Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1874)
- Date
- 1874-09-08
- Page
- Seite 629 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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6L9 eine tragische Gestalt geworden. „Shylok hat recht," sagt Benedix, „die andern alle unrecht. Und Shylok geht zu Grunde) und die andern triumphiren. Kann es eine größere Unsittlichkeit geben, als wenn das Unrecht triumphirt?" Noch abscheulicher werde der Triumph, weil er sich darauf stütze, daß Shylok ein Jude ist. Er habe nach der. Behandlung, die ihm zu Theil geworden, ein Recht nach Rache, nach Vergeltung zu verlangen. Besonders die Entführung der Jessica giebt ihm das Recht: „Und diese Jessica! Vergebens bemüht sich die Shakespearomanie, vergebens bemüht Shakespeare selbst, die Jessica weißzuwaschen. Was sollen nun die Worte: sie ist nicht seines Herzens, sie ist nur seines Blutes Tochter. Jeder, der schlecht handelt, sucht sich vor sich selbst zu entschuldigen, aber Phrasen sind keine Rechtfertigungsgründe. Und Jessica handelt schlecht, handelt gemein. Mochte sie sich entführen lassen, das entschuldigte vielleicht die Liebe. Aber den Vater um Geld und Gut bestehlen, ist gemein.*) Ich habe mich geschämt, als ich las, daß die Shakespearomanie diesen Zug schön findet und darin den praktischen Sinn ihres Volkes erkennt. Wir haben also Shylok hier, der von einer ganzen Bande von Christen gehetzt wird, weil er ein Jude ist, den man verhöhnt, beschimpft hat, dem man Vermögen und fein Kind gestohlen hat, und dieser in den tiefsten Tiefen seines Lebens verwundete Mann soll vor Gericht Gnade üben, soll die Buße aufgeben, und damit die einzige Möglichkeit der Rache für Beleidigungen? Er thut es nicht, er will Rache, er besieht auf seinen Schein, und er hat recht, dreimal recht, zehnmal recht." Dem „königlichen" Antonio legt Benedix es als eine Gemeinheit aus, daß er das halbe Vermögen des Juden nimmt. Die Anforderung an Sylok aber, sich taufen zu lasien, ist „der Gipfel der Niederträchtigkeit", die an dem Juden verübt wird: „Und nachdem Shylk derart vernichtet ist, beginnt der fünfte Akt in zauberischem Mondscheine, sanfte Musik in der Ferne, und auf der Bühne sitzen Jessica mit ihrem Entführer. Nicht weit davon in Venedig liegt ihr alter Vater, das Gesicht an: Boden, das Haupt mit Asche bestreut, gemißhandelt, zertreten, vernichtet, sucht er vergebens Trost im bittersten Weh — seine Tochter aber^ lehnt sich in süßem Liebesgeflüster an ihren Geliebten. Und hierher nach Belmont kommen Porzia, Nerissa, Antonio, Bassando, Graziano, alle von der großen Judenhetze, und in scherzhaftem Liebesstreite, in süßen Neckereien freuen sie sich ihres Lebens, während in Venedig das Opfer ihres Thuns sich krümmt im Schmerz der Bittern Wunden, die sie ihm geschlagen. Dieser fünfte Akt ist der Gipfel der Unsittlichkeit, den *) Bisweilen scheint es, als ob Shakespear seine Zuschauer geradezu habe ironisiren wollen, als ob er ihnen hinter der Scene zugerufen hätte: „So viel kann man eurem blinden Hasse zumuthen!" Die Jessica stiehlt ihrem Vater nicht blos Gold und Edelsteine — sondern auch den Verlobungsring ihrer Mutter mit ihm, und giebt denselben später hin, um — einen Affen dafür zu erkaufen! und dennoch wird sie als tteu ünd tugendhaft geschildert! Redaction. der Dichter erklommen." Dieser fünfte, von den Shakespearomanen so verherrlichte Akt erscheint Benedix poetisch und dramatisch so bedeutungslos wie möglich und. in jeder Beziehung als der größte Fehler. Benedix stellt den „Nathan" Lessing's dem Shylok Shakespeare's gegenüber und verherrlicht mit Lesstnsi Goethe und Schiller, das Dreigestirn unserer großen Dichter. — So weit Gotischall. Wir glauben kaum, daß diesen Ausführungen Benedix' etwas Schlagendes entgegengestellt werden kann. Und doch hatte sich Shakespeare nicht verrechnet, denn noch immer füllt dieses widerwärtige Stück die Schauspielhäuser, während bedeutendere und edelere Dramen Shakespeare's unausgeführt bleiben. CorresponLrn;. Stockholm, im August. Ähre sehr geschätzte Zeitung brachte vor einiger Zeit Correspondenzen unter der Rubrik: „Warnungstafel", um Gemeinden und Private vor Abenteurern und Ausbeutern zu schützen. Wir dürfen in Nachstehendem einen geeigneten Beitrag hierzu liefern. Ein „Localrabbiner" in einer Gemeinde Böhmens überfluthete seit Jahren Rabbiner und Privatpersonen mit Bettelbriefen, die an Cynismus und elender Kriecherei Unübertreffliches bieten. Die Schilderung der angeblichen Leiden wirkt auf den unbefangenen Leser im ersten Augenblicke so ergreifend, daß nicht eine Ahnung von einem Schwindel aufkommen kann, und nur durch einen Zufall ist es uns gelungen, die allerniedrigste Betrügerei zu entdecken. Nur ein kleines Pröbchen des vier Seiten langen Briefes: „Wer da weiß, was es heißt zweien Herren dienen, der kann ermeffen, was das erst heißen muß, von den Launen von 30 Bettlern abhängig zu sein. Man muß sich kränken, quälen, beleidigen und verkürzen lassen und hatdoch keine Annehmer! Wer waget es auch sich eines armen, gedrückten Rabbiners anzunehmen! Ein Rabbiner in Böhmen — das ist ein Mensch, der außerhalb des Gesetzes steht und gegen den^ man sich ungestraft eine jede Bedrückung erlauben kann." —^ So kam im Jahre 1871 von demselben Petenten ein Brief an den hiesigen Herrn Rabbiner und vor einigen Wochen ein solcher an einen unserer Gemeindevorsteher. Da dergleichen Zusendungen dem Rabbiner zur näheren Prüfung vorgelegt werden, so fand sich, daß beide Briefe stereotyp verfaßt und nicht allein wörtlich dieselben Sätze, sondern auch dieselben groben orthographischen und grammatikalischen Schnitzer enthielten. Nur mit dem Unterschiede, daß der Brief an den Rabbiner mit einigen hebräischen Floskeln und lateinischen Citaten aus der Vulgata -Übersetzung der Bibel geschmückt ist. Beiden Briefen fehlt das obligate, gekaufte Doctordiplom aus Gießen nicht, trotz des Zeitraumes von drei Jahren bleibt der Schreiber 37 Jahre alt und 18 Jahre taub und trotz der fluctuirenden Gelvverhältniffe wünscht er immer nur 50 fl. als Beitrag zur Errichtung eines Geschäftes für seine 37*