Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1874)
- Date
- 1874-09-15
- Page
- Seite 639 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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aller Culturiritereffen wesentlich zum Sturze des alten Regiments beitrug, die Scham, die jeder gebildete Mann über die herrschenden Zustände empfand, der allgemeine Widerwille, einer abgelebten Regierung zu dienen, den Bruch mit der Vergangenheit wirksam vorbereitete, so kann doch von einer ruhigen Entschlossenheit da nicht füglich gesprochen werden, wo der Sieger über seinen Triumph erstaunt, wo der Verlauf der Revolution an die Thätigkeit mechanischer Kräfte erinnert. Trotzdem kommt Endlicher^ Definition der Wahrheit viel näher, als die in officiellen Kreisen gangbare Erklärung der Wiener Revolution als das Werk vorlauter Studenten und zudringlicher Juden. Es ist wahr, die Studenten sahen sich bald als die einzig berechtigten Wächter der Freiheit an, ihr jugendlicher Ungestüm hatte am 13. März die Revolution zuerst in Fluß gebracht. Auch das kann nicht geleugnet werden, daß die Redner im Hofe des Landhauses, die Sprecher im Ständesaale: Fischhvf, Goldmark, Kapper, Hermann u. A. meist dem Judenstamme angehörten. Schwerlich hätte aber die natürliche Kühnheit der Studenten, die — durch die Culturzustände Oesterreichs übrigens begreifliche — leichte Beweglichkeit und formelle Gewandtheit der Juden einen nennenswerthen Erfolg erreicht, wenn nicht hinter diesen Vorposten dichte Volksmaffen, gleichgesinnt und ähnlich gemuthet, gestanden hätten. Auch waren es nicht Studenten und Juden, welche im Conferenzsaale die Forderungen des Volkes durchsetzten. Jenull und angesehene Professoren eroberten die Volksbewaffnung, Schmerling, Monteruccoli, Brenner und andere Ständemitglieder sprachen der Abdankung Metternichs das Wort, Bauernfelds beredten Schilderungen am Morgen des! 5. März gelang es, dem zögernden Familienrathe das förmliche Constitutionsversprechen abzuringen. Die Wiener Revolution könnte man demnach auch als das Werk ängstlicher Conservativer und guthmüthiger Vermittler ausgeben, welche, um die Dynastie zu retten und unnützes Blmvergießen zu vermeiden, die Einen zu jedem Opfer bereit waren, die Andern kein Opfer zu groß fanden. Die allgemeine Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit der herrschenden Zustände machte jede Aenderung willkommen, die schon längst vorhandene Stockung auf allen Gebieten der Staatsverwaltung gab der Revolution alle Mittel in die Hand, die Unfähigkeit der leitenden Persönlichkeiten sicherte den mühelosen Sieg. Die Revolution wäre kein „Knabenspiel" gewesen, wäre die Negierung nicht Kinderspott geworden." — An einer anderen Stelle schildert Springer die völlig verkehrte Stellung der Juden in Oesterreich, und wie man sie zu „Bettlern an Rechten" verurtheilt hatte. Dann fährt er fort lS. 296): ' „D.ie tiefe Verbitterung, welche so widerspruchsvolle Zustände natürlich Hervorrufen mußten, zeigte jede Zeile der jüd. Schriftsteller. Mit keinem Worte verriethen sie eine gemächliche Teilnahme an dem Staatswesen, eine scharf ätzende Kritik, die schließlich auf die Verneinung alles Bestehenden hinauslief, hielten sie nicht allein für berechtigt, sondern für die höchste politische Weisheit. So verwerflich aber auch dieser hohlverständige Radikalismus erscheinen mochte, die Juden vertraten ihn wenigstens mit Ernst und' Consequenz. Sie waren Sophisten, wahrten aber sorgfältig den Schein der Bildung. Tief unter ihnen standen die echten Wiener Kinder in der Journalistik, die Höfner, Tuworo, Mahler, Endlich u. s. w. und vollends die Verfasser der zahlreichen Placate, welche täglich die Straßenecken bedeckten und untrüglich auf den Ursprüng en den niederen bürgerlichen Kreisen zurückwiesen. Hier galt rohe Gemeinheit und demokratisches Wesen, zielloses Raisonniren und Politik, Denunciationen mißliebiger Persönlichkeiten und radicale Anschauung für gleichbedeutend. Jedes Gesetz erschien diesen Leuten als eine unerträgliche Tyrannei, die Verfassung überhaupt als eine lästige Schranke, von welcher man in einem Zeiträume der Freiheit und Vernunft füglich absehen sollte." Wie weit dieses Urtheil Springers ganz parteilos sei, wollen wir hier nicht erörtern, da wir es, eben weil es eine scharfe Kritik ist, als die Grenzlinie dessen herstellten, was man über die journalistische Thätigkeit der Juden in Wien sagen kann, ohne sich auffälliger Ungerechtigkeit schuldig zu machen. Denn von der andern Seite könnte man hinzufügen, daß in einer solchen aufgeregten leidenschaftlichen und selbst den Schmutz zur Oberfläche bringenden Presse, Ernst , Consequenz und Bildung ein- und aufrecht zu halten, nicht blos Zeugniß von Charakter, sondern auch ein wesentliches Verdienst ist, da hierdurch schließlich die Leser wenigstens auf diese Stufe gehoben werden. — Wie Fischhof als besonnener Liberaler thätig war, und schließlich bei den Radicalen verdächtig wurde, so besaß der Sprachlehrer Taus e nau einen großen Einfluß im Lager der Letzteren, denen er, durch Willenskraft und Geistesschärfe ausgezeichnet, als Führer diente, bis er im Sommer durch Krankheit zur Unthätigkeit gezwungen war und nach den Octoberstürmen (1848) Wien verließ, einsehend, daß jetzt die Sache der Bewegung verloren sei. — Unter solchen Umständen kann es daher nicht überraschen, daß unter den Hinrichtungen, welche nach der Wiedereinnahlpe Wiens durch Windischgrätz ftattfauden, auch ein Jude war. Es wurden erschossen: das Mitglied der.Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum, der Commandant der Wiener Bewaffneten Messenhauser, der Redacteur des „Radicalen" Becher und dessen Mitarbeiter Jellinek. Nach dem Urtheil Springers, das wir, um unsererseits unparteiisch zu sein, auch hierüber anführen, sollte im Ersteren die Frankfurter Nationalversammlung, im Zweiten der Wiener Reichstag, in Becher die Wiener Journalistik, in Jellinek die jüdische Journalistik insbesondere getroffen werden. Jedenfalls war das Todesurtheil dieses Letzteren oas allerungerechteste; Springer sagt (S. 585): „vollends Jellinek war der unschuldigste weil unverständlichste radicale Schriftsteller, halbwüchsige Gedanken in der Hegelschen Schulsprache ausgedrückt, wucherten in jedem seiner Artikel." Jellinek war daher ganz unzurechnungsfähig, hatte sicherlich das Mindeste zu dem Widerstande Wiens beigetragen, weil Niemand seine eher komischen Phrasen verstand, und hatte die Waffen niemals getragen. Jndeß