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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-15 · Heft 38 (15.9.1874) · p. Seite 640

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 38 (15.9.1874)
Date
1874-09-15
Page
Seite 640 (sequence 6)
Language
German
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man wollte nun.einmal Sündenböcke haben und Exempel statniren. — Auch im Reichstage, welcher das Jahr 1848 überlebte, um, nach Kremsier verpflanzt, ein kraftloses Dasein zu führen, bis er am 7. März 1849 mit Waffengewalt gesprengt ward, befanden sich mehrere Juden, ein buntes Gemisch, wie,z. B. Fischhof, der Prediger Mannheimer, (der zweimal sprach, über die Aufhebung der Judensteuer und als Berichterstatter über die Aufhebung der Todesstrafe,) und der greise Rabbiner aus Krakau, von welchem Letzteren erzählt wird, daß er auf die Frage eines Ministers: „Warum die Juden alle auf der Linken säßen?" antwortete: „Weil wir in Oesterreich keine Rechte haben." So gesinnungstüchtig diese Männer auch waren, eine hervorragende Rolle haben ffie in der Versammlung nicht gespielt, und keine der großen, entscheidenden Debatten und Resultate, knüpft sich an ihre Namen. - Dies war der Antheil, den die Juden an der revolutionären Bewegung in Oesterreich hatten. Außerhalb Wiens hat sich ein solcher gar nicht bemerklich gemacht; denn überall, in Böhmen, Galizien, bei den Südslaven und Rumänen machte die Nationalität alles aus, während die Juden auf Seiten der Deutschen standen und mit diesen feindlich bekämpft wurden. Wir haben uns nur noch einmal nach Berlin und Frankfurt zu wenden. In die preußische Nationalversammlung waren, wie in die deutsche, nur wenige Juden gewählt. In der ersteren saßen die beiden Aerzte J o hann I a c o bh und Kosch. Der erstere, der sich bereits durch seine berühmte Broschüre „Vier Fragen eines Ostpreußen" und andere Streitschriften viele Anerkennung erworben, aber auch Verfolgung zugezogen hatte, war durch seine klar gedachten und mit Consequenz festgehaltenen Principien und feinen unerschütterlichen Charakter ein Mittelpunkt der Partei der Linken, ohne daß er als Redner oft und glänzend aufgetreten wäre, ging nach der abermaligen Auflösung der zweiten Kammer nach Frankfurt, wohin er von Anfang an 'gleichzeitig gewählt worden, nahm am Rumpfparlament Theil, und begab sich nach dessen Sprengung in Stuttgart nach der Schweiz. Unterdeß war er, weil er der Zurückberufungsordre der preußischen Mitglieder nicht Folge geleistet, des Hochverraths angeklagt. Trotz vielfacher Warnungen eilte er aus der Schweiz nach seiner Heimath Königsberg, stellte sich dem Gerichte, vertheidigte sich selbst und wurde gänzlich freigesprochen. Hierauf trat er in das Privatleben zurück und nahm erst 1859 wieder eine Wahl in das preußische Abgeordnetenhaus an. Die eigenthümliche Stellung, die er nach und nach und namentlich der neuesten Entwickelung der politischen Verhältnisse gegenüber eingenommen hat, berührt uns hier nicht. Er war es, der dem Könige Friedrich Wilhelm IV., als dieser eine Deputation der preußischen Nationalversammlung mit einer Adresse schweigend verabschiedete, das Wort zurief: „Das 'ist eben das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen!" — Auch Kofch, von seiner Heimalhstadt Königsberg von 1848 an bis zu seinem Tode (18'69) zum Abgeordneten gewählt, vertrat mit derselben Charakterfestigkeit"die liberal-doctrinäre Partei: Er war einen Monat läng der erste Vicepräsident der zweiten preußischen Kammer, sonst ' fast immer Vorsitzender 'der Geschäftsorbnungscommission. Für Viesen Zweig, sowie für die Vertheidigung der Rechte seiner Glaubensgenossen hat er sich großes, in letzterer Beziehung unsterbliches Verdienst erwürben. Aus der deutschen Nationalversammlung haben wir G a b r i e l Rieß er und Moritz Veit zu nennen. Der Letztere, ein milder, bescheidener Charakter mit elastischer Bildung gehörte der gemäßigten Partei an, sowie in seiner Thätigkeit der Contmission des Parlaments für die Gewerbeordnung. Rießer , der einige Zeit lang zweiter Vicepräsident der deutschen Nationalversammlung, durch Umstände sogar alleiniger Präsident war, zählte zu den eifrigsten Anhängern Heinrichs v. Gagern, war später Mitbegründer der sog. Gothaer, also ungefähr was wir jetzt nationalliberal nennen;- er saß im linken Centrum. Seine umfassende Thätigkeit und Wirksamkeit in dieser Versammlung, wie er auch bereits denn Vorparlamente angehört und durch klare Formulirung der Fragestellung genützt hatte,.sowie seine Bedeutung als "Redner, da er sich ebenso durch scharfe Fassung und lichtvolle Darstellung der Gedanken, wie durch Gemüthstiefe und Redeschwung auszeichnete, können wir hier im Detail nicht verfolgen und verweisen hierüber auf den Jahrgang 1867- S. 346. 365. Dem stürmischen-Andrang der radical Linken trat er muthvpll entgegen, und dem Pöbel, der die Paulskirche stürmte, widersetzte er sich persönlich. Später trat er auch in das Parlament zu Erfurt ein. — Aber auch das wollen wir noch hinzufügen, daß unter den Barrikadenkämpfern in Frankfurt, welche durch die -preußischen Waffen niedergeworfen wurden, einige Juden gewesen sein sollen, und daß das (freilich unerwiesen) Gerücht ging, bei dem schändlichen Morde des Fürsten Lichnowsky sei auch „ein lahmer jüdischer Schulmeister" zugegen gewesen. Dies ist es, was wir, wenn auch nicht ganz erschöpfend^ doch unparteiisch über den Antheil der Juden an der revolutionären Bewegung im Jahre 1848 zu berichten haben. Es war das erste Mal, daß die Juden gewissermaßen berufen waren, an einem großen politischen Ereigniß Antheil und in und zu ihm Stellung zu nehmen. Aber das geht zuverlässig hervor, daß sie in keinerlei Weise diese Theilnahme als ein gesonderter Körper, mit besonderen Zwecken und Tendenzen in irgend einer ausschließlichen Weise bethätigt haben. Vielmehr erwiesen sie sich als einen integrirenden Theil des gesammten Volkes, in völliger -Amalgamation mit diesem, gleicher Weise allen Schichten, Rich-- tungen, Meinungen und Parteien desselben angehörig. Eine besondere und scharf hervortretendc Neigung für die Revolution läßt sich ihnen nicht Nachweisen. Selbst die bürgerliche'Gleichstellung bot hierfür keine besondere Nahrung,, da 'sie, gleich von Beginne an zugestanden, gar kein wesentliches Streitobject der revolutionären Bewegung bildete. Hingegen waren sie durch die andauernde Revolution und durch die daraus entstehende Anarchie

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