilen; denn wir sind, wenigstens ich, neugierige Leute." „Du Haft Recht, Leo," erwiderte die Aufgerufene, und aus ihren milden Zügen schwand der Ernst nicht, den man heute schon früher an ihr. bemerkt hatte. „Mein Mann war, bevor ich hierher ging, aus einer Vorstandssitzung gekommen, und theilte mir mit, daß Dr. F., unser Rabbiner während der letzten drei Jahre, sein Entlassungsgesuch eingereicht hat." Die Gesellschaft schien betroffen. Lebrecht unterbrach das Schweigen, indem er ausries: „Das hat!)r. F. gethan, um sich bei der bevorstehenden Wiederwahl keiner Niederlage auszusetzen, die er-wohl als ein ziemlich sicheres Resultat voraussah!" „So wird es sich wohl verhalten," rief Leo mit einer gewissen Entrüstung aus; „aber es ist eine Schmach für die Leute, welche dieses Resultat herbeigeführt haben! Einen solchen Mann bekommen wir nicht wieder; er ist viel zu bedeutend und groß für die Schwächlinge und. Ignoranten, die ihn zu beurtheilen sich anmaßen. Was haben sie denn gegen ihn? Aber zuvor, liebe Tante, Dein Mann ist ja ein Vertrauter von ihm, kannst Du uns sagen, was llr. F. vor hat?" „Genau hat er es meinem Manne nicht gesagt; er scheint vorerst kein bestimmtes Amt wieder annehmen zu wollen; er will sich mit eigenen Kräften eine Bahn brechen, und hierzu nach einer größeren Stadt übersiedeln." „Ach so," üuterbrach sie Lebrecht wieder, „nun versteh' ich Dein Gleichniß, Tante, vom Fortschleudern und Gewölk, aus dem man nicht wieder heraus kann. Möge es ihm besser ergehen. Vielleicht ist es recht gut für ihn, daß er unsere Stadt verläßt; wahrscheinlich wäre er hier versauert." Obschon die meisten Anwesenden mit dem ausgesprochenen Wunsche übereiustimmen mochten , so verletzte sie doch die letzte Bemerkung, und der Herr des Hauses ging schnell darüber hinweg, indem er die Frage aufwarf: „Wie ist dies doch nur gekommen? Würde jeder Einzelne der Wahlberechtigten gefragt werden, so würde kaum Einer geradezu eingestehen, daß er gegen F. stimmen werde. Aber bei der leidigen Wahl durch Stimmkugeln und bei der bekannten Gesinnung der meisten, steht der traurige Ausfall sicher. Der Mann ist durchaus unbeliebt, und da es diesmal eine definitive Wahl auf Lebenszeit gilt, beruft sich Jeder auf die Anderen, daß sie ihn für immer nicht behalten wollten. Warum ist er aber so unbeliebt?" Mau wußte es in der Thal nicht zu sagen. Man war vielmehr in diesem kleinen Kreise seines Lobes voll. „Wir werden," sagte die Tante, „einen solchen Prediger, von so schöner Sprache, mit so klingendem Organ, so gedankenreich und ergreifend, nicht wieder bekommen; dergleichen sind selten." „Gegen seine Gelehrsamkeit kann Niemand etwas einwenden," sagte ein Anderer. Er weiß in Allem Bescheid, am meisten in seinem Fache, wo er ganz zu Hanse ist, und freilich auch neue, ungewöhnliche Ansichten hat. Doch prunkt er nicht mit seinem Wissen, und zeigt es nur. wenn man ihn fragte" „Und wie weiß er die Kinder im Unterrichte zu fesseln, fügte eine Dame hinzu. Meine Töchter können jedesmal die Zeit nicht erwarten, wenn sie zu seinem Unterrichte gehen sollen.^ „Gegen seinen Lebenswandel läßt sich nichts einreden," fuhr ein Vierter fort. „Es haftet kein Makel an ihm. lind wenn auch einige Mucker den Kopf schütteln, weil er ihnen nicht genug frömmelt, nicht immer den täglichen Gottesdienst besucht, nicht genug die Augen verdreht und mit seiner Frömmigkeit prunkt, so haben sie ihm doch nichts Besonderes vorzuwerfen, und sind von seineu Vorträgen in der Chewra entzückt." „Dabei ist er leutselig und freundlich gegen Jedermann, macht keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, besucht die Kranken und Leidtragenden, geht in die Hütten der Dürftigen und sucht zu Helsen, wo und wie er kann. In der ganzen Stadt lobt man ihn, und einige Schriften, die er herausgegeben, haben auch die christliche Welt auf ihn aufmerksam gemacht." „Ja, ja," schloß endlich Lebrecht, „da habt Ihr es endlich; es ist eine Schmach für uns, und wird uns von aller Welt verdacht werden. Aber ich weiß noch immer nicht, wie es zu erklären ist?" Niemand antwortete, doch unwillkürlich lenkten sich die Blicke auf einen Greis, der bis jetzt geschwiegen hatte. „Bruder Isaak," wandte sich die Tante an diesen, „was meinst Du denn dazu?" Der Angeredete lächelte ein wenig, und erwiederte: „Ich weiß es auch nicht, aber meine Meinung will ich Euch nicht vorenthalten. Ich glaube, der Mann ift eben zu groß, zu genial für unsere Umgebung; das können die meisten Menschen nicht vertragen. Trotz seiner Leutseligkeit und wahren Bescheidenheit leuchtet aus ihm unbewußt und unwillkürlich, aus seinen Worten, seinen Geberden, seiner Haltung die Größe seines Geistes , die Schärfe seines Verstandes, die Tiefe seines Gemüthes, und vor Allem die Festigkeit und Würde seines Charakters hervor. Wo er spricht, müssen die Anderen schweigen; äußert er seine Meinung, sein Urtheil, so übt es eine so entschiedene Macht, daß man ihm nichts zu erwiedern vermag. Seine ganze Erscheinung imponirt, ohne daß er es will, und da sich ihr nun die Würde des Amtes hinzugesellt, übt sie einen bestimmenden Einfluß. Dies können, wie gesagt, die Menschen nicht vertragen; es drückt auf sie wie eine Last, wie ein Joch, das sie möglichst bald abzuschülteln suchen. Ein solcher Mensch gehört in eine große Umgebung, wo es noch andere Größen giebt, und wo man an 38*

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