Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1874)
- Date
- 1874-09-15
- Page
- Seite 636 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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636 . ,r-% - , %'T; | t l‘f;-J, ' Der Verein „Schomer Israel" in Lemberg hat an den österreichischen Justizminister Dr. Glafer das nachstehende Memorandum gerichtet: - Ew. Excellenz! Der Verein „SchomerJsrael"' inLemberg, seinem statutenmäßigen Zwecke nach zur Wahrung jüdischer Interessen berufen, erlaubt sich ehrfurchtsvoll die Aufmerksamkeit Ew. Excellenz auf eine Erscheinung zu lenken, deren bisherige Nichtbeachtung eine Gährung der Gemüther erregt und den Keim zu einem socialen Brande'gelegt hat, der, weiter Umsichgreifens zu den bedauerlichsten Folgen führen müßte. Juden und Christen wohnten im friedlichen Beisammensein, der Bauer auf dem Lande sah in dem Juden seinen Freund und seinen Rathgeber, der ihn mit Rath und That unterstützte und - ihm half. Seit einem Jahre wird eine Aenderung dieser Verhältnisse angestrebt. Als nämlich im vorigen Jahre die Juden Galiziens gelegentlich der directen Reichsrathswahlen unbedingte Verfassungstreue und gesetzlichen Fortschritt innerhalb des Rahmens der Reichseinheit auf ihre Fahne schrieben, anstatt sich dem Ukas einer kleinen, aber desto rührigeren Clique, die Galizien als durchaus in Oppositions-Fahrwasser befindlich darstellen wollte, zu fügen, begann die „Gazeta Narodowa" den Vernichtungskampf gegen die Juden Galiziens in einer der öffentlichen Ruhe, Ordnung und dem Anstande hohnsprechenden, äußerst rüden Form zu predigen. Die Enttäuschung auf politischem Felde ^sollte .mit einem siegreichen Kampfe auf national-ökonomischem und socialem Gebiete gegen die Juden wennmöglich geführt werden. Aus den Brüdern jüdischen Glaubens, wie man die Juden zu nennen pflegte, sind auf einmal „Berräther an der heiligen Sache des Vaterlandes" geworden. Seit einem Jahre bringt fast jede Nummer einen Brandartikel gegen die Juden. Betrüger, Brandleger, Diebe, Landaussauger, Landplage sind nur eine kleine Blumenlese der von der „Gazeta Narodowa" beliebten Schlagwörteran welche sich stets die Aufforderung zum Kampfe gegen dieses feindselige Element knüpft. Kampf auf national-ökonomischem Gebiete heißt nach der Theorie der „Gazeta Narodowa" Ausschließung der Juden von jeder Geschäftsverbindung, Entfernung von ihrem wohl erworbenen Besitze. Kein Gutsbesitzer soll einem Juden verpachten, kein Bauer bei einem Juden einkehren, ihm Dienste leisten, Wohnungen vermiethbn, seinen Acker bestellen, seine Ernte einheimscn) mit Einem Worte, die Juden sollen in Acht und Bann gethan werden. Das ist die tägliche Parole der „Gazeta". Für die Landbevölkerung, überhaupt für die unteren Volksschichten berechnet, werden deren niedrigste Leidenschaften gegen die Juden als Feinde ihres Glaubens und ihres Eigenthums aufgestachelt, und es ist einleuchtend, welche Gefahr darin liegt, wenn das im Lande weitverbreitete Blatt mit aller Leidenschaft und aller Heftigkeit Lehren predigt, welche den Kampf gegen die Juden, ja die Ausrottung dieses Elements als nationale Pflicht in den grellsten Farben schildern, deren Befolgung die Hebung des Volkswohlstandes bezwecken und sichern soll. Es würde zu weit führen, und es ist auch' unmöglich, alle Brand- und Hetzartikeb hier zu citiren, aber einige Ci täte, aus den betreffenden Nummern, welche" in der Anlage beigeschlossen sind, sollen unsere Behauptungen rechtfertigen. Der Nacenkampf .ist. das Programm, geworden. Diesem strafwürdigen Treibet^ diesem Treiben, das' mit eherner Schrift die Merkmale von Haß und Verachtung gegen anerkannte Religionsgenofsenschaften, Aufforderung zu Feindseligkeiten, von Aufwiegelung , Gutheißung von unerlaubten Handlungen und noch anderen strafbaren Handlungen an der Stirne trägt, sieht die hohe k. k. Staatsanwaltschaft mit verschränkten Armen zu, und nicht einmal das objective Verfahren wurde dagegen in Anwendung gebracht. Kein einziger der zahllosen Brandartikel ist consiscirt worden. . Wartet die k. k. Staatsanwaltschaft vielleicht darauf, bis die mit Bosheit und Gewissenlosigkeit von der „Gazeta Narodowa" gestreute Saat blutige Früchte tragen wird? Verträgt es sich mit der Rechtsordnung, daß dann vielleicht der Verführte zur Rechenschaft gezogen wird, während der Verführer sttaflos ausgeht und sein abscheuliches Handwerk ungescheut fortsetzen darf? Sollen in einem Theile Oesterreichs, dessen Verfassung und Grundrechte den Stolz des Continentes bilden, rumänische Zustände, die den Abscheu des civilisirten Europas erregen, herangebilvet und geduldet werden? . Darf es in Oesterreich so weit kommen, daß mehr als 600,000 Bürger darum in ihrer Ehre geschädigt und an ihrer Person und ihrem Vermögen straflos von journalistischen „Bravi" bedroht werden, weil sie ihr Heil nur, und ausschließlich nur in der Reichseinheit, in der Verfassung und in dem verfassungsmäßigen Fortschritte suchen, welche eine Grundbedingung der Wohlfahrt unseres Vaterlandes sind, denen die Juden.in Treue und Leben ergeben sind, und weil Arbeit, Fleiß und Sparsamkeit »sie zum Mittelpunkte des Handels und Gewerbes gemacht haben? Dürfen in Oesterreich derartige communistische Tendenzen geduldet werden? ' Darf finsterer Religionshaß ungeahndet eine Religionsgenossenschaft offen befehden? Ew. Excellenz! Ein sehr bedeutender Bruchtheil der Bewohner Galiziens bittet um Abhülfe. Der bewährte Gerechtigkeitssinn Ew. Excellenz ist Bürge, daß gegenwärtiger Nothschrei nicht erfolglos verhallen wird, und bitten wir ehrfurchtsvoll um geeignete Weisung an die hohe k. k. Staatsanwaltschaft in Lemberg. Dieser Eingabe hat der „Schomer Israel"- die folgende Blumenlese aus der „Gazeta Narodowa" beigefügt: :