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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-15 · Heft 38 (15.9.1874) · p. Seite 638

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 38 (15.9.1874)
Date
1874-09-15
Page
Seite 638 (sequence 4)
Language
German
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H - die kämpfende Partei; auf die unterste .Volksschicht beschrankte. Hiermit war aber auch die Macht der Bewegung gebrochen. Die Regierungspartei zog die Armee wieder an sich: es galt .nur noch den Kampf zwischen ihr . und der untersten Volksclasse, und dieser wurde unblutig in Berlin, blutig in Wien, Dresden, Frankfurt am Main und Baden, entschieden. Die Bewegung war zu Ende oder fing vielmehr nach rückwärts an. Freilich hatten sich die Führer der gemäßigten Parteien, insbesondere in den Parlamenten, eingebildet, daß die wieder zur Macht gelangten Regierungen ihren Beschlüsien sich fügen, oder wenigstens auf ihre Stimmen hören würden, auch nachdem das Volk wieder zur Ruhe gebracht worden. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Mustern wir nun die Reihen, so gewahren wir, daß Juden in allen Parteien, wie wir sie oben bezeichnet, sich vorfanden, an allen Nuancen theilnahmen; daß sie durchaus nicht etwa einer Schicht angehörten, sowie daß sie dem ganzen Verlaufe der Dinge in seinen verschiedenen Phasen folgten. So gehörten viele von ihnen, um dies hier schon zu bemerken, später zu der großen Bürgerclasse, welcher die eingerissene Anarchie widerwärtig war, und die daher das Ende der Bewegung ersehnte, und den Wiedereintritt der Regierungen in die Macht gern sah. Wir kennen Beispiele, daß in den Gemeinden selbst gegen solche Mitglieder, welche der demokratischen Partei zuneigten, eine aufgeregte Stimmung herrschte und sich kund that. In der preußischen ersten Kammer, welche bekanntlich der conservativen Richtung angehörte, saß auch ein Jude, Wilhelm Beer (Bruder von Meyerbeer und Michael Beer.) Nach der Einnahme von Wien, wo der Belagerungszustand herrschte und die Presse zum Schweigen gebracht war, erhielt Kuranda die Erlaubniß, neben der officiellen Zeitungen Blatt herauszugeben, die „Ost-Deutsche Post." — Hieraus ergiebt sich, daß die Juden als solche weder eine besondere Stellung innerhalb der revolutionären Bewegung einnahmen, noch irgend welchen besonderen Zweck im Auge halten. Aus dem, im vorigen Artikel beschriebenen Zustande, daß so viele geistig begabte, mit ganzer oder halber wissenschaftlicher Bildung ausgerüstete , jüngere Juden von jeder öffentlichen Laufbahn sich ausgeschlossen' sahen, ist es erklärlich, wie mit dem Beginne der Bewegung sich verhättnißmäßig viele Juden an den Volksversammlungen betheiligten und als Volksredner sich bemerklich machten. Es war dies der Fall in einzelnen deutschen größeren oder kleineren Provinzialstädten, was ohne große Bedeutung blieb; es war in Berlin der Fall, wo die Löwensteins, Ottensofers u. A. eine Zeit lang eine Rolle spielten — unter den Märzgefallenen war auch ein Jude, ein verkommener Lehrer, Weiß, der sehr tapfer mitgefochten — es war aber besonders und, dauernder in Wien der Fall. Am 13. März war hier die Ständeversammlung angesetzt. Springer (Th. U S. 185) berichtet: „Tausende von.Menschen, zumeist den besseren Classen .angehörig, füllten die Nächstliegenden Straßen, strömten später in den offenen Hos. Wie viele die Neugierde gelockt hatte, wie viele, mit dem Vorsatze einer Demonstration gekommen waren, ließ sich nicht ermitteln. Die sichtlich verlegene Stimmung, welche Anfangs unter den Anwesenden herrschte, widerlegte jedenfalls den später ausgesprochenen Verdacht, als ob die Ereignisse dieses Tages planmäßig vorbereitet, von Fachmännern der Revolution eingeleilet worden wären. Sie hätte noch länger gedauert,'da jeder nur Zuschauer sein wollte und vom Andern die Unterbrechung des peinlichen Zuwartens und Harrens hoffte, wenn nicht die erhitzte Phantasie, einem jungen, als Schwärmer bekannten Arzte, Fi sch Hof, endlich die Zunge gelöst hätte. Mit einem Hoch auf die Freiheit begann er, mit einem Hoch auf die Ungarn und Italiener schloß er seine Rede, die zwar nur von Wenigen vernehmlich gehört wurde,' aber doch zu eifriger Nachfolge reizte und in die Volksmasse Leben und Bewegung brachte. Doch erst als ein Student Kossuths Rede vom 3. März unter allgemeinem Jubel vorzulesen begann, steigerte sich die politische Leidenschaft, wurden wirklich revolutionäre Wünsche in der Menge rege." Dieser vr. Fischhof, ein Jude (damals 30 Jahre alt) war eine der edelsten, liebenswürdigsten und besonnensten Naturen; bei aller seiner Begeisterung für Freiheit und Recht suchte er zwar die höheren Ziele der Bewegung erreichen zu helfen, aber auch stets die aufgeregtenGemüther zu beschwichtigen, wie er dies auch an diesem 13. März wiederholt that. Er blieb der Bewegung in ihrem edleren Sinne treu, sich stets gegen deren Ausschreitungen stammend. Als Präsident des Sicherheitsaus-' schusses bemühte er sich, diesen thatkräftig, aber auf dem Wege der Mäßigung zu erhalten, und trat dann als Ministerialrath in das Unterrichtsministerium unter Dabbehof für einige Zeit auf dringendes Verlangen. Er schied aus dieser Stellung als er in den Reichstag gewählt worden. Er war es auch, der im Verein mit Smalka den unglücklichen Kriegs minister Latour mit eigener Lebensgefahr zu schützen und zu retten suchte, aber vom wüthenden Pöbel niedergeworfen und abgedrängt wurde. Er folgte dem Reichstage nach Kremsier; als dieser am 7. März (1849) aufgelöst werden sollte, drangen die Freunde vergebens in Fischhof zu fliehen, wie es mehrere andere Deputirte thaten. Er blieb, wurde in der Nacht vom 6. zum 7. verhaftet, blieb 9 Monate in Untersuchungshaft, wurde aber dann freigesprochen und entlassen. Von dieser Zeit an trat er vom politischen Schau? platze zurück. Er prakticirte darauf viele Jahre in Wien als Arzt, von großer Achtung umgeben, wie wir persönlich uns zu überzeugen Gelegenheit hatten. Neben ihm waren noch andere Juden in der Bewegung zu Men in verschiedenen Nuancen thätig. Springer, der den Juden sehr unfreundlich gesinnt ist, wie aus mehreren seiner Schriften erhellt, urtheilt hierüber (S. 195): „Wenn Endlicher, selbst ein hervorragender Träger der Märzbewegung im deutschen Vorparlament (11. April), die Wiener Revolution als einen „Sieg der Intelligenz und der ruhigen Entschlossenheit" feierte, so malte er allerdings mit lauter Lichtfarben. Muß man auch zugeben, daß die schnöde Verhöhnung

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